Alles nur Theater

Superamas im Tanzquartier Wien

Die Superamas waren mit ihrem Stück Theatre zu Gast im Tanzquartier ©Superamas, Bianca Brooke Martin, Christophe Demarthe

„Theater“ nennt sich die jüngste Produktion von Superamas, einer Gruppe internationaler Kreativer, die mit ihren Aufführungen ein Cross-over verschiedener künstlerischer Sparten wagen. Film, Theater und Tanz aber auch sogenannte „lectures“ – wie vor allem im anglo-amerikanischen Raum Vorträge oder Seminare benannt werden – mixt die Gruppe bunt durcheinander und erhält damit ein Ergebnis, über das sich trefflich diskutieren ließe.

Im Tanzquartier gastierte Superamas Mitt Jänner publikumsumjubelt 2 Abende und zeigte dabei eine ganz spezielle künstlerische Sicht auf Macht, Massenmanipulation und Wahrnehmung. Als ein historisches Beispiel, in welchem Schein und Wahrheit publikumsträchtig ummodelliert und in Szene gesetzt wurde, wurde zu Beginn der Aufführung eine Leinwand füllende Reproduktion vom Gastmahl des Herodes des Renaissancemalers Frau Filippo Lippi auf die Bühne projiziert. In jenem vereinte der Maler das Thema aus dem alten Testament in einer Art „Laufband“, auf welchem die schöne Salome gleich dreifach sichtbar in Aktion tritt. Diesem Gemälde voran an die Bühnenrampe gestellt wurde ein „Kundiger“ der seinen um sich gescharten interessiert Zuhörenden den frühen Einsatz der Zentralperspektive, deren machtvolle Instrumentierung aber auch die psychologischen Feinheiten des Geschehens auf launige Art und Weise zu erklären versuchte. Geschichte braucht eben multiple Zugänge und Verweise scheint`s, sonst ist sie doch ein sehr trockenes Ding!

Noch ganz im Historischen verhaftet, wechselt die Szene abrupt und das Publikum mutiert zu TeilnehmerInnen einer internationalen „Friedenskonferenz“. Am Podium zu sehen: Der französische Staatspräsident Sarkozy, Muammar al Gaddafi, die Türkei, vertreten durch eine Ministerpräsidentin mit Kopftuch, das Scheichtum Quatar, das sein politisches Oberhaupt entsandt hat, sowie Ariel Sharon als Vorsitzender des Palästinensisch-Israelischen Staatenbundes. Damit wird klar, dass sich das Geschehen mindestens von diesem Zeitpunkt an völlig ins Surreale verlagert. Und schon wird man Zeuge, wie sich die arabische Welt dafür einsetzt, Belgien von seinem an der Macht klebenden König und seiner Frau zu befreien, um die Gewalt auf der Straße zu stoppen und Menschenleben zu retten. Im Hintergrund laufen gefakte Videos, auf denen brennende Brüssler Gebäude und gewalttätige Ausschreitungen auf den dortigen Straßen gezeigt werden. Diese Szene gehört wohl als Highlight des Abends besonders hervorgehoben, gelingt es in ihr doch in wenigen Augenblicken die internationalen Interventionen – egal wo auf dieser Welt – schlagartig von einem anderem Licht aus zu betrachten und gleichzeitig auch zu hinterfragen. Mit dieser Idee wird vieles, was in der westlichen Welt als Intervention für Menschenrechte verkauft wird, zumindest hinterfragungswürdig und dafür alleine lohnte sich auch der Besuch dieses Spektakels. Die verrückte Geschichte , die sich aus dieser Ausgangskonstellation ergibt, endet in der persönlichen Befreiung Belgiens durch einen Gaddafi-Ersatz, der sich martialisch mit einer Kameradin durch ein hektisches Warrior-Computer-Spiel ballert und alles, was sich ihm in den Weg stellt, mit seinen Kugeln wegräumt. Das anschließende Fest der Mächtigen am Swimmingpool am Rande der libyschen Wüste – auf der Bühne wieder live vorgeführt – offenbart Menschliches. Mit Liebesschwüren und Motivationsbekenntnissen, untermalt von Playbackeinspielungen, die von Dokusoap-series stammen, versuchen die regierenden Damen und Herren sich als Medienstars zu präsentieren, denen man gerne bequem vom heimischen Sofa aus zusieht, um sich an ihren privaten Scharmützeln, Problemchen und Freuden zu delektieren. Das Draußen – die Schlachten auf den Straßen, im Dschungel oder sonst wo auf dieser Welt – lässt sich dadurch prächtig ausblenden. Auch diese Perspektive ist Superamas extrem gut gelungen, noch dazu in einer zeitgeistigen Verarbeitung, die gerade bei den jungen Menschen im Publikum viel Zustimmung fand.

Konsequent eigentlich dann der Schluss: In einer Art Showfinale dürfen die vier – das sei an dieser Stelle extra hervorgehoben – perfekten Tänzerinnen – eine Choreografie absolvieren, in der sie in Formationen mit Badehauben und Schwimmdressen ausgestattet – Wasserballett imitieren. Die dafür durch einen Gartensprenkler leicht benässte Bühne bietet ihnen hierfür Rutschfläche genug, um dieses Spektakel perfekt in Szene setzen zu können.

Was bleibt sind mehrere starke Eindrücke von höchst professionellen Tanzeinlagen die von klassischem Ballett für den Schleiertanz der Salome bis hin zu akrobatischen Künsten des Wasserballetts nichts zu wünschen übrig lassen. Ferner die Erkenntnis, dass ein Cross-over von Techniken und auch puzzleartigen Szenen sich zu einem Ganzen vereinen lässt, dem jedoch, wie in diesem Fall, ein Feintuning – vor allem was die Adaptierung der Protagonisten Sarkozy und Gaddafi anlangt – gut getan hätte. Zwar ist das Publikum nicht denkfaul und schafft die Transposition der Gestalten auch ins Hier und Heute. Aktualität bleibt aber Aktualität und wird am besten dadurch vermittelt, dass sie mit Gestalten agiert, die tatsächlich noch unter den Lebenden weilen und wie für diesen speziellen Fall notwendig – auch noch unter den Regierenden. Ein kleiner Schönheitsfehler, der einen anderen, wesentlich größeren jedoch mühelos zudeckt. Jenes Manko nämlich, das entsteht, wenn locker-flockige Unterhaltung im Minutentakt all das verdrängt, was in der Ebene darunter so offensichtlich gezeigt werden soll – der Missbrauch der Medien, die Verführung des Publikums mit Brot und Spielen oder „Theater“. Erinnert man sich kurz an den Beginn des Abends, muss die logische Schlussfolgerung lauten: Alles ändert sich, aber im Grunde bleibt doch alles beim Alten. Das Oben bestimmt das Unten, das durch mediale Nebelbomben nie zum Kern der Informationen gelangt, nur die Mittel oder präziser ausgedrückt Medien hierfür haben sich im Laufe der Jahrhunderte geändert.

Unklar bleibt, ob das Publikum, dass so enthusiastisch klatschte, diese tiefschwarze Satire, getaucht in zuckerlbuntes Medienpapier, auch wirklich durchschaut hat.

PerformerInnen: Lucie Eidenbenz, Karen Lambaek, Lieve de Pourcq, Faris Endris Rahoma, Bahar Temiz und Superamas


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