Übersetzen in Cairo

Das wurde ja auch mal wieder Zeit. Endlich zurück in Cairo, endlich zurück in der tollsten, lautesten, lebendigsten Stadt der Welt.

Ich hatte das große Glück, eingeladen worden zu sein als Teilnehmerin eines Workshops für deutsch-arabische Übersetzer, veranstaltet vom Deutschen Übersetzerfonds und vom Goethe Institut. Zusammen mit neun anderen Kollegen aus Deutschland und Ägypten haben wir eine tolle, intensive, hochspannende Woche verbracht, voll mit Eindrücken, Erlebnissen und natürlich Literatur.

Goethe Kairo

Goethe Institut Cairo

 

Was haben wir gemacht? Jeder der zehn Teilnehmer hat ein Projekt mitgebracht, einen Roman, ein Theaterstück, Gedichte, die er oder sie übersetzt, entweder aus dem Arabischen ins Deutsche oder eben umgekehrt. Und dann wurde gearbeitet. Texte wurden auseinander gepflückt, Formulierungen diskutiert, Schwierigkeiten geteilt, Probleme gelöst und hitzige Diskussionen geführt: „Wie sehr darf ich als Übersetzer in den Text eingreifen?“, „Was mache ich mit starken Dialekten?“, „Wie löse ich Wortspiele auf, die in der Zielsprache keine Entsprechung haben?“, „Darf ich einen Text ‘verbessern’, wenn der Ursprungstext holperig und schief klingt?“, „Dient die Übersetzung in erster Linie dem Text oder dem Leser?“, „Was mache ich, wenn mich der Text so sehr aufwühlt, dass ich kaum mehr Abstand einnehmen kann?“.

Wahnsinnig spannend, was da so bei rumkommt – man macht sich ja als Nichtübersetzer, bzw als normaler Leser wohl selten Gedanken darüber, wie sehr sich Übersetzer den Kopf manchmal zerbrechen. Manchmal sicher sogar mehr als die Autoren selbst, meinten einige Kollegen. Ich selbst habe auch ganz neuen Respekt vor der deutschen Sprache gewonnen, nachdem eine der arabischen Kolleginnen ihr Projekt, „Das amerikanische Hospital“ von Michael Kleeberg vorgestellt hat – wie zum Teufel überträgt man 5 Seiten ins Arabische, auf denen der Autor wahnsinnig gekonnt, fein und subtil mit der Doppeldeutigkeit von „dahin“ spielt – „dahin“ im Sinne von „weg, vorbei“, und eben „dahin“ als Richtungsangabe.

Wir deutschen Teilnehmer sind dann auch ein wenig neidisch aus der Woche gegangen – denn während arabische Literatur auf dem deutschen Markt aus ihrer winzigen Nische nicht hinaus zu kommen scheint, sich weder Verlage noch Leser offenbar für die literarische Vielfalt der arabischen Länder interessieren, ist deutsche Literatur in den arabischen Ländern offenbar nicht nur sehr beliebt, sondern auch gefragt. Wir besuchen zum Beispiel das „National Center for Translation“, eine staatliche Organisation in Ägypten, die ausschließlich dafür zuständig ist, Übersetzung zu fördern und übersetzte Bücher heraus zu bringen … Hallo Deutschland, wo bleibt denn das Gegenstück hier?!

 

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

 

Immer wieder kamen wir auf die Frage, warum kaum ein deutscher Verlag Mut und Lust hat, sich diesem Teil der Welt zu widmen. Freilich gibt es den sehr engagierten kleinen Lenos Verlag, und eben den schweizer Unionsverlag, die bereits seit Jahrzehnten vorbildliche Arbeit leisten, aber warum schafft es so selten ein guter arabischer Roman ins Programm eines Mainstreamverlages? Sind deutsche Leser wirklich so wenig interessiert? Sind die Geschichten dann doch zu fremd, zu weit weg? Liegt es an den Übersetzungen? Warum sind so viele zeitgenössische, auch wirklich gute Titel zwar in englischer, französischer und vermehrt auch italienischer Übersetzung erhältlich, während man als Übersetzer bei den deutschen Verlagen nach wie vor gegen Wände rennt?
Was meint ihr?

Wir konnten es uns auch nicht erklären … Vielleicht wisst ihr als Leser ja mehr als wir … Dann weiht uns bitte ein!

So oder so – für mich war es eine großartige Woche, in der ich viel gelernt habe, und trotz aller grau-schwarzen Prognosen in Sachen arabischer Literatur in Deutschland nehme ich viel neue Lust und Motivation mit an den heimischen Schreibtisch. Und so als ganz persönlichen Schlusssatz – Danke, liebe Leute, Kollegen, Organisatoren, Ermöglicher!! Es war super!

In diesem Sinne: Leute, lest mehr arabische Romane, Gedichte, Theaterstücke!


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