Ein anständiger Mensch gehört nicht ins Paradies

Der Nachwuchsregisseur Josua Rösing warf sich bei seiner Abschlussarbeit am Max-Reinhardt-Seminar mit der Regie des Klassikers „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor M.Dostojewskij mächtig ins Zeug – und ließ mit dem Ergebnis wohl niemanden im Publikum kalt.

Die Brüder Karamasow in einer Inszenierung von Josua Rösing

Die Brüder Karamasow in einer Inszenierung von Josua Rösing (c) Forster

Dabei nahm er sich allerhand künstlerische Freiheiten heraus. Aus vier Brüdern des Originaltextes wurden drei, dafür kam eine bei Dostojewskij nicht vorhandene Figur – Warwara – hinzu. Eintausendsiebenhundert Seiten wurden auf nicht einmal 2 Stunden Spielzeit komprimiert und dennoch war die Aufführung eine in sich stimmige, spannende, erheiternde, bewegende und zum Nachdenken anregende. Viel mehr Lob kann man als Jungregisseur wohl nicht einheimsen.

Was Rösing mit den großteils Studierenden auf der Bühne des Max Reinhardt-Seminars zum Besten gab, war ideenvolles Theater, das nicht zögerte, einen großen Stoff schlaglichtartig neu zu beleuchten. Einzig der in Wien einem größeren Publikum bekannte Martin Schwanda in der Rolle des Vaters darf schon auf langjährige Bühnen- und Filmerfahrung zurückblicken und so gesehen war seine Besetzung eine ideale. Nicht nur, dass er vom Alter her am geeignetsten die Rolle übernehmen konnte, er agierte auch als ehemaliger Student dieser Hochschule quasi als Primus inter pares. An seiner Lebhaftigkeit und seiner überschäumenden Spielenergie durften sich seine jungen Kolleginnen und Kollegen nicht nur freuen, sondern sich durch diese Herausforderung auch selbst in Hochstimmung spielen.

In Rösings Inszenierung wurde klar, dass keiner von Karamasows Söhnen frei von Tadel, tiefen Gefühlen oder gar emotionalen Ausbrüchen ist, wenngleich sie auch den exzessiven Lebenswandel und das ungestüme Auftreten bei ihrem Vater selbst zutiefst verachten. Und auch sein Tod zerschneidet nicht jenes Band, das ihn unausweichlich durch seine leibliche Vaterschaft mit seinen Nachkommen verbindet. Ganz besonders deutlich wird dies dadurch, dass Karamasow auch nach seiner Ermordung stets präsent bleibt. Nicht nur in den Köpfen seiner Nachkommen, sondern auch optisch für das Publikum. Blutgeschwärzt sitzt er nach seinem Tod auf einem hochpolierten Flügel, auf dem – wie in einer Nummernrevue – von Zeit zu Zeit das eine odere andere Musikstück intoniert wird, und betrachtet dabei wortlos das Treiben der Jungen. Das genetische Familienerbe und die kindliche Prägung belasten für allzeit seine Nachkommen und bilden um diesen einen unsichtbaren Käfig, aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt. Dieser kluge Regieschachzug ist es, der am meisten beeindruckt. Das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, das Unaussprechliche, das dennoch von erdrückender Präsenz ist. Da hilft es auch nicht, dass die jungen Männer nach dem Ableben ihres Vaters die Enge ihres Handlungsspielraumes niederreißen versuchen, welcher durch zwei Sesselreihen symbolisiert wurde, zwischen denen sich anfänglich ein Großteil des Geschehens abspielte. Ganz im Gegenteil zeigt sich, dass sie, wie das Liebespaar Mitja und Gruschenka, mit dieser neuen Freiheit überhaupt nicht zurechtkommen. Wie schwer es ihnen fällt, eine neue Ordnung wieder aufzubauen, wird in dem Moment klar, in welchem die junge Frau mit großer Mühe daran geht, aus den umgefallenen Stühlen eine kleine, abgezirkelte Behausung für sich und ihren Geliebten zu bauen. Ein „Nest“, das wieder Halt und Wärme verleihen soll. Ob Mitja oder der Diener Smerdjakow – ebefalls ein Sohn Karamasows – diesen umgebracht hat, lässt Rösing in seiner Inszenierung offen. Damit unterscheidet er nicht zwischen der tatsächlichen Bluttat und jenen Gefühlen, die eine solche herbeisehnen. Genauso, wie auch die beiden Protagonisten selbst es nicht tun und sich zur Tat bekennen.

Eine der zentralen Fragen des Stückes, ob der Mensch eine göttliche Autorität anerkennt oder ob es ihm möglich ist, die volle Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, bleibt ebenso unbeantwortet. Der Einzige, der es sich in seinem Leben so eingerichtet hat, dass er sein Tun nicht zweifelnd hinterfragt, ist Karamasow. Ganz dem feudalen System verpflichtet, legitimiert er das Oben und das Unten der Menschen grundsätzlich durch Gottes Willen. Allerdings ist für ihn vor allem das Naturrecht des Stärkeren, das es ihm auch ermöglicht, vor allem die Frauen in seinem Leben triebhaft zu gebrauchen, ohne sich dabei auch nur irgendeiner Schuld bewusst zu werden, wie selbstverständlich in sein Lebenskonzept eingebunden.

Einen großen Einfluss auf die Aussage des Stückes hat das beeindruckende Bühnenbild von Mira König. Es tritt nicht nur orts- und stimmungsbeschreibend auf, sondern könnte jederzeit als Installation in einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst reüssieren. Ein Panoramafoto, auf dem eine leicht mit Schnee bedeckte Waldeslichtung in hartem Licht zu sehen ist, erzeugt das Gefühl von klirrender Kälte. Die davor Agierenden werden gekonnt von der Beleuchtung so in Szene gesetzt, dass sie schwarze Schattenfiguren abgeben, die in wohl proportionierten Abständen voneinander entlang des leicht gebogenen Fotofrieses langsame Bewegungen vollführen, während sie auf ihren nächsten Auftritt warten. Jeder und jede steht für sich alleine, ist ausgesetzt einzig den zwischenmenschlichen Beziehungen und scheint von diesen nicht gewärmt, sondern eher erfroren zu werden. Die aktuellen Bezüge zu Missbrauch in Familien, die in den musikalischen Einlagen thematisiert werden, zeigen mehr als deutlich, dass psychische und physische Gewalt in der Familie leider auch heute noch an der Tagesordnung steht. Da spendet auch Warwara keinen Trost, die streckenweise an eine Verkörperung des Hegel´schen Weltgeistes erinnert und von Rösing als Zusatzfigur in das Stück eingefügt wurde. Ihre artifiziellen Bewegungsmuster und ihre andauernde externe Beobachtung fügen dem Geschehen einen Metastandpunkt ein, ohne dies jedoch letztgültig richtungsweisend zu kommentieren.

Auffallend an der Inszenierung ist, dass der Jungregisseur in der ersten Spielhälfte die Beziehungen der Figuren untereinander plausibel und einfühlsam analysiert hat, jedoch mit der endgültigen Konklusion der Geschichte im zweiten Teil doch wohl zu kämpfen hatte. Hier hätten 10 oder 15 Minuten mehr nicht geschadet, was aber wiederum aufzeigt, wie kurzweilig die Inszenierung wirkte.

Katharina Breier, Katharina Haudum, Valerie Pachner, Bastian Parpan, Sebastian Schmeck und Lukas Wurm zeigten alle starke Bühnenpräsenz, was aufgrund der extremen Nähe zum Publikum gesondert hervorzuheben ist und ergaben ein in sich extrem homogenes Ensemble, aus dem niemand gesondert hervorzuheben ist.

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