Kalte Ablehnung

Kalte Ablehnung

Foto copyright by TiM Caspary / pixelio.de

Ich bemerkte die Schwangerschaft sehr frühzeitig. Die Pille hatte ich bereits verschrieben bekommen, ich wartete nur auf die nächste Regel, um mit der Einnahme beginnen zu können... und genau die kam nicht.
Ein Schwangerschaftstest machte mir klar, dass ich tatsächlich erneut schwanger geworden war. Ein Abbruch wie vor 9 Jahren kam überhaupt nicht in Frage, niemals hätte ich das ein zweites Mal fertig gebracht. Ich hatte mich von Anfang an für das Kind entschieden, egal wie sehr es meine Pläne über den Haufen werfen würde. Meine Entscheidung stand ab dem Moment fest, als ich das Ergebnis des Schwangerschaftstests sah.
Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, mit Dreju ein gemeinsames Kind zu haben. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir der Gedanke. Dieses Kind würde uns noch mehr zusammen schweißen, es wäre ein Kind der Liebe, genauso hatte es sich Dreju ja gewünscht. Und natürlich hoffte ich, dass ein gemeinsames Kind Dreju noch mehr dazu antreiben würde, eine schnelle Lösung seiner Situation zu suchen und anzustreben.
Ein paar Tage behielt ich mein Wissen für mich. Ich wollte zuerst ganz, ganz sicher sein. Erst als mein Gynäkologe mir die Schwangerschaft in der 6. Woche bestätigte, war es für mich an der Zeit, die freudige Botschaft auch Dreju zu überbringen.
An unserem nächsten gemeinsamen Wochenende sollte Dreju erfahren, dass er erneut Vater werden würde. Als wir spät abends vom Tanzen nach Hause kamen, kuschelte ich mich an ihn und sagte:"Ich freue mich für Dich, nun wird Dein großer Wunsch doch in Erfüllung gehen."
Etwas verständnislos sah er mich an. "Was meinst Du, Cherie?"
"Der Wunsch, den ich Dir bisher nicht erfüllen wollte, Dein Wunsch nach einem Kind mit mir."
Erst verstand er nicht. Dann - plötzlich - traf mich sein fassungsloser Blick.
"Sag bloß, Du...Du...Du... bist schwanger?"
"Ja. Ich bin schwanger. Wir bekommen ein Kind." sagte ich glücklich und lächelte ihn an.
Ich hatte Freude erwartet, einen überglücklichen Dreju, der mich in den Arm nehmen würde, der vielleicht sogar vor Freude weinen würde. Wie oft hatte er mir gesagt, dass er sich Kinder mit mir wünschte. Wie oft hatte ich Nein dazu gesagt. Nun würde sein Traum wahr werden, ganz unverhofft, denn eigentlich hatte er ja bereits resigniert meinen Verhütungsplänen zugestimmt und seinen Kinderwunsch vorläufig ad acta gelegt.
Doch von Glück und Freude war nichts zu bemerken. Bestürzung und Fassungslosigkeit würden wohl eher beschreiben, was Dreju an Reaktion zeigte.
"Nein. Das glaube ich nicht. Das ist nicht wahr. Sag mir, dass das nicht wahr ist!" stammelte er.
Nun war ich es, die ihn verständnislos anblickte. "Was hast Du nur Cheri? Ich dachte, Du würdest Dich freuen! Schließlich hast Du die ganze Zeit von gemeinsamen Kindern gesprochen und es Dir so sehr gewünscht. Jetzt bin ich tatsächlich schwanger und Du freust Dich kein bisschen. Das versteh ich nicht." antwortete ich.
Erst schwieg Dreju. Er ging zum Fenster und schaute hinaus. Als er sich nach ein paar Minuten wieder zu mir umdrehte, war sein Blick kalt. Diesen kalten Blick hatte ich schon einmal gesehen, als er mir eröffnete, dass er noch mit seiner Frau zusammen lebte und ich ihm vorwarf, mich angelogen zu haben.
Mich fröstelte, als er anfing zu sprechen:"Ja. Es stimmt. Ich wollte Kinder mit Dir. Aber wolltest Du das? Nein. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich Dir nicht gut genug als Vater Deiner zukünftigen Kinder bin. Du hast mich abgelehnt, immer und immer wieder. Irgendwann hab ich aufgegeben und mich damit abgefunden, dass Du kein Kind mit mir haben wolltest. Ich habe meinen Wunsch begraben. Dann kommst Du und erzählst mir aus heiterem Himmel, dass Du nun doch schwanger bist? Nein, Beloti, so funktioniert das nicht. Als ich Dich fragte, wolltest Du nicht. Jetzt will ich nicht mehr! Es ist zu spät! Du musst Dich entscheiden: entweder ich oder das Kind!"
Fassungslos schaute ich ihn an, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Hatte er mich gerade tatsächlich vor die Wahl gestellt zwischen ihm und unserem ungeborenen Kind? Ich verstand die Welt nicht mehr, suchte händeringend nach Worten und fand keine.
Dreju sprach weiter:"Ich werde jetzt gehen. In 3 Tagen komme ich wieder, dann wirst Du mir Deine Entscheidung mitteilen. Ich zwinge Dich zu nichts. Doch mit den Konsequenzen Deiner Entscheidung musst Du leben, egal wie Sie ausfällt."
Das waren an diesem Abend seine letzten Worte. Danach ging er tatsächlich und ließ mich alleine und total durcheinander zurück. Wie ein Häufchen Elend saß ich da, unfähig zu begreifen, was gerade geschehen war.
Schützend legte ich meine Hände auf meinen Bauch."Hab keine Angst. Alles wird gut. Ich werde auf Dich aufpassen, niemand wird Dir ein Haar krümmen." versprach ich meinem ungeborenen Kind.
Meine Entscheidung für das Kind stand ja schon längst. Niemand konnte mich da umstimmen. Auch Dreju nicht. Trotzdem brachte mich seine absolut unerwartete Ablehnung komplett aus dem Gleichgewicht. Mit allem hatte ich gerechnet, aber damit nicht.
An diesem Abend hatte ich keine Kraft mehr, mir noch mehr Gedanken um diese verfahrene Situation zu machen.
Total erschöpft und zutiefst verunsichert ging ich zu Bett.