Anonyme Schwärme und die Macht öffentlicher Meinung

von Steffen Hirth
Gesellschaftlicher Wandel geht meist sehr zäh vonstatten, unmerklich wie ein langsam dahinfließender Gletscher. Umso aufregender wird es, wenn er sich dann doch zu beschleunigen scheint: Das Internet eröffnet Möglichkeiten mit revolutionärem Potential. Sowohl im Cyberspace als auch in der "real world" stehen die glokalisierten Protestbewegungen und das Kollektiv "Anonymous" direkt an der Front. Mit der Macht öffentlicher Meinung kämpfen sie gegen die Macht öffentlicher Meinung. Im Folgenden der Versuch einer Synthese aus einem sozialpsychologischen Konzept und diskursanalytischen Ansätzen.


Wer sich in der Gegenwart umschaut, kann eine Vielzahl öffentlicher, mehr oder weniger friedlicher Proteste gegen herrschende Ordnungen beobachten; ob es sich um den Arabischen Frühling, die Platzbelagerungen in Spanien und Israel oder um die "Besetzung" der Wall Street in New York und des Bankenviertels in Frankfurt handelt. Der Sturm auf die Bastille war gestern, heute weht ein anderer Wind, aber aus der gleichen Richtung. Das sozialpsychologische Konzept öffentlicher Meinung ist in der Lage zu erklären, wie ein Umschwung des Meinungsklimas, in der Lage ist, Regierungen zu stürzen. Mehr noch: Es kann sich als nützlich für eben jenen Teil der Gesellschaft erweisen, der eklatante soziale Ungleichheiten nicht mehr hinnehmen will, wie z.B. das Kollektiv "Anonymous".

Der Wandel vorherrschender, öffentlicher Meinungen
Anonyme Schwärme und die Macht öffentlicher MeinungIn seinen Konformitätsexperimenten in den 1950er Jahren konnte Solomon Asch zeigen, wie Menschen entgegen ihrer inneren Überzeugung mit der Mehrheitsmeinung konform gehen, um sich nicht zu isolieren. Mehrere Personen sollten dabei öffentlich diejenige Linie bestimmen, welche einer vorgelegten Musterlinie entsprach. Die eigentliche Versuchsperson wusste jedoch nicht, dass die anderen Personen Gehilfen des Versuchsleiters waren und vorsätzlich eine "falsche" Linie als die "richtige" benennen sollten. Es zeigte sich, dass in der Mehrzahl der Fälle die Versuchsperson, die als letzte an der Reihe war ihr Urteil abzugeben, sich entgegen allem Augenschein der Mehrheit anschloss. Bei Umkehrung der Versuchsanordnung - nur ein eingeweihter Gehilfe, der immer eine falsche Antwort gab, und mehrere echte Versuchspersonen - reagierte die Mehrheit mit Spott und Gelächter auf den "Sonderling". Das Individuum kann also unter großem Druck stehen, nicht von der Mehrheit abzuweichen, denn ein solches Verhalten wird in der Regel mit Mißbilligung bestraft (vgl. Lamp 2009: 15 f.).
Für den Wandel öffentlicher Meinung und für den Aktivismus von heute ist aber folgende Beobachtung in Bezug auf Aschs Experiment von Bedeutung: "Die spontane Geringschätzung des vermeintlichen Sonderlings [...] verwandelte sich nämlich in Ernst und zunehmenden Respekt, sobald die Minderheit nicht mehr nur aus einer, sondern aus drei Personen bestand. Wenn gleich mehrere Personen eine dem eigenen Augenschein zuwiderlaufende Einschätzung abgaben, musste es dafür [...] wohl einen triftigen Grund geben." (Lamp 2009: 38).
Was Aktivist_innen tun müssen, um ihre Ziele zu erreichen, formuliert Elisabeth Noelle-Neumann (2003: 401) folgendermaßen: "Gruppen, die einen Wandel herbeiführen wollen, müssen darauf hinarbeiten, dass ihre Position öffentlich gezeigt werden kann ohne Gefahr der Isolation, und dass die vorher gültige Position öffentlich nicht mehr vertreten werden kann ohne Isolationsgefahr."
Die globalen Protestbewegungen der letzten Jahre spiegeln vordergründig Konflikte um öffentliche, d.h. vorherrschende Meinungen wieder. Teile der Gesellschaft möchten konventionelle, verfestigte Meinungen aufbrechen und neu verfassen. Dahinter stehen dann angestrebte Werte wie Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit oder materielle Umverteilung.
We are Anonymous - Expect us
Das Kollektiv "Anonymous", oftmals fälschlicherweise als Hacker-Gruppe bezeichnet, scheint in dieser Protestbewegung eine besondere Rolle einzunehmen. Es steht letzlich auch für die Erweiterung von Handlungsspielräumen durch das Internet, also jene revolutionären Veränderungen, deren Folgen in den letzten Jahren zunehmend sichtbar werden. Neue Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation erzeugen auch neue Deutungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Wirklichkeit:
Anonyme Schwärme und die Macht öffentlicher Meinung"Anonymous kreiert immer wieder Slogans und Verknüpfungen, mit denen sich viele identifizieren können, wie etwa die Gleichsetzung von Medienpiraterie mit Freiheit. Den meisten etablierten Akteuren [...] sind solche Statements dennoch zu extrem. Aber die Radikalität von Anonymous schafft es immer wieder latente Energien freizusetzen [...] So erweitert sich der öffentliche Raum auch für andere Debatten, nachdem sich der politische Diskurs jahrzehntelang im engen Rahmen des Mainstreams bewegt hatte." (Stalder 2012: 21)
Abb.: Aktivist_innen mit Guy Fawkes-Masken beim Protest gegen Scientology (Quelle: Wikipedia).
Diskurs, Macht und Raum
Geograph_innen sind sich schon seit einer ganzen Weile einig, dass für die Wahrnehmung und das Handeln nicht der Raum an sich, also dessen Materialität, entscheidend ist, sondern die Art und Weise wie Raum sozial konstruiert wird (Massey & Allen 1984, Gregory 1994, Soja 1996; für einen aktuellen Überblick vgl. Belina & Michel 2011). Sprache hat an der Konstitution von Wirklichkeit d.h. an der Produktion von Bedeutung (z.B. von Räumen) einen großen Anteil. Diskursanalytische Ansätze gehen davon aus, dass gesellschaftliche Machtstrukturen in die Sprache, und darüber hinaus in die gesellschaftlichen Diskurse, eingebettet sind. Diskurse - der Begriff wurde wesentlich von Michel Foucault geprägt - bestimmen das Wahrnehmbare und das Sagbare (Grundlagenwissen hierzu vermittelt das "Handbuch Diskurs und Raum" von Glasze & Mattissek 2009) .
Diskurse sind damit eine Art visuell und sprachlich manifestierte Wirklichkeitsentwürfe, die im Kleid der "aboluten Wahrheit" in Erscheinung treten, aber eigentlich sozial konstruiert und damit kontingent sind - d.h. die Wirklichkeit kann so sein, wie sie in einem spezifischen Diskurs erzeugt wird, sie könnte aber auch völlig anders konstituiert werden. Da Sprache und Symbole unpräzise sind und meist verschiedene Deutungsmöglichkeiten zulassen, beinhalten Diskurse immer auch Widersprüche. Nach Anke Strüver (2009: 68) sind für Foucault eben diese Bruchstellen zwischen den Diskursen Ansatzpunkte zum Widerstand, wie auch schon aus einem Interview mit ihm hervorgeht: "My role – and that is too emphatic a word – is to show people that they are much freer than they feel, that people accept as truth, as evidence, some themes which have been built up at a certain moment during history, and that this so-called evidence can be criticized and destroyed.“ (Foucault 1988 [1982]: 10)
Im Schwarm gegen den Strom
Die diskursanalytischen Ansätze und das sozialpsychologische Konzept öffentlicher Meinung haben einige Parallelen: Beide drehen sich im Wesentlichen um die Frage, wie soziale Wirklichkeit und damit verbundene Meinungen/Wahrnehmungen zunächst verfestigt werden, also vorherrschend/hegemonial/öffentlich/zum "Mainstream" werden und wie sie anschließend in Frage gestellt und nur gegen erheblichen Widerstand geändert werden können.
Das Internet hat den Zugang zu Diskursen auf eine neue Ebene gehoben und zumindest für die, die online sind, ein Stück weit globalisiert. Im Kampf um die öffentliche Meinung fügen sich lokalisierte Individuen zu globalisierten Schwärmen zusammen. Anonymous ist keine Hacker-Gruppe und keine Geheimorganisation, es ist ein Kollektiv aus Individuen, die das gemeinsame Ziel verbindet, die Welt verändern zu wollen - geschickt nutzen sie den Cyberspace, um die Macht öffentlicher Meinung für jene Zwecke zu nutzen, die von der Intelligenz der Schwärme bestimmt werden.
Big Brother cannot watch me
Die Maskerade ist dabei eine notwendige Voraussetzung, denn als Abweichler_innen riskieren wir, das haben die Experimente von Solomon Asch gezeigt, den sozialen Tod zu sterben. Auf der einen Seite sind wir unserem Selbstbild nach aufgeklärte, mündige und selbständige Individuen, auf der anderen Seite besteht immer auch eine "Sensibilität für das unserer Person geltende Urteil der anderen und die Furcht vor sozialem Ausschluss [...], die wir uns selbst und zumal anderen gegenüber nur ungern eingestehen" (Lamp 2009: 129).
Öffentliche Meinung ist nach Erich Lamp (2009: 143) ein Mittel sozialer Kontrolle, das letztlich über Inklusion oder Exklusion funktioniert. Die auf Foucault zurückgehenden Diskurse hingegen stellen verfestigte, scheinbar natürliche, aber grundsätzlich veränderliche Strukturen dar, die den (sozialen) Raum und unsere Vorstellungen davon prägen. Beide Konzepte können mit ihren Perspektiven eine Debatte um gesellschaftlichen Wandel bereichern. Wie Felix Stalder (2012: 21) treffend feststellt: "Anonymous hat den Raum des Möglichen erweitert." Vielleicht ist es gerade der Ausbruch aus den Fesseln vorherrschender Normen, der beim Anblick der Anonymous-Videos für Gänsehaut sorgen kann.

Literatur:
Belina, Bernd; Michel, Boris (Hg.) (2011 [2007]): Raumproduktionen - Beiträge der Radical Geography - Eine Zwischenbilanz. Münster.
Foucault, Michel (1988 [1982]): Truth, power, self: An Interview with Michel Foucault.
October 25 1982. In: Martin, Luther H.; Gutman, Huck; Hutton, Patrick H. (Hg.):
Technologies of the self. A seminar with Michel Foucault. Massachusetts: 9–15.
Glasze, Georg; Mattissek, Annika (Hg.) (2009): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld.
Gregory, Derek (1994): Geographical Imaginations. Cambridge.
Lamp, Erich (2009): Die Macht öffentlicher Meinung – und warum wir uns ihr beugen. Über die Schattenseiten der menschlichen Natur. München.
Massey, Doreen; Allen, John (1984): Geography Matters! A reader. Cambridge, New York.
Noelle-Neumann, Eisabeth (2003): Öffentliche Meinung. In: Noelle-Neuman, Elisabeth; Schulz, Winfried; Wilke, Jürgen (Hg.): Das Fischer Lexikon. Publizistik. Massenkommunikation. Frankfurt bei Mainz: 392-406.
Soja, Edward (1996): Thirdspace. Journeys to Los Angeles and other real-and-imagined-places. Cambridge.
Stalder, Felix (2012): Schwärme - Anonymous und die Rebellion im Netz. In: Le Monde diplomatique, Februar 2012 (dt. Ausg.): 1; 20-21.
Strüver, Anke (2009): Grundlagen und zentrale Begriffe der Foucault'schen Diskurstheorie. In: Glasze, Georg; Mattissek, Annika (Hg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld: 61–81.

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