Was ist schön am Jungsein?

“Für immer Peter Pan!” Das Theater Drachengasse zeigt 4 Produktionen zu diesem Thema. Der Sieger wird am 20. Juni verkündet.

Vier Produktionen zu je 20 Minuten werden alljährlich beim Nachwuchs-Theater-Wettbewerb im Theater Drachengasse dem Publikum vorgestellt. Das Generalthema 2015 – „Für immer Peter Pan!“ – evozierte insgesamt 73 Einreichungen. Wer Jury- und Publikumssieger wird, wird erst am letzten Tag der Vorstellungsreihe verkündet. Bis zum 20. Juni gibt es aber noch reichlich Gelegenheit, sich selbst ein Urteil zu bilden und mitzustimmen.

„Fairydust“ TM

„Fairydust“, Feenstaub, nennt sich die erste, kurze Geschichte der paul amann werke – einem Kollektiv für Sprache, Bild und performative Kunst. Darin wird eine Arbeitssituation beschrieben, die für junge Menschen heute zum Alltag gehört.

„Fairydust“ TM

„Fairydust“ TM  (Foto: © Andreas FRIESS / picturedesk)

Michael ist nach seinem Master-Abschluss auf der Suche nach seinem nächsten Praktikum und darf dafür 2 Wochen, unentgeltlich, versteht sich, in einem Start-up arbeiten. Dort erfährt er, dass nicht nur seine Arbeitskraft, sondern er als ganze Person und diese am liebsten Tag und Nacht gewünscht wird. Denn der Job ist ja kein Job, sondern eine Lebenserfüllung. Das wird ihm zumindest von seinen Kolleginnen und Kollegen eingeredet.

Katharina Paul ist für den Text, die Dramaturgie und Regie verantwortlich. Ihr gelang schon mit dem Titel eine tolle Metapher für eine Arbeitssituation, die mehr aus Hoffen und Wünschen, denn aus realer Zielerfüllung, die sich in Barem ausdrückt, besteht. Immer aufs Neue werden dem kleinen Team (Angelina Berger, Christina Cervenka, Benjamin Kornfeld, Fabian Schiffkorn) von ihrem Vorgesetzten Peter – nur durch das allmächtige Auge einer Videokamera präsent – neue Vergütungen in Aussicht gestellt, wenn die vorgegebenen Ziele erreicht werden.

Proportional zur Versagensquote steigen die in Aussicht gestellten Prämien und da es Essen und Trinken, ja sogar die Möglichkeit sich zu duschen und im Büro zu schlafen gibt, nehmen die Youngsters dieses ausbeuterische Prinzip mangels anderer Alternativen in Kauf. Die Sprache, gespickt mit englischen Fachausdrücken aus der Internet- und Start-Up-Szene, verwendet jede Menge knackige Parolen. Kurze Kommunikation ist nicht nur in der Werbung das Um und Auf, sondern offenbar auch im alltäglichen Umgang miteinander. Eine tolle Idee, in der sich vor allem die jungen Leute sehr zuhause fühlen werden und ältere Semester wohl aufatmen, noch einer anderen Generation anzugehören.

Lost: Girls and Pirates and Songs

LOST: GIRLS AND PIRATES AND SONGS . (Foto: © Andreas FRIESS / picturedesk. )

LOST: GIRLS AND PIRATES AND SONGS . (Foto: © Andreas FRIESS / picturedesk. )

„Stefan, dasselbe wie jeden Abend?“ eine kräftige Frauenstimme stellt die Frage beim Eingang in den Bar-Raum des Theaters, sodass sich das Publikum umdrehen muss, um zu sehen, von wem sie kommt. Jessyca R. Hauser und Nancy Mensah Offei, beide in pinkfärbigen Perücken mit Bubischnitt, performen einen Text von Lena Rasovsky. „Lost: Girls and Pirates and Songs“ ist der Titel, der mehr andeutet als aufklärt. Tatsächlich sind es nur zwei Mädchen, die sowohl die Bühne als auch die Bar bespielen.

Was nicht unlogisch ist, denn aus dem Programmheft geht hervor, dass sie sich in einer Karaoke-Bar befinden. Der höchst artifizielle Text, der zum Teil literarische Vorlagen aus den 70er und 80er Jahren vermuten lässt, lässt die beiden Darstellerinnen mehr zu Denkmaschinen mit angeschlossenem Sprechorgan mutieren als zu lebendigen Menschen.

Es fehlt ihnen ein richtiger empathischer Austausch, obwohl dazu genug Anlass gegeben ist. Nancy erzählt wie beiläufig vom Tod ihres 14jährigen Bruders, der nun nicht mehr die Möglichkeit hat, erwachsen zu werden. Und Jessyca kämpft mit der Situation, für ein Praktikum nach Dornbirn fahren zu müssen. Und doch sind sie sich beide näher, als es der erste Eindruck vermuten lässt.

Die philosophische Frage, ob das Fallen eines Baumes nur dann als real eingestuft werden kann, wenn man diesem auch beiwohnt, beherrscht den Diskurs der beiden immer wieder. Was ist wirklich, was ist nur geträumt und ist es nicht besser zu träumen als in der Wirklichkeit zu leben?

Der Wunsch nach Nähe, der Wunsch, die andere immer bei sich zu haben, veranlasst Jessyca letztlich diesen auch ganz offen auszusprechen und das Risiko des Zurückgewiesenwerdens einzugehen, das beide bis dahin scheuten. Eine witzige Wassereimer-Nummer, bei der die Vorstellung zwischen Urlaub und einem Flugzeugabsturz beständig wechselt, sowie ein fulminanter Song, bei dem das Wort „troubles“ das wohl meistbenutzte ist, lassen die Vorstellung genauso schillern wie die Perücken der beiden Protagonistinnen. Man wünscht sich, den Text nachlesen zu können, um tiefer in das Rasovsky-Universum eintauchen zu können.

Alb (When Alice met Peter)

In „Alb (When Alice met Peter)“ verfolgt die Autorin Theresa Thomasberger die Idee, das Gefühl einer jungen Frau wiederzugeben in dem sich Wunschdenken und Depression zu einem undurchschaubaren Mengengelage vermischt.

ALB [WHEN ALICE MET PETER] . (Foto: © Andreas FRIESS / picturedesk)

ALB [WHEN ALICE MET PETER] . (Foto: © Andreas FRIESS / picturedesk)

Anna-Sophie Fritz tanzt zu Gitarrenklängen von Jean Philipp Over Viol als ob es kein Morgen gäbe. Und tatsächlich ist es das Morgengrauen, das ihr Angst einzujagen scheint. Anders als bei Romeo und Julia, die sich das Singen der Nachtigall und nicht der Lerche wünschen, um die Trennung voneinander nicht vollziehen zu müssen, ist es das Rosa, das vom Himmel gebannt werden muss, um nicht in den Tag einzutauchen. Zuvor jedoch versucht Anna-Sophie noch, sich die Fahrt in die Eingeweide ihres Traummannes vorzustellen.

Projizierte Live-Aufnahmen von Gaumenzäpfchen sind derzeit in Wien der Renner. Schon Chris Haring exerzierte in seiner jüngsten Produktion, wie ein Minikameraobjektiv das Innere eines Menschen optisch für das Publikum in gigantische Dimensionen anschwellen lassen kann. So auch in dieser Produktion, die ihre große Stärke aber in der Choreografie von Anna-Sophie Fritz hat.

Von Inszenierung zu Inszenierung schiebt sich immer noch ein weiteres Stück Freiheit in die Interpretationsmöglichkeit der einzelnen Arbeiten. War es bei „Fairydust“ noch ein kompletter Plot, der erzählt wurde, löste sich diese Erzählweise in den darauffolgenden Arbeiten immer weiter auf.

„Meine Nase läuft“

In „Meine Nase läuft“ sind es nur mehr lose aneinandergereihte Szenen, in welchen jene Themen sicht- und spürbar werden, die junge Menschen von heute packen. Frederik Müller greift dabei die Queer-Thematik auf und beruhigt sich im Laufe des Geschehens damit, dass der seelische Schmerz, den er früher verspürte, jetzt nicht mehr da ist. Wie das mit seelischen Schmerzen, die als überwunden geglaubt postuliert werden tatsächlich ist, weiß man.

An seiner Seite agiert Banafshe Hourmazdi ebenso wie ihr Partner in einer kessen Pfadfinderuniform. Hot Pants sind heuer wieder in – und so gibt es viel Bein und hohe Plateauschuhe zu bewundern. Ob des durch kleine Äste hervorgerufenen unebenen Bodens ein beständiger Balanceakt für die beiden. Aber auch eine schöne Metapher, die aufzeigt, das in dieser Welt, wie sehr man sie auch für sich zurechtbiegen kann, nichts sicher ist.

Dada, aber auch die 70er Jahre mit ihren schrillen Kostümierungen und Masken lassen grüßen. Protestsongfeeling vermischt sich mit der Illusion einer Drag-Queen-Revue, angesiedelt um knisterndes Lagerfeuer, an dem Volksliedgut abgesungen wird. Schräg, schräger am schrägsten – dieses Attribut bekommt an diesem Abend sicherlich „Meine Nase läuft“ – so der Titel der Performance.

„For ever Peter Pan“ war vielleicht als positiv konnotierte Ausgangslage für die Ausschreibung angedacht. Nach dem Besuch der vier finalen Produktionen stellt sich jedoch unweigerlich die Frage: Was ist schön am Jungsein? Die Unschuld, nicht die körperliche, sondern vor allem jene, welche die Babyboomer noch bis ins frühe Erwachsenenalter ein reines Gewissen fühlen ließ, die ist offenbar längst dahin.

Eine übermächtige Medienflut lässt es nicht mehr zu, die Augen vor Problemen jeglicher Art zu verschließen. Mag man auch noch so jung sein. Sozialkritik, die am eigenen Körper beginnt und mit dem Thema der schönen, neuen Arbeitswelt endet, bestimmt das Denken aller Teilnehmenden. Dann lieber Peter Pan weit hinter sich lassen und ab ins vermeintlch selbstbestimmte Lebensgetümmel!


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