"Willkommenskultur" vs. Realität

Ich halte mich ja für einen gesellschaftlich und politisch interessierten Menschen. Selten aktiv, aber immerhin aufmerksam, ja. Dieses Selbstbild ist in einem mehr oder minder freiwilligen Realitätcheck gnadenlos durchgefallen. Ich befasse mich ja doch nur mit den medienpräsenten Themen und denen, die mich selbst betreffen. Flüchtlingscamp, Asylpolitik, Bafög, GEZ Rundfunkbeitrag und andere Schweinereien... Umso erstaunlicher, dass ich mich nie so richtig mit der legalen Aufenthaltspolitik Deutschlands oder Berlins befasst habe. Obwohl mein Deckel, ich habe es an der ein oder anderen Stelle erwähnt, Japaner ist. Auch japanischer Staatsbürger. Seine Aufenthaltsgenehmigung war mir immer irgendwie selbstverständlich, gegen finanziell abgesicherte Studenten spricht ja nichts. Es war mal wieder so weit, also brav alle Dokumente zusammentragen, brav einen Termin machen und hin. Nein, Sie studieren zu lange, Sie studieren zu lange, Sie benötigen eine Studienprognose. Ein Dokument der Universität, dass eine Leistungsübersicht gibt und bestätigt, dass das Studium innerhalb einer Frist von 10 Jahren abgeschlossen werden kann. Mit einer Gültigkeit von 6 Wochen. Warum nicht wenigtens ein Semester hinterfrage ich an dieser Stelle nicht. An der Universität fühlt sich erstmal niemand zuständig, aber das ist ja immer so. Kein Grund zur Panik. Findet sich auch noch jemand, der die Zuständigkeit nicht mehr an eine andere Verwaltungsstelle weitergeben will, kann oder darf. Wer weiß. Also Studienprognose erstellen lassen und ab zu einem neuen Termin. Zum ersten Mal gehe ich mit. Mein Deckel fragt mich, ob ich die Ausländerbehörde mal sehen will. Ob ich mitkommen soll? Nein nein nein, alles gut, ich kann auch zu Hause bleiben. Nein, ich komme gern mit. Zu zweit dauert das Warten nicht so lange und man lernt bestimmt viele nette Leute kennen. Herrje, so nervös habe ich den armen Mann selten erlebt. Weckt Mutterinstinkte. Oder so. Erster Eindrück: Hässlich. Großes graues Gebäude. Sieht mehr aus wie ein Holocausdenkmal. Nicht sehr einladend. Die allgemeine Stimmung auch nicht. Herzlich Willkommen in Deutschland, herzlich Willkommen in Berlin. Schilderwald, ich habe keine Ahnung, wo ich hin muss. Ungefähr 20 andere Leute auch nicht. Mein Deckel kennt das schon, zielstrebig in den richtigen Warteraum. Der ist komplett leer, Wartenummernautomat außer Betrieb. Wartenummern wurden durch Online-Terminvergabe ersetzt. Gut, wenn man das weiß. Wir schicken drei Mal verwirrte Menschen weg, mit Hinweis auf das Terminverfahren. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie rechtzeitig einen bekommen. Mein Deckel wird immer nevöser und blättert ständig durch alle möglichen und umöglichen Dokumente. Alles dabei? Gut. Wirklich? Hoffentlich. Geht's dir gut? Jaja. Wird schon. Hm. Als ich auf menem Handy spielen will, wird er sauer. Glaube ich. Also doch lieber wieder wegstecken. Was tun? Gibt nicht viel. Ausblick? Nee, deprimierend. "Warte TV"? Schlecht formatiert, nutzt nix. Bleibt nur die elektronische Nummernanzeige. Pling. Nummer 853 in Raum 171. Pling. Nummer 305. Pling. Pling. Pling. Plötzlich springt mein Deckel wie von der Tarantel gestochen auf, seine Nummer. Ich will mit, darf aber nicht. Dolmetscher wird hier nicht benötigt, warten Sie hier. Toll. Anstatt in den Warteraum zurückzugehen, setze ich mich neben die Tür auf den Boden. Darf man das? Diskretion? Keine Ahnung, sie sagte "hier". Kommt keiner vorbei, also schickt mich auch keiner weg.  Ich weiß nicht, ob ich das Gespräch hier sinngemäß wiedergeben darf oder dadurch Ärger bekomme. Also lasse ich es. Wen es interessiert, der kann mir eine Mail schreiben. Genau das sagt eigentlich schon alles. Der Beamte nutzt seine quasi uneingeschränkte Machtposition auf die widerwärtigste Art und Weise aus. Er ist besser. Er ist mehr Wert. Er hat den Stempel. Wie kann es dieser freche kleine Ausländer es überhaupt wagen in Deutschland weiterstudieren zu wollen? Kann er doch zu Hause machen! Das ist ausdrücklich kein Zitat, keine wortgetreue Widergabe Nur die Quintessenz des Gesprächs, wie ich es verstanden habe. Wer Google um Erfahrungen bemüht, wird noch weit schlimmeres zu lesen bekommen. Das ist das multikulturelle Berlin. Unsere "Wilkommenskultur", die eigentlich "HautEndlichWiederAbKultur" heißen sollte. Globalisierung nur für Geld. Ekelhaft.Das Ergebnis des Gesrpächs ist nicht erbaulicher. Zwar hat mein Deckel einen tollen Stempel bekommen, der ist allerdings nicht sehr lange gültig. Und ultimativ der letzte. Keine Verlängerung. Ohne Abschluss nach Hause. Tschüss, Goodbye, auf Wiedersehen. Fernbeziehung extrem? Oder er kann natürlich "pendeln", alle 3 Monate nach Japan und wieder zurück. Studium mit Touristenvisum. Klar, was kostet die Welt? Oder wir können heiraten. Hm. Will ich das? Keine Ahnung. Erstmal nachdenken.