Das Schicksal entscheidet

Das Schicksal entscheidet

Foto copyright by Sabine Ullmann / pixelio.de

Die nächsten 3 Tage meldete sich Dreju nicht bei mir. Ich hatte mittlerweile seine Telefonnummer, doch auch ich meldete mich nicht bei ihm. Ich brauchte Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten und einzuordnen.
Meine Ist-Aufnahme sah folgenderaßen aus: ich hatte 2 Kinder im Alter von 13 und 10 Jahren, lebte alleine mit ihnen. Seit nun knapp 3 Monaten hatte ich einen Freund, der verheiratet war und eine 3-jährige Tochter hatte. Er lebte mit seiner Familie zusammen, sah sich selbst aber als getrennt lebend an. Ich war schwanger von ihm und er lehnte dieses Kind ab, aus mir unverständlichen Gründen, denn bis kurz vorher war genau das sein größter Wunsch gewesen. Er hatte mich vor die Wahl gestellt, entweder das Kind oder er. Da ich das Kind auf alle Fälle austragen würde, war der Weg klar: ich würde wohl in ein paar Monaten als alleinerziehende Mutter dreier Kinder dastehen. Es sei denn er würde seine Meinung ändern und zu unserem Kind und mir stehen.
Darauf baute ich meine ganze Hoffnung. Ich war mir sicher, er würde zu mir kommen, sich entschuldigen und sich auf unser erstes gemeinsames Kind freuen. Unsere Zukunftsträume würden wahr werden und bald wären wir eine Familie.
Drei Tage später rief Dreju an und wir verabredeten uns für den Abend. Er war sehr ernst, als er kam. Er begrüßte mich zärtlich und wir gingen ins Wohnzimmer. Dort stellte er sich wieder mit dem Rücken zu mir ans Fenster und schaute hinaus. Dann sagte er:"Ich bin gekommen, um Deine Entscheidung zu hören. Was hast Du mir zu sagen?"
Ich konnte so nicht mit ihm reden. Nicht, wenn er mir den Rücken zudrehte. Das sagte ich ihm auch und bat ihn, sich zu setzen und mich anzuschauen. Widerwillig tat er es. Als ich in seine sprechenden Augen sah, fand ich einen See voller widersprüchlicher Gefühle: Angespanntheit, Trauer, Stolz, Verletzung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, aber auch Liebe und Hoffnung.
Ich begann zu reden, erzählte ihm, dass ich nicht in der Lage wäre, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, dass ich das auch gar nicht wollte. Dass ich mich nun auf unser Kind freute, das sich so unverhofft angemeldet hatte. Wenn es auf diese Welt kommen wollte und uns als seine Eltern auerkoren hatte, dann sollte es auch willkommen sein. Ich erzählte ihm auch, wie sehr ich ihn liebte und dass ich mir sicher wäre, dass er mich nur vor diese schreckliche Entscheidung gestellt hätte, weil er mit der Schwangerschaft einfach überfahren wurde und er in der Zwischenzeit sicherlich anders darüber denken würde. Ich weiß nicht mehr, wa ich sonst noch alles gesagt habe, ich erinnere mich aber, dass ich felsenfest davon überzeugt war, dass Dreju seine Meinung geändert hatte.
Die Wahrheit jedoch sah anders aus. Dreju lehnte nach wie vor das Kind ab. Es passe jetzt nicht mehr in seine Lebensplanung. Er würde mir Zeit geben. mich innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist bis zur 12. Schwangerschaftswoche um "die Angelegenheit zu kümmern", sollte ich diese Frist verstreichen lassen und nicht in seinem Sinne handeln, dann würde er definitiv gehen.
Mit dieser Reaktion hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
"Das kann doch nicht Dein Ernst sein. Du willst mich und unser Kind allen Ernstes im Stich lassen? Weil ein Kind nun plötzlich nicht mehr in Deine Lebensplanung passt? Wie sehen Deine Pläne denn nun aus? Komme ich darin überhaupt noch vor? Ich verstehe das alles nicht, bitte erkläre es mir!" bat ich ihn mit Tränen in den Augen. Ich versuchte krampfhaft, ein Weinen zu unterdrücken.
Dreju ging nicht auf meine Bitte ein. Ernst sagte er:"Du kennst meinen Standpunkt. Nach wie vor liegt es an Dir, ob wir noch eine gemeiname Zukunft haben. Lass mich rechtzeitig wissen, wie es weitergehen soll."
Dann verabschiedete er sich und ging. Ließ mich wieder total verzweifelt zurück. Was war nur geschehen? Ich zerbrach mir den Kopf, nächtelang lag ich wach und grübelte. Meine Freude auf unser Kind wurde dadurch sehr getrübt. Ich wurde hin und her gerissen zwischen der Freude, erneut Mutter zu werden und der Gewissheit, dass mich genau das meine große Liebe kosten würde.
Diese Zerrissenheit, die unzähligen schlaflosen Nächte, die Zukunftsängste, das Gefühl, nicht geliebt zu werden, im Stich gelassen zu werden, all das wirkte sich negativ auf die Schwangerschaft aus. Von Beginn an war es eine sehr unruhige Schwangerschaft mit Ziehen und Schmerzen. Das kannte ich aus meinen vorher gegangenen Schangerschaften nicht. Ich versuchte mich zu schonen, soweit als möglich. Immer wieder sprach ich mit meinem ungeborenen Kind und verspach ihm, dass wir das schon schaffen würden und sein Vater früher oder später auch zu Vernunft kommen würde.
Doch irgendwann gab das Baby auf. Ich bin überzeugt davon, dass es spürte, dass es nur zum Teil willkommen war.
In der 9. Schwangerschaftswoche hatte der Kampf ein Ende, ich verlor unser Kind.