Surfen in 10 Lektionen

Surfen in 10 LektionenWow. September.

Wo ich war den ganzen Sommer? Drei Monate lang? Gute Frage, ehrlich.

Meine beste Antwort? Ich war Surfen. Surfen im Sinne von Wellenreiten. Genau, ich war Surfen.

Surfen geht ganz einfach:

  1. Du stehst im Meer, das Wasser steht dir bis zum Hals. Wenn du klug warst, hast du dich vorher auf dein Board geschwungen. Du liegst also auf deinem Brett und paddelst durch Wasser, das zu tief ist zum Atmen und irgendwie doch zu flach zum Ertrinken.
  2. Vor dir liegt das offene Meer und darin paddeln all die anderen Surfer, die es viel besser können als du. Und viel besser dabei aussehen. Außerdem lauern im Meer Haie und Riffe und andere große Gefahren. Der einzig vernünftige Gedanke, der dir grade einfallen mag, ist eigentlich, wieder umzudrehen, zu Hause unter die Bettdecke zu kriechen und nie wieder rauszukommen. Aber uneigentlich willst du ja surfen, und auch bei den anderen sein, die da draußen vor sich hin paddeln.
  3. Noch während du überlegst, siehst du sie kommen: Deine Welle. Sie baut sich langsam da draußen auf, sie kommt auf dich zu und du denkst dir: „Das ist sie. Meine perfekte Welle. Go for it!“, paddelst schneller auf sie zu … und da schreit einer: „Nein, nicht die! Das ist zu gefährlich, lass es, du wirst dir den Hals brechen oder noch schlimmer, dich lächerlich machen, das kannst du nie, das hast du noch nie geschafft, versuch es lieber gar nicht!“ und du lässt die Welle sausen und schaust und siehst weit und breit niemanden, der das gesagt haben könnte. Aber du hast es doch deutlich gehört? Hm.
  4. Dasselbe passiert dir noch ein paar Mal. Welle, paddeln, Stimme, Abbruch, keiner da.
  5. Jetzt hast du zwei Möglichkeiten:
    1. Du gehst irgendwann nach Hause, legst dich ins Bett und denkst dir, dass der Typ sicher recht hat, dass du sowieso unfähig und bescheuert bist und es sicher nie lernen wirst und alle anderen es viel besser drauf haben als du. Alle. Alles. Und das ist dann die Wahrheit. Ende der Geschichte.
    2. ODER du gehst nach Hause, holst dir Oropax oder wahlweise Jack Johnson oder sonst was auf die Ohren. Auf jeden Fall was, damit du die Stimme nicht mehr hören kannst und versuchst es halt in Gottes Namen nochmal. Auch wenn es die letzten Male nicht funktioniert hat. Dann geht es mit 6. weiter.
  6. Du gehst wieder raus, aufs Brett, die Welle kommt, du paddelst ihr entgegen, du hörst die Stimme ganz leise, aber du sagst „Halt’s Maul!“ (oder auch was Freundlicheres), du drehst dich mit dem Rücken zur Welle, sie nimmt dich mit, du schwingst dich aufs Brett, erst mit dem Oberkörper, jetzt die Füße und … platsch! Kopf voraus verschlingt sie dich, du schluckst Wasser, deine Hose hängt dir in den Kniekehlen, Mann, ist das peinlich! Aber als du schnaufend und spuckend hochkommst, siehst du, dass die anderen auch nicht alle stehen, dass die auch üben, dass sie alle nur versuchen, besser zu werden, und Spaß zu haben. Oder auch einfach nur rausfinden wollen, was Spaß macht. Und dass man sich untereinander sogar ermutigt, sich ein „Daumen hoch“ gibt.
  7. So verbringst du den Tag. Am Abend hast du den halben Ozean ausgetrunken, und der Typ, der vorhin immer dazwischen gequakt hat, die andere Hälfte, er ist ziemlich leise geworden. Gut so. Du bist völlig im Eimer, alles tut dir weh. Noch mal? Okay, noch mal. Ein letztes Mal.
  8. Und dann? Wenn es gut läuft, stehst du am Ende dieses Tages eine Welle. Eine kleine, ganz nah am Ufer, eigentlich stehst du eher auf dem Strand als auf dem Wasser. Macht nix. Du stehst. Vielleicht aber auch nicht. Macht auch nix. Du kannst stolz auf dich sein. Auch wenn sich das ein bisschen seltsam anfühlen mag.
  9. Wenn du an dem Abend im Bett liegst,
    1. dann kannst du dich immer noch bescheuert und dämlich und peinlich finden und das Surfen lieber lassen. Das ist ja wohl nix für dich. Und dann wird es so sein.
    2. ODER du kannst stolz auf dich sein, du hast es wieder und wieder versucht, obwohl es wirklich aussichtslos schien. Und zum Schluss hast du diese eine Welle geritten.
  10. Und du kannst sicher sein, dass morgen wieder eine neue Welle kommt, wieder eine neue Stimme, dass du dich wieder unfähig und bescheuert fühlen wirst und denken wirst, du bist der einzige, der es nie schaffen wird. Und jedesmal wieder hast du die Wahl.

Ganz simpel, oder? Damit hab ich meinen Sommer verbracht.

Grüße aus Griechenland! Genieß den Spätsommer!