Die Macht der Dinge

Monatelang habe ich entrümpelt. Ich habe eine Einzimmerwohnung und ein Kellerabteil - kaum zu glauben, wie viel Arbeit das war. Für jedes einzelne Ding traf ich eine Entscheidung: Soll das bleiben, oder kann das weg. Insgesamt habe ich schätzungsweise eine Tonne Material losgelassen.


Am Anfang stand die Erkenntnis, dass die Dinge ständig auf mich einredeten. Etwa so: "Mich hast du nie gelesen", wisperten die Bücher, "und mich kaum benutzt", flüsterte die Studioblitzanlage. "Du hast versagt... es ist deine Schuld... Schau, wir sind der Beweis." Ob derartiger Dialoge, die sich offenbar schon länger in meinem Unterbewusstsein abspielten, wollte ich am Anfang am liebsten ausziehen. Ich hielt es in meiner Wohnung nicht mehr aus. Doch ich wandelte die Fluchtenergie um in Handlung und nahm mir das Aus- und Aufräumen vor wie ein Projekt.

Und bald wurde mir klar, ich sortierte nicht nur Dinge, sondern mit ihnen Selbstbilder. Viele hatten mit meiner aktuellen Lebensrealität nichts mehr zu tun, also entsorgte ich sie gleich mit. Die Kunsthistorikerin, die sich während des Studiums eine eigene Bibliothek aufbaute und diese Umzug für Umzug mit sich herumschleppte, die Journalistin, die Presseexemplare sammelte wie Trophäen... Ich stand so gut ich konnte dazu, dass in meinem Leben Träume gescheitert sind und große Wünsche sich nicht erfüllt haben. Das ist schmerzhaft, und ich gestehe, so manche Wunde ist keinesfalls vernarbt.
Doch ich sehnte mich nach Veränderung, Erfüllung und wollte dem Leben auf halber Strecke entgegengehen - und ihm meine frisch grundierte Leinwand präsentieren."Schau her, ich habe Platz gemacht für dich, mein Leben!"

So lange Erinnerungen und deren Gegenteil, das ungelebte Leben, auf mich einredeten, konnte ich mich schwerlich in der Gegenwart aufhalten und diese nehmen wie sie ist. Ich erkannte, dass ein Teil von mir immer noch versuchte, die Vergangenheit zu verändern. Ein anderer Teil wollte das Ungelebte für die Zukunft aufheben. Beides erachtete ich als nicht länger sinnvoll. Ich trennte mich von den Gegenständen, die damit verbunden waren. Ob Skischuhe, die gar nicht mehr passten, das Nudelholz meiner Mutter, Geschirr für über 10 Gäste (ich kann derzeit 1-2 bewirten...), Klaviernoten, die ich bereits als Kind gehasst habe - ciao.

Zeitweise räumte ich mich in einen Rausch. Es machte Spaß, und ich konnte mich leicht lösen. Plötzlich wurde es lichter um mich herum, und ich gewann sogar Platz in der Wohnung, um meine eigenen Bilder aufzuhängen. Das tat mir unmittelbar gut, und ich freue mich weiterhin daran.

Doch dann gab es Phasen, in denen mir das Ausmisten unendlich schwer fiel. Wahrscheinlich hätte ich eine Pause gebraucht, doch ich zwang mich weiterzumachen.
In diesem Widerstand begegnete ich dann auf einmal meiner Familiengeschichte und gewann eine neue Perspektive darauf. In meiner Familie hatten Dinge große Macht, und Ausräumen war ein belastetes Thema. Denn materielle Dinge gaben vermeintlich Halt, Sicherheit und bargen das diffuse Versprechen von Heimat. Meine Eltern hatten als Vertriebene dies alles verloren. Noch Jahrzehnte später war meine Mutter nicht in der Lage, die Sachen meines verstorbenen Vaters wegzugeben. Die Angst vor der Leere war also zugleich die Angst, an das Trauma der Vertreibung zu rühren. Und ich erlebte das gerade in einer zeitgemäßen Neuauflage. Mein Räumen hatte seine Unschuld verloren. Ich stellte in Frage, was ich soeben weggegeben hatte, und bekam Schuldgefühle. Ich zweifelte, ob ich mir jemals wieder etwas Vergleichbares kaufen kann und projzierte mein Glück in eine Sache, die längst auf dem Weg zu ihrem neuen Besitzer war.

Den Rucksack mit all dem emotionalen Erbe mag ich jetzt nicht mehr haben. Ich entsorge ihn gewissermaßen als letztes... die Leinwand ist somit sehr weiß. Liebes Leben, nun bin ich dein.


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