Sehen und weiterziehen

07-083

Hallo, ist hier jemand? Es gibt viele Orte, wo niemand ist. Stille Nadelwälder, karge Alpengrate oder unwirtliche Schluchten. Und wenn heute keiner da ist, so könnte man sich fragen: war hier überhaupt schon irgendwann mal jemand?

Ich stelle mir eine ungewöhnliche Landkarte vor, in der durch die Farbschattierung markiert wurde, wie oft an jeder Stelle schon ein Mensch seinen Fuß auf den Boden gesetzt hat. Dann färbe ich im Geiste die Karte ein – in den Städten ist es ganz dunkel, ja schwarz. Denn hier stehen, sitzen und liegen die Menschen zu Hauf. In den Hochhäusern treten sie über dutzende Stockwerke sogar auf dem gleichen Quadratmeter aufeinander ein. Dann betrachte ich den Wald am Stadtrand. Gibt es hier einen Zentimeter, der noch nie berührt wurde? Mit Sicherheit nicht. Die Wälder werden intensiv bewirtschaftet, die Bäume sind markiert und gezählt, alles gehört jemandem. Aber die Farbe auf der Karte wäre zumindest etwas heller. Und wie ist es auf dem See? Die europäischen Seen sind so voller Schiffe, da ist kein Fleck jungfräulich. Aber in den Schneebergen? Im Himalaja gar? Oder in der Sahara vielleicht? Im Stillen Ozean? Gibt es sie noch, die weißen Flecken?

Vor 10.000 Jahren lebten auf der ganzen Welt, von der Hudson Bay bis zum Beagle Kanal und von Nippon bis zu den Azoren gerade mal eine Million Menschen – also etwa so viele wie heute zum Beispiel allein in Köln. Da es damals kaum Menschen gab, hatten die Gegenden auch keine Namen. Die Menschen waren zwar dauernd unterwegs, sie jagten und verbreiteten sich – aber kein See und kein Berg, kein Dickicht und keine schöne Auenlandschaft bekam ein Vokabel. Alles war einfach da und spontane Bezeichnungen verschwanden beim weiterziehen wieder.

Erst nach und nach erschufen die Geschichte(n) und die Mythen, der Besitzstand und die Herrschaftsansprüche Namen. Dort wo die Franken den Fluss gut überqueren konnten war die Frankfurt, dort wo die hinduistische Göttin Kali ihr schwarzes Tor hatte, war Kalkutta und dort, wo die Luft gegenüber den Malariasümpfen gut schien war der Platz genannt Buenos Aires.

Nun, heute ist jeder Quadratmeter mit Erinnerungen unserer Vorfahren zugepflastert.

Wie wäre es, wenn wir zwischendurch diesen Wulst an Erinnerungen wegschieben würden? Wenn wir es ein bisschen unsere jagenden Vorfahren gleichtäten: die Dinge, die Orte, die Landschaft – alles ganz unvermittelt und unbenannt in sich einatmen? Kann man dieses unbeschwerte Wahrnehmen wiederbeleben?

Sehen und weiterziehen. Das Bild oben zeigt, wie einfach das ist.


Vor zwanzigtausend Jahren / 20cm x 30cm / Filzstift auf Landkarte / 2007, Nr 07-083

Blick auf Titicacasee

Der See Titicaca – Titi heisst „Puma“ und Kaka bedeutet „grau“.

Das könnte Dich auch noch interessieren:

Die vier Seiten eines Artikels "Vivere militare est" sagten die alten Römer, wörtlich "Leben ist militärisch" - entspricht unserem "Zu Leben heisst zu kämpfen". Die Briten haben ein ähnliches Sprichwort: "Life is no picknick". ... Affen Der Mann war oft vorne an der staubigen Strasse mit seinem kleinen Affen. Das arme Tier sass auf einem dicken Stock mit einem hölzernen T-Balken und hatte eine Kette am Bein. Das tat mir leid, so habe... Der Plüschtierchenregen An einem schönen Sommermorgen geschah etwas ganz Unvorstellbares und Ungewöhnliches. In dem blauen Himmel gab es einen Riss. Zuerst war er nur klein, aber hör nur, wie das weiterging. Die erste, di... Er hat eine zwei Meter lange Nase Der weit gereiste Matrose erzählt zuhause von diesem Tier: "Ich habe es gesehen, dieses Tier! Es ist doppelt so groß wie ein Ochse und, ob ihr es glaubt oder nicht, seine Nase ist zwei Meter la... Der Superprojektor "Wenn du jemanden hasst, dann hasst du etwas in ihm, das ein Teil von dir selbst ist. Was nicht ein Teil von uns selbst ist, stört uns nicht." Hermann Hesse Wie prägnant und knapp Hesse dieses... Meister Adebar erzählt von sich Meister Adebar - unser Weißstorch, ist in den sechziger Jahren in vielen Regionen Europas ausgestorben. Ich konnte damals dieses Tier nur im Zoo bewundern. Aber mit viel Anstrengung haben die zahlreic...

wallpaper-1019588
Wintersonnenwende – der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres 2017
wallpaper-1019588
Wenn der Zahnarzt Schmerzen kriegt
wallpaper-1019588
Kleiner Ratgeber für eine gelungene Partnerschaft
wallpaper-1019588
Klaustrophobische Schuldzuweisungen in zusammengeschusteter Figurenkonstellation
wallpaper-1019588
Trailer: Rage 2 (Gameplay)
wallpaper-1019588
Das Dragon Ball Symphonic Adventure-Orchesterkonzert macht auch in Deutschland Halt
wallpaper-1019588
cobicos Sunny Day LSF15
wallpaper-1019588
GURR: Das perfekte Alibi