Die Sache mit der Selbstliebe

Bodypositivity. Ja, das Wort ist in aller Munde, selbst in den Medien ist inzwischen ab und an auf Prosieben oder RTL ein Bericht dazu zu sehen. In einer Zeit, in der es immer oberflächlicher wird, wir mehr auf Reichweite und Makeup in Perfektion achten dann positiv mit dem eigenen Selbstbild umgehen? Ist das nicht eigentlich ein Widerspruch?
Kürzlich habe ich meine eigene Mutter für ein anderes Projekt interviewt und sie gestand:
Ich bin froh, dass ich heute nicht aufwachsen muss. Damals dachte ich, ich hätte Probleme, weil ich altbackene Kleidung auftragen musste und mir erst durch einen Nachhilfejob das Geld zusammensparen konnte, um mir eine Jeans zu kaufen. Und ich dachte, ich hatte Probleme, aber wenn ich das heute sehe ...
Irgendwie hat meiner Mutter ja damit auch ein Stück weit recht. Ehrlich gesagt möchte ich in Zeiten, in dem jeder sich per Smartphone perfektionieren kann und man diese weichgezeichneten Zerrbilderselfies sieht und immer neue absurde Schönheitsideale wie Thigh Gap oder Bauchspalte gefunden werden nicht ein Jugendlicher sein, der ohnehin schon verunsichert genug ist von all den Dingen, die in dieser Lebensphase mit dem Körper geschehen.

Die Sache mit der Selbstliebe

Photo by Ali Morshedlou on Unsplash


Selbstliebe oder erst einmal Selbstakzeptanz ist ein großer Schritt. Momentan beschäftige ich viel mit dem Thema, weniger mit meiner eigenen Geschichte als mit der Geschichte von anderen und es ist immer wieder auf Neue erstaunlich und interessant.
Bis zu der Selbstliebe ist es meines Erachtens erst einmal ein großer Schritt. Der erste Schritt ist für mich erst einmal, dieses Thema ernst zu nehmen und das Bedürfnis wahrzunehmen, mit sich selbst im Reinen zu sein. Schließlich gehört auch ein gutes Umfeld dazu, denn teils kenne ich persönlich Menschen, wo es eben nicht nur ein Freund oder der Partner ist, die beharrlich an Körpergewicht meckern, sondern auch eben es in meiner Jugend Elternteile gab, die ihre Kinder, auch Söhne, geradezu in eine Essstörung getrieben haben. Ich meine, kein Mensch macht das böswillig, aber ich hörte oft den Satz in meiner Jugend "Man muss doch schlank sein." und habe auch oft gehört, dass ich ja mutig sei, weil ich mich traute, nicht der Norm zu entsprechen, nein, ich färbte mir sogar noch die Haare, um noch zusätzlich in meinem kleinen Kuhkaff aufzufallen.
Also für mich sehen die Schritte zu Selbstliebe oder erst einmal Selbstakzeptanz so aus:
  1. Sich erst einmal mit dem Thema auseinandersetzen
  2. Dinge finden, die man an sich schön findet und aufschreiben (äußerlich)
  3. Nachdenken, welche Talente man hat und welche inneren Werte man hat
  4. sich dies durch Mantra, Zettelchen, Übungen immer wieder verinnerlichen

Ich glaube, für mich ist es wichtig, dass es nicht nur das Thema Bodypositivity geben sollte, sondern auch noch viel wichtiger das Thema Soulpositivity ist. Natürlich, unser Körper ist unser Körper und sich mit ihm anzufreunden und sich damit auseinanderzusetzen, wie man seinen Körper wahrnimmt und ihm etwas Gutes tut, ist essenziell für eine gute Beziehung zu sich selber. Aber neben all dem Körper, Körper, Körper sollte das Innere nicht zu kurz kommen, denn ein Mensch kann noch so schön, symmetrisch oder sonstwas sein - am Ende zählt das Strahlen, das von innen kommt.
Jona und ich sind da das perfekte Paar um zwei gegensätzliche Beispiele darzustellen. Jona ist unglaublich schön von Körperstatur her und hat dieses lange, charismatische Gesicht. Weil er aber meist eine krumme und schiefe Haltung an den Tag legt, sieht man ihm das gar nicht an und meist versteckt er sein Gesicht unter den Haaren. dabei ist dieser Mann so unglaublich schön, wenn er lächelt, aber er tut es so gut wie nie. Ich sage immer, dass bei Jonas Lächeln die Sonne aufgeht, aber vielleicht ist es ja ganz gut, dass er nicht so oft dieses Herzensbrecherlächeln zeigt, denn ich bin ja schließlich seine Ehefrau und vielleicht gehört es deswegen fast ausschließlich mir.Ich hingegen bin dick, mein Gesicht ist jetzt nicht so symmetrisch, würde ich mal sagen und ich bin auch keine perfekte Sanduhr, mein Po hat meine Oberweite vom Umfang her überholt. Aber mein Duracellhäschen-Modus und meine meist offene Art lassen mich strahlen. Außerdem wurde mir damals bei Chor, Gesang und Trompetenspielen eine gerade Körperhaltung eingetrichtert, am Theater wurde das noch einmal verstärkt, da ich öfters bei postdramatisch inszenierten Stücken auf der Bühne stand und auch auf der Bühne ist Körperspannung alles. Das wird sehr positiv aufgenommen, sowohl im Alltag als auch bei Fotoshootings, wo Körperspannung eine wichtige Rolle spielt.
Um sich selbst gut oder sogar geil und supi zu finden, ist für mich wirklich der wichtigste Schritt, sich selbst seiner Talente bewusst zu sein. Ich kenne das selbst von mir. früher und bis vor wenigen Jahre hatte ich Probleme, Komplimente anderer anzunehmen. Ich konnte einfach nichts damit anfangen. In meinem Kopf lief so ein Gedankenkarussell, dass sich immer wieder fragte: "Warum sagt diese Person das, meint die das ernst, macht sie sich über mich lustig?" Alter, ich hatte echt Probleme. In meinem Kopf ging es nicht um das Lob anderer, ich wollte immer mehr Leistung bringen und schiss mich gerne mit Arbeit zu. Auch heute noch mache ich tolle Projekte, aber ich wage ab, ob ich das zeitlich koordiniert bekomme, ob es wirklich meinem Talent entspricht oder ich eine Aufgabe an jemand anders delegiere.
Sich selbst zu mögen und zu akzeptieren, das klingt immer so einfach - aber es ist echt harte Arbeit und klappt einfach nicht von heute auf morgen. Manchmal passiert es mir noch immer, dass Jona oder andere Menschen mir plötzlich Zusammenhänge zeigen, die ich nicht vorher gesehen habe. Und das ist dann immer wieder ein neuer Aspekt meiner Selbstliebe, den ich neu wie ein Puzzleteil in das Ganze einfügen muss.
Auch da habe ich dieses gute Beispiel, dass auch zeigt, wie sehr sich unser Verhältnis zu uns selbst in der Beurteilung von Anderen spiegelt:Ich mag es nicht, wenn ich mit Jona Neo Magazin Royale gucke und Jan Böhmermann schon vorab über seinen eigenen Witz lachen muss, weil er eben sich freut darüber, gleich einen tollen Witz zu machen. In einem völlig anderen Kontext meinte Jona, dass ich genau dasselbe Verhalten an den Tag lege: Ich bin stolz, wenn ich einen guten Joke mache. Ein Bekannter von uns hat sich sehr, sehr seltsam verhalten in letzter Zeit, deswegen startet er ein neues Projekt. Er spielt zu Weihnachten The Cringe. Ich habe diesen Witz noch mit Grinch-Anspielungen ausgeschmückt, aber ich war schon sehr stolz, was da mein Gehirn sich so überlegt hat.Und für mich war es so ein verbalter Schlag in die Fresse, als Jona dann 1 und 1 zusammenzählte und fragte:
Hm. Bettina, du magst das eigentlich nicht, dass man dir die Freude ansieht, wenn du einen Witz machst. Kann es sein, dass du deswegen auch immer meckerst, wenn Böhmi das im Fernsehen tut?
Nun ja, man lernt nie aus, auch nicht über sich selbst.
Alle reden von Selbstliebe und alle reden von tollen Phrasen wie "Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst." Aber es ist ein Kampf, den man jeden Tag aufs Neue kämpft und man muss sich nicht nur einmal motivieren sondern jeden Tag aufs Neue. Aber es lohnt sich. Lernt euch selbst kennen. Meist wird eine schöne Beziehung daraus und sie hält garantiert ein Leben lang. Ob ihr wollt oder nicht.

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