Pendlers Leid - Pendlers Freud

Pendlers Leid - Pendlers Freud
Produkt-Information
Bettina Baltschev: Last Exit Schkeuditz West. Vom wahren Leben im Regionalexpress. Das ultimative Pendler-Buch. Herder Verlag 2010. 190 Seiten, 12.95 Euro
Mein eigenes ultimatives Pendlererlebnis hatte ich, als ich im Intercity von Bremen einschlief und meinen Bahnhof Nienburg verpasste. Ich war inmitten einer netten Gruppe von Bundis eingepennt und just als der Zug schon in Nienburg hielt, wieder aufgewacht. Aber der Sprint zur Ausgangstür nütze mir nichts mehr, der IC fuhr weiter. Frustriert schlich ich wieder zum Abteil der Soldaten zurück. "Ach so, Sie waren nur auf´m Clo" mußmaßte einer von ihn. Ich hielt lieber den Mund bis Hannover. Die Bundis tauschten sich über Anschlußzüge dort aus. "Und wohin fahren Sie weiter", fragte einer. Da mußte ich mich outen. "Nach Nienburg" und stimmte voll in das allgemeine Gelächter meiner jungen Mitfahrer ein.
Mit solcher Pendlerqualifikation lese ich nun dies absolut köstliche Buch. Man liest es in einem Rutsch. Was Bettina Baltschev hier spritzig satirisch mit spitzer Feder zu Papier bringt, amüsiert nicht nur PendlerInnen sondern jede/n, der es mit dem Unternehmen Bahn zu tun bekommt. Schon der Bahnhofstitel - er hätte auch Angern-Rogätz oder Zedenick - heißen können signalisiert: Hier in der hintersten Provinz, da ist besonderes Bahnland, jenseits der DB-Konsumtempel a la Leipzig Hauptbahnhof. Aber Schkeuditz West ist ja nur ein Punkt im Alltag von Baltschev, die den Leser mit großem Pendlerinnen-Engagement mit auf ihre täglichen Fahrten zwischen Halle und Leipzig mitnimmt. Wobei schon das Wort "Fahrten" viel zu blaß ist, wenn es um den erbitterten Lebenskampf in der Pendlerkoje geht, die es möglichst lange zu verteidigen gilt, oder um die beste Taktik, wie man sich gegen schrille Sexenthüllungs-Stories aus der Pendlerkoje nebenan schützen kann.
Pendlers Leid - Pendlers Freud
Die Autorin geht das Thema satirisch-wissenschaftlich an. Gebannt liest man von ihrer Evolutionstheorie der PendlerInnen, die sie sorgfältig in genaue Pendler-Typen klassifiziert, wobei ihr der "Hormongesteuerte Jungnahpendler" offenbar am sympathischsten ist. Allerdings: Sympathie kann man sich im Pendleralltag kaum leisten, denn jeden morgen kann es dir nach einer Zugausfall-Durchsage passieren, dass du "gemeinsam mit anderen Reisenden um dein Leben von Bahnsteig 14 nach Bahnsteig 8 rennen mußt". Für Toleranz ist da nur wenig Raum. Baltschev warnt auch eindringlich davor, jeden Waggon eines Regionalexpresses für gleich zu achten. Weit gefehlt, denn das morgendliche Dusch- und Frühstücksverhalten entscheidet nachhaltig über die Waggonwahl. Zweitwaggonpendler zum Beispiel stehen weder zu früh noch zu spät auf. Aber Pendler sind alles in allem eine fest verschworene Gemeinschaft, und wenn der letzte von ihnen, fünf Sekunden vor Abfahrt erschöpft den grünen Öffnungknopf drückt, begrüsst ihn die Gruppe der "Stoischen Altfernpendler" bestimmt mit "Pendler ho und Pendler ha, gleich ist auch der Stefan da".
Das Buch ist so randvoll mit gut gewürzten, herrlich vorgetragenen Pendlerszenen, Milieustudien, intensiven Blicke in die Untiefen eines ehemaligen Staatskonzerns, dass man in Versuchung ist, schon in der Rezension zu viel vom Lesespaß hinweg zu nehmen. Deshalb macht der Blogger jetzt lieber Schluß, bevor - Höhepunkt von Bettinas Pendlerleben - die Autorin an einem Tag versucht, ihren Regionalexpress per Zugführergeiselnahme zu einem Umweg über die Ostsee zu zwingen. Eigentlich doch gut, dass dieser Anschlag unserer Pendlerin mißglückte - was hätte der "Fahrradflüsterer" gesagt, wenn er statt in Halle in Binz hätte aussteigen müssen. Und wer es bis jetzt noch nicht kapiert hat - hier des Rezensenten Urteil: Unbedingt lesenswert! Und an die Autorin: Bitte baldmöglich das "Ultimative ICE-Buch" nachschieben, z.B. unter dem Titel "First Boarding Kassel-Wilhelmshöhe". Da freu ich mich schon auf die nächste Rezension.