Wawa – dieses Wort verändert ein ganzes Leben

Wawa, wawa – das war das einzige Wort, das Hellen Keller 1887 sprechen konnte. Es war auch das einzige Wort, das sie schon als Baby sprach – bis sie nach einer Erkrankung im Säuglingsalter taubblind wurde.

Die 1880 geborene Helen Keller ist in Amerika eine Ikone. Sie gilt als Paradebeispiel, wie es trotz eines körperlichen Handicaps gelingen kann, sein Leben zu meistern und sogar großartige Leistungen zu vollbringen.

Ein Bühnenbild ohne Farbe und herrliche Kostüme wie anno dazumal

Das Theater der Jugend im Zentrum hat sich dieses Stoffes in umwerfender Art und Weise angenommen und bietet unter dem Titel „The Miracle Worker“ von William Gibson einen Einblick in die prägendste Lebensphase von Helen Keller. Sandra Cervik inszenierte psychologisch extrem feinfühlig den packenden Stoff, in dem die Begegnung der siebenjährigen Helen mit ihrer Lehrerin geschildert wird. Nathalie Lutz und Susanne Özpinar schufen sowohl ein abwechslungsreiches Bühnenbild als auch Kostüme, die sich an die Fotos, die es von Hellen Keller aus dem 19. Jahrhundert gibt, anlehnen. Mit der Entscheidung, die Bühne in Schwarzweiß zu halten und auch die Videoeinspielungen so zu gestalten, wird dem Publikum zumindest eine Dimension versucht zu vermitteln, die Helen Keller zeitlebens fehlte: Farben.

THEATER DER JUGEND • THE MIRACLE WORKER • VON WILLIAM GIBSON (c) Rita Newman THEATER DER JUGEND • THE MIRACLE WORKER • VON WILLIAM GIBSON (c) Rita Newman

Das störrische, rebellierende Kind, das für seine Umgebung beinahe unerträglich wird, da es unfähig ist, sich adäquat auszudrücken, wandelt sich unter dem Einfluss der jungen Lehrerin Annie Sullivan in einen Menschen, für den die Erkenntnis der Sprache zum alles bestimmenden Lebenskriterium wird. „Wie erzähle ich, was ich war? Abgeschnitten von allen. Wie ein Schiff im Nebel. Ein Phantom in einer Nicht-Welt“, hört man zu Beginn eine weibliche Stimme vom Band und weiß, dass es Helen Keller selbst ist, die hier ihre Geschichte erzählen wird.

Maresi Riegner hat ein unglaubliches Schauspieltalent

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Wunderbare schauspielerische Leistungen, herausragend dabei Maresi Riegner in der Rolle von Helen, machen die Vorführung zu etwas ganz Besonderem. Die 25-Jährige, die gerade in der Rolle der Gerti Schiele im Kinofilm „Egon Schiele: Tod und Mädchen“ zu sehen ist, studiert im letzten Jahrgang an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Bereits seit 2012 steht sie vor der Kamera, im Theater der Jugend mit dieser Rolle aber das erste Mal in einer Hauptrolle auf der Bühne. Nicht nur, dass man ihr in ihrer Rolleninterpretation das 7-jährige Mädchen abnimmt, sie erweckt auch den Anschein, derart in den Zustand der Taubblindheit eingetaucht zu sein, dass es keinen einzigen Augenblick gibt, in dem sie das Gefühl vermittelt, hier als Schauspielerin zu agieren. Wer ein herausragendes, junges schauspielerisches Talent am Beginn seiner Theaterkarriere sehen möchte, soll sich diese Inszenierung ansehen.

Felicitas Franz hat das Publikum auf ihrer Seite

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Großartig an ihrer Seite auch Felicitas Franz als Annie Sullivan. Sie hat die meiste Zeit über mit den Wutausbrüchen von Helen zu kämpfen, was körperlich sichtlich anstrengend ist. Wer schon einmal ein tobendes Kind bändigen wollte, kann das nachvollziehen. Sullivan kämpft in der Inszenierung nicht nur mit den Herausforderungen, die ihr ihre Schülerin stellt, sondern auch gegen die Eltern. Diese (Stephanie K. Schreiter und Uwe Achilles) überbehüten ihr Kind und können nicht verstehen, dass Erziehung, selbst von behinderten Kindern, auch etwas mit Konsequenz zu tun hat. Ansteckend sind Annies Lachanfälle über ihre eigenen, trockenen Aussagen. Das Publikum darf mit Felicitas Franz eine kumpelhafte, junge Frau erleben, der es trotz ihrer schweren Jugend nicht an Humor, Geradlinigkeit und starkem Willen zum Erfolg fehlt. Dass korrekte Rechtschreibung nicht gerade ihr Ding ist, vermittelt sie mit der höchst witzigen Metapher: „Rechtschreibung ist wie eine Überraschungsparty. Da tauchen Typen auf, mit denen niemand gerechnet hat.“

Lynne Williams spielt Viney, das Dienstmädchen der Familie, das mit Witz den oft absurden Anweisungen von Captain Arthur Keller, ihrem Dienstherren, Paroli bietet.

Der Widerspänstigen Zähmung

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Die anfängliche voyeuristische Haltung des Publikums wandelt sich mit Voranschreiten des Geschehens in eine empathische und man wünscht sich nichts mehr, als das Annie Sullivan endlich mit ihrer Fingeralphabetmethode bei ihrem Schützling Erfolg hat. Bis es soweit ist, durchlebt Helen aber ungezählte Wutausbrüche, räumt den Esstisch mehrfach ab, schmeißt mit Dingen um sich und verweigert den Löffel als Esswerkzeug. Nur die Puppe, die ihr Annie als Antrittsgeschenk mitbrachte, ist ihr wertvoll. Der Baum vor dem Haus ist ihr einziger Zufluchtsort, an dem sie sich beschützt fühlt.

Das Hin und Her zwischen der Liebe der Eltern und der Strenge der Lehrerin kann für die Erwachsenen im Publikum auch als Projektionsfläche für ihre eigenen Erziehungsmethoden herhalten. Heute haben sich die Methoden, taubblinde Kinder zu erziehen, Gott sei Dank radikal geändert. Die Frage zwischen Strenge und bedingungsloser Liebe, die Kindern alle Freiheiten lässt, stellt sich aber bei jeder Erziehungsaufgabe immer wieder von Neuem.

Pure Emotionen in Moment der Erkenntnis

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Helen hat die Schwierigkeit, nicht zu wissen, dass es so etwas wie Sprache gibt. Sie weiß nicht, dass jedes Ding einen Namen hat. Ihr das beizubringen, gleicht der Widerspenstigen Zähmung. Unglaublich berührend ist die Schlüsselszene gestaltet, in welcher das taubblinde Mädchen diesen Zusammenhang begreift. Wawa – das Wasser wird zu jenem Triggerwort, bei dem Helen den Zusammenhang zwischen den Fingerzeichen und der Sprache versteht. Wie es auch in der Biographie von Helen Keller nachzulesen ist, wird diese Erkenntnis zur absoluten Zäsur in ihrem Leben. Aus dem bockenden, störrischen Kind wird in einem einzigen Moment ein Mensch, der beginnt, das Leben und seine Umwelt zu verstehen. Der fähig wird, sich auszudrücken und mit seiner Familie und seinen Mitmenschen zu kommunizieren.

„Wawa – mit diesem kleinen Wort begann mein Leben. Das Geheimnis der Sprache lag nun vor mir. Von nun an hielt ich die Welt in meinen Händen. Meine Hände standen nie mehr still.“ Am Schluss ist es wieder die Stimme von Band, die Helen Keller erklären lässt, wie ihr besonderer Spracherwerb ihr Leben veränderte.

Sandra Cervik ist es zu verdanken, dass in ihrer Regie die Emotionen der Beteiligten so glaubhaft über die Bühne kommen, dass so manche Augen im Publikum feucht werden. Es ist kein nach Effekt heischendes Tränendrüsendrücken, das hier provoziert wird. Es ist echte Anteilnahme, die sich am Glück der Hauptfigur auf der Bühne und ihrer Familie erfreuen kann. Das muss Cervik erst einmal jemand nachmachen.

Ein wunderbares Stück, das nicht nur Kindern ab 11 zu empfehlen ist, sondern auch Erwachsenen. Selbst wenn sie sich alleine oder in Begleitung von Freunden die Vorstellung ansehen. Prädikat: SEHR SEHENSWERT.

Weitere Termine auf der Homepage des Theater der Jugend.


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