OM AM HIMMELSZELT, PICKT A RODA MOND

„Die Mutter hat gesagt: „Der Vater will die reichen Leute nicht. Aber wenn die Reichen nicht wären, hätten die Armen nichts zu essen“. Später bin ich draufgekommen, dass es eigentlich umgekehrt ist: Wenn die armen Leute nicht wären, hätten die Reichen nichts zu essen.“

Alles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / VolkstheaterAlles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Dienstmädchen, eine Erzherzogin und eine Frauenrechtlerin

Jutta Schwarz als altes Dienstmädchen gibt diesen weisen Satz von sich, in dem sich der Kern des Stückes von Christine Eder abbildet. Die Regisseurin und Stücke-Entwicklerin hat sich das Geschehen in Österreich vor der Jahrhundertwende bis hin ins Jahr 1934 näher angesehen und ein Drama erarbeitet, in dem die Parallelen zu unserem jetzigen, politischen Geschehen unübersehbar sind. „Gustav“ – die Band von Eva Jantschitsch gibt diesem Schauspiel genügend Musik, um es auch als „Revue“ zu titulieren. Musik, die das Geschehen atmosphärisch mit ganz unterschiedlichen Songs genial begleitet. Ob Arbeiterlieder oder Walzer, ob Moritate oder zeitgeistige Rap-Fassungen, Jantschitschs musikalischer Kosmos geht vom Ohr direkt ins Herz.

Nachdem der schwere, rote Samtvorhang den Blick auf die Bühne freigibt, ist ein Theaterprospekt zu sehen, auf dem ein kaiserliches Zimmer abgebildet ist. Zu den Klängen des Donauwalzers springt ein junger Lakaie über die Bühne, dahinter staubt ein alter Dienstbote in gebücktem Gang eine vergoldete Kaminuhr ab. Bald folgt im Zeitraffertempo die Geschichte über den Selbstmord von Kronprinz Rudolf, sowie die Jugendjahren seiner Tochter Erzherzogin Elisabeth Marie von Österreich, spätere Fürstin zu Windisch-Graetz. Sie wird 1963 als Elisabeth Petznek sterben und als „Rote Erzherzogin“ in die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie eingehen. Ihre adelige Herkunft und ihre erste Hochzeit mit Prinz Otto zu Windisch-Graetz wird auf der Bühne von Eder nicht zuletzt durch eine Miniatur-Musical-Einlage herrlichst karikiert.

Alles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / VolkstheaterAlles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über die Inszenierung hindurch werden einzelne Lebensstationen von Elisabeth (Katharina Klar) genauso beleuchtet wie von Adelheid Popp, der ersten Frauenrechtlerin Österreichs. Steffi Krautz schlüpft unter anderen auch in diese Rolle und führt darin das Publikum aus ihrer Sicht durch die Wirren der Zwischenkriegszeit. In einem Mundartlied beschreibt sie höchst launig Wiener Realitäten – an denen sich bis heute nichts geändert hat: „a daunauschdrom zun fiassbodn, es genseheiffö, a rodlbadii meíd dode“. Um ihr „Wienerisch“ wirklich in Gänze zu verstehen, wünschte man sich an dieser Stelle eine Laufschrift, um den höchst literarischen Text mitlesen zu können.

Vom Beginn der Ersten Republik bis zum Ständestaat

Auch Jutta Schwarz darf aus dem Leben der einfachen Dienstbotin so manches beisteuern, was vor allem junge Leute in Österreich nicht mehr wissen dürften. Die unmenschlichen Zustände in der Ziegelei am Wienerberg während des Aufbaues der Ringstraße, die Armut und Wohnungsnot, das Untervermieten von Schlafstellen an Bettgänger. Vieles, was die Gesellschaft in Österreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte, wird an diesem Abend angesprochen.

Der Gründungsparteitag von Hainfeld an der Jahreswende 1888/89, auf dem sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei unter Viktor Adler formierte, der Zerfall der Monarchie, die Konstituierung der Republik, der Aufschwung des „roten Wien“ in den 20er Jahren und die Unruhen, die sich bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in der Dollfuß-Ära entwickelten, auch diesen politischen Phasen wird breiter Raum gewährt.

Ununterbrochene Betriebsamkeit auf der Bühne

Alles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / VolkstheaterAlles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eder verwendet dafür viele Originalzitate und fordert das Ensemble dabei erheblich. Ständige Kostüm- und Bühnenwechsel, permanente Auf- und Abgänge sind notwendig, um die vielen Protagonisten und Protagonistinnen dementsprechend glaubhaft wiedergeben zu können. Da treten Arbeiterchöre auf, halten Politiker flammende Reden. Da erinnert sich Adelheid an ihre Kinderzeit, in der sie schon früh gezwungen wurde zu arbeiten. Da werden Stühle und jede Menge Unrat von links und rechts auf die Bühne geworfen, als die ersten Arbeiteraufstände von Ottakring veranschaulicht werden. Die Bühnenbildnerin Monika Rovan griff nicht nur zu Prospekten, wie man sie noch aus der Theaterwelt des 19. Jahrhunderts kennt, sondern arbeitet auch mit Video-Einspielungen und schafft so einen schönen Ausstattungs-Spagat über die Zeiten hinweg.

Beängstigend zeitgeistig ist jene Szene, in der über die Bühne Marschierende mit kleinen, papierenen Österreich-Fähnchen winken. Nach und nach werden es mehr Menschen, die das tun, bis schließlich eine große Rot-Weiß-Rote Stoff-Fahne so geschwenkt wird, dass man dabei sofort an aktuelle Bilder von FPÖ-Auftritten denken muss. Eine wunderbare Dollfuß-Karikatur (Thomas Frank), in welcher er hinter einem großen Schreibtisch eine demokratie-einschränkende Verordnung nach der anderen abstempelt, bringt das Publikum herzlich zum Lachen. Und wahrscheinlich ist dieser Teil der Geschichte theatral vermittelt, auch nicht wirklich anders zu ertragen.

Was danach kam, wissen wir – leider

Ein wörtlich zu nehmender Abgesang auf die sozialdemokratische Partei, die unter Dollfuß verboten wurde,  läutet zart das Ende ein: OM AM HIMMELSZELT, PICKT A RODA MOND. ER SCHAUT OWA AUF UNS UND ER WANT, WAL A WISSAT WIES GEHT.

„Wie? Und das war´s?“ fragt die Dienstmagd im allerletzten Satz ins Publikum, das nur zu gut weiß, dass es das leider nicht war.

Alles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / VolkstheaterAlles Walzer alles brennt Christine Eder © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Alles Walzer, alles brennt. Eine Untergangsrevue“ ist ein Schnelldurchlauf der Österreichischen Geschichte, die jungen Menschen als kurzweiliger Nachhilfe-Unterricht dienen kann. Zugleich illustriert die Inszenierung aber auch jene gesellschaftlich-politischen Realitäten, die von historisch denkenden Menschen in den letzten Monaten immer wieder mit unserer jetzigen Entwicklung nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa verglichen werden. „Es ist wie in den 20er Jahren“, sagte unlängst Martin Roth, Noch-Direktor des Victoria and Albert Museums in London, in einem Interview mit 3sat Kulturzeit und fügte hinzu „Weitermachen wie bisher geht nicht!“

Dieser Meinung sind, das zeigen die Inszenierungen mehr als deutlich, auch die Verantwortlichen im Volkstheater. Und haben damit leider Recht.

In weiteren Rollen Christoph Rothenbuchner, Jan Thümer und Luka Vlatkovic, der in dieser Saison direkt vom Max Reinhardt Seminar ins Volkstheater wechselte.

Weitere Informationen und Termine auf der Homepage des Volkstheaters.


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