Hunger nach Land

von Simon Argus
Am vergangenen Freitag fand an der Universität Mainz ein Kolloquium des interdisziplinären Arbeitskreises Dritte Welt zum Thema „Chinas Expansion in den Entwicklungs- und Schwellenländern“ statt. Der besondere Fokus der Veranstaltung lag auf dem chinesischen Engagement in Afrika, ein Engagement, das von uns Europäern seit einiger Zeit mit wachsender Skepsis beobachtet wird.  Ein Begriff, der sich in der medialen Diskussion dieses Vorgangs inzwischen eingeprägt hat, ist „Landgrabbing“.

Hunger nach Land

Landgrabbing aus der Perspektive des Guardian (Quelle: http://www.globaldashboard.org/)


Dr. Philippe Kersting von der Universität Mainz fasst das Phänomen zusammen: Landgrabbing bezeichnet den meist legalen Kauf von großen Flächen Land durch ausländische Konzerne oder Institutionen. Dies geschieht in neuen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, mit neuen Akteuren und im Rahmen veränderter Geschäftsmodelle und ist deshalb von der klassischen Landnahme, wie zu Zeiten der Kolonialherrschaft, zu unterscheiden. Das Ziel ist zumeist die Produktion von Nahrungsmitteln oder die Sicherung mineralischer Rohstoffe, die dann ins Ausland ausgeführt werden.
Obwohl Landgrabbing in der Regel im Rahmen bestehender Gesetze erfolgt und somit nicht illegal ist, entstehen häufig Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzungsinteressen und Probleme für die lokale Nahrungsmittelversorgung. So sind in den Staaten des afrikanischen Kontinents weiterhin große Teile der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft abhängig. Umso schwerwiegender waren daher die Auswirkungen, als im Jahr 2008 der südkoreanische Konzern Daewoo in Madagaskar auf einen Schlag und zu sehr günstigen Konditionen die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Insel erwarb. Der Deal führte zu Revolten, da auch hier die Bevölkerung von ihren kleinen Landparzellen abhängig ist. Der Präsident, der das Geschäft abgeschlossen hatte wurde im Zuge der Unruhen gestürzt.
Diese Ereignisse erregten das Interesse der westlichen Medien, ein erster Bericht über das Phänomen und die Ereignisse in Madagaskar erschien in der Financial Times. Somit erlebte „Landgrabbing“ seine mediale Geburt und taucht seither immer wieder in europäischen und amerikanischen Nachrichtenmagazinen auf. Die dort beschriebenen Akteure sind transnationale Konzerne und staatliche bzw. halbstaatliche Institutionen, die  - wie etwa im Falle Japans auch offiziell bestätigt – die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit der investierenden Länder gewährleisten sollen. 
Empirisch verlässliche Daten gibt es zu diesem Phänomen bis heute noch nicht. Kersting vermutet, dass die Medien das Phänomen möglicherweise nicht umfassend und eher tendenziös behandeln. So ist auffällig, dass auf vielen Graphiken die Länder Asiens, allen voran China und die Golfstaaten, als Akteure dargestellt sind, Europa jedoch nur selten mit der Entwicklung in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich kann aber gerade chinesischen Akteuren kein größerer Landkauf in Afrika nachgewiesen werden. Das chinesische Engagement in Afrika ist zwar stark gewachsen in den letzten Jahren, beschränkt sich jedoch zumeist auf Transaktionen am Rohstoffmarkt im Austausch für chinesische Fertigwaren.
Auch dürfte Afrika nicht die einzige Region sein, in der „Landgrabbing“ vorkommt. Allerdings erweist sich der Kontinent aus der Perspektive der Medien als das „perfekte Opfer“, Landgrabbing in Afrika erscheint dem Leser sehr viel ungerechter, als ähnliche Entwicklungen in Osteuropa.
Auffällig ist, dass das akquirierte Land zu großen Teilen für den Anbau sogenannter Biofuels genutzt wird. Diese finden sich dann in Form des viel diskutierten E10-Treibstoffs vor allem in europäischen Autotanks wieder. Es ist also anzunehmen, dass die Rolle europäischer Akteure größer ist, als es aus der Berichterstattung ersichtlich wird. Bei den europäischen Akteuren handelt es sich jedoch nicht um staatlich kontrollierte Unternehmen oder Institutionen – daher fällt eine nationale Zuordnung hier schwerer. Tatsächlich aber dürfte es sich bei „Landgrabbing“ nicht um ein Phänomen handeln, bei dem man bequem mit dem Finger auf den Angstgegner China zeigen kann.  
Zum Thema im Netz: 
Weitere Informationen, zahlreiche Ressourcen, Berichte und verfügbare Statistiken findet ihr auf der Webseite von Dr. Philippe Kersting zu diesem Thema. 
Der interdisziplinäre Arbeitskreis Dritte Welt ist ebenfalls im Web vertreten.

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