Stille Nacht

Von allen denkbaren Wundern steht, in einer von mir erstellten Wunderliste, die stille Nacht einer Geburt auf einen der vorderen Plätze – wenn nicht sogar an die erste Stelle.

Warum zum Teufel soll ausgerechnet der Liebe Gott bei SEINEM EIGENEN Fleisch und Blut gegen SEIN EIGENES Gebot verstoßen haben?

… zur Frau sprach ER: Ich will die Mühen deiner Schwangerschaft sehr groß machen; mit Schmerzen sollst du Kinder gebären; und dein Verlangen wird auf deinen Mann gerichtet sein … (1. Mose, 3. Kapitel)

Dass Maria bei den Wehen anlässlich der Geburt ihres Sohnes nicht gebrüllt haben soll, ist – möglicherweise – erwünschte Legende. Aber selbst wenn es doch so war, würde immer noch eine stille überfüllte Herberge das Wunder machen.

Es heißt – so steht es jedenfalls geschrieben – dass das hochheilige Paar keinen Platz in einer der zahlreichen Herbergen fand, weil diese überfüllt waren. Und wer einmal des Nachts vor einer überfüllten Herberge stand oder in einer überfüllten Herberge untergekommen ist, kann bestenfalls von stiller Nacht träumen, sie aber unmöglich erleben. Die Ruhe-Wahrscheinlichkeit einer vollen Herberge konvergiert gegen Null.

Aaaber: Nehmen wir einmal an, die Beherbergten wären seinerzeit tatsächlich so leise, wie die Bibel lehrt, ebenso wie andere Gäste, welche in einem der anliegenden Ställe gemeinsam mit Joseph und Maria unterkamen, UND dass Maria ohne Gebrüll gebar -~-~- dann müsste zusätzlich zu jener fiktiven Versuchsanordnung auch noch das Neugeborene ruhig gewesen sein, damit das Kriterium “Stille Nacht” erfüllt wird. Anderenfalls schwieg ausgerechnet der Messias bei seiner Geburt – wie glaubhaft ist das denn?

Uuund: Wie leise waren die vielen Hirten nach dem Besuch von Engeln. Von denen sie darüber hinaus erfuhren, dass ihnen der Heiland geboren sei? Sie müssten sich schweigend in die Spur gemacht haben, nachdem sie ihren Hunden und allem anderen Vieh eingetrichtert hatten, dass sie gefälligst ruhig zu sein haben -

“Pscht, ihr verfluchten Hunde! Heute ist Stille Nacht – Heilige Nacht!”

Deren Lobpreisung von Gott im Himmel wäre demnach ebenfalls geräuschlos wie die Verheißung auf Frieden.

Vielleicht, denke ich nun (nach etwas Überlegung), ist alles Geschriebene psychoanlytische Projektion? Das Übertragen und Verlagern eines eigenen Wunsches – der Sehnsucht nach Ruhe – der im Widerspruch zur Wirklichkeit steht, auf die Außenwelt.

Oder es war noch irgendwie anders-anders?

Ach übrigens:

Wer baute das siebentorige Theben? Und das mehrmals zerstörte Babylon? Wer baute es so viele Male auf? Wohin gingen an dem Abend, als die Chinesische Mauer endlich fertig war, die Maurer?

Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?

Und das himmlisch- hochheilige Paar, nebst ihrem Kinde – wieso schwiegen alle vor, bei, und nach der Geburt?

(Letzteres ist von Theo Retisch, nach einer Idee von Bertold Brecht)


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