Woran erinnert mich das nur?

"Du bist meine Mutter" (Foto: Karl Baratta)

Bühne gibt es keine. Das Publikum versammelt sich auf dicht aneinandergerückten Sesseln in einem kleinen Raum des Musischen Zentrums in Wien. Nicht mehr als 30 Personen haben in dem Zimmer mit dem Charme eines drittklassigen Wartezimmers eines Hausarztes Platz. So ungemütlich und ungewöhnlich das Surrounding für eine Theatervorstellung auch ist – für „Du bist meine Mutter“ von Joop Admiraal ist es höchst passend.

In diesem Einpersonenstück fasste der niederländische Autor und Schauspieler einen exemplarischen Besuch bei seiner 90-jährigen Mutter im Altersheim zusammen. Markus Stolberg, mehr für seine Film- als Theaterauftritte bekannt, schlüpft in die Rolle von Sohn und Mutter und berührt darin eine Stunde lang sein Publikum.

Dabei eröffnet er das Geschehen mit dem Hinweis, dass auch seine Mutter dement gewesen sei und erklärt darauf kurz die drei Stadien dieser Krankheit bis hin zum letzten, in dem keine Kontaktaufnahme, kein Austausch mehr möglich ist. Im Laufe der Vorstellung wird er hin und wieder im Text stocken und den Souffleur bemühen, der in der ersten Reihe sitzt und ihm auf Blickkontakt das jeweilige Stichwort zum Weiterspielen gibt. Es ist bekannt, dass Demenz, die bereits vor dem 60. Lebensjahr auftreten kann, bei Verwandten ersten Grades vererbbar ist. Und so bleibt die Frage während des gesamten Auftrittes von Stolberg unbeantwortet, ob die so offen gehandhabte Texthilfe ein subtiler Regeieinfall oder dringend benötigte Realhilfe ist.

Admiraals Text, den Stolberg mit den Worten beginnt „Ich will ihn jetzt einmal versuchen“, gibt einen höchst kuriosen und zugleich tief menschlichen Dialog zwischen Sohn und Mutter wieder, in dessen Verlauf viel über das Leben der alten Dame spürbar wird. Ihr Aufwachsen mit zwei Schwestern, ihre Ehe mit einem Polizisten – einem von Zweien in einem kleinen Dorf. Dass sie zwei Söhne hat, erfährt man genauso, wie deren Berufe Arzt und Schauspieler. Dabei sind die Gedankengänge alles andere als geradlinig. Immer wieder kippt die Konversation in völlig surreale Gedankenausflüge, wobei man Joop bewundert, mit welchem Gleichmut und welcher Kontenance er sich seiner Mutter gegenüber verhält. In ihrem Gedächtnis verliert sich vieles, aber es speichert auch, sehr zum Missfallen ihres Sohnes, Ereignisse ab, die lieber vergessen werden sollten. Wie die Tabletten-Einnahme von Siena, ihrer Schwester, die mit einer Überdosis Tabletten aus dem Leben scheiden wollte. Immer wieder kommt der Stehsatz „Aber Siena hat auch Tabletten genommen“. Es hat den Anschein, als würde sie mit diesem Hinweis auch auf ihre Selbstbestimmtheit pochen, was den Zeitpunkt ihres eigenen Todes betrifft. Doch während des Gespräches relativiert die alte Dame ihren Wunsch nach dem Sterben gänzlich, ja frägt ihren Sohn, wie er denn auf die Idee komme, dass sie nicht mehr leben wolle. Und immer wieder wird der Satz wiederholt: „Woran erinnert mich das nur?“, mit dem auch die Schwierigkeit und das Drama an Demenz Erkrankten ausgesprochen wird, die Erinnerung nach und nach zu verlieren.

Wie schwer ein Austausch zwischen Mutter und Sohn auf Augenhöhe ist, zeigt auch jener Dialog, in dem Joop seine Freude über die Auszeichnung des Prix d`Italia verleiht. Aber anstelle eines Lobes, einer Zustimmung oder gar Bewunderung wird diese Ehrung von seiner Mutter flugs mit den Preisen des Schützenvereines egalisiert, die ihr Mann hin und wieder erhalten hatte. „Eine Gans und eine Kiste Äpfel hatte er dabei mit nach Hause gebracht“, ist ihre lapidare Antwort. In dieser Szene entgleiten Joop die Gesichtszüge und es ist ihm nicht zu verdenken.

Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die allerkleinsten, die plötzlich große Wichtigkeit erlangen. Richtiges, gefahrloses Aufstehen zum Beispiel. Joops Mutter hat sich dafür ein Tantra zurechtgelegt, das sie sich vorsagt, während sie sich vom Bett oder Sessel erhebt. „Stehen kann ich! Ich stelle mich mit den Füßen gegen den Rand vom Bett – kann man nicht fallen!“ Das Zuknöpfen einer Bluse oder eines Rockes, das Ausziehen von Socken, das Fühlen des Materials einer Jacke, all das wird plötzlich zu einem Erlebnis mit einer Qualität, die Gesunde  meist überhaupt nicht wahrnehmen.

Die immer gleichen Fragen, die immer gleichen Wiederholungen von Antworten – alle, die eine demenzkrankte Person betreuen, kennen dies. Was aber im theatralen Bereich einen humoristischen Beigeschmack bekommt, ist im Alltag oft schwer zu ertragen. Der Umgang mit diesen Menschen will erlernt werden. Angehörige mit großem Phlegma haben es da wesentlich leichter als Choleriker. Und Stolbergs alter Ego Joop erscheint sehr geduldig.

Seine ruhigen Antworten, seine ruhigen Fragen, all das zielt darauf ab, seiner Mutter so wenig wie möglich Angriffsfläche für ein Erinnern zu geben, das nicht mehr möglich ist. Die offenen, wachen Augen der alten Dame, ihre kleinen Trippelschrittchen, ihr Aufsteh-Habitus und vor allem eine Geste mit der Hand, mit der sie ihr Gesicht bedeckt, erzeugen starke Emotionen. Bedeutet letztere doch das schamhafte Verbergen der tränennassen Augen in Momenten wie jenen des allsonntäglichen Abschieds.

Es ist ein großes Verdienst der Regie von Karl Baratta, mit höchst sparsamen, kleinen Bewegungsmomenten die beiden Charaktere in der Person von Stolberg voneinander unterscheidbar zu machen. Das Zittern der rechten Hand gehört der Mutter, die geschlossenen Augen während des Sprechens dem Sohn. Die kleinen Trippelschrittchen vor dem Sessel symbolisieren den Gang hinaus in den Aufenthaltsraum und weiter ins Freie.

Der Schluss kommt unvermittelt, so wie er sich auch im Leben oft unvermittelt einstellt. Und doch ist es nicht das Ende von Joops Mutter. Nach einem Sturz liegt sie mit gebrochenem Hüftbein im Bett und möchte das Krankenhaus unbedingt verlassen. Als sie nach kurzer Konversation ihre Augen schließt, könnte man ihren Tod annehmen. Würde Joop nicht erklären, dass das mit dem Sterben nicht so einfach ist. Denkt man in diesem Moment an den Hinweis zurück, den Stolberg zu Beginn des Stückes machte, dass in der letzten Demenzphase keine verbale Kontaktaufnahme mehr möglich ist, schließt sich der Kreis mit Joops letzter Aussage.

Es sind mehrere Faktoren, die diesen Abend so herausragend und besonders machen: Zuallererst ist es die eindringliche und zugleich doch so unaufdringliche Spielweise von Stolberg, die einem in seinen Bann zieht. Es ist der ungekünstelte und sich doch sich so tief ins Herz schleichende Text von Joop Admiral. Es sind die unüberhörbaren Klavierübungen, die eine unbekannte Person am Abend der besuchten Vorstellungen einen Stock höher ständig repetierte, die die mehrfache Mutterfrage, wer denn hier Musik mache, so treffend unterfüttern. Es ist die kahle Umgebung des Aufführungsraumes, die an viele Altenheime erinnert, auch wenn Joops Mutter sich in ihrem geborgen und aufgehoben fühlt.

Es wäre schön, wenn diese Produktion eine Wiederaufnahme erfahren würde.


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