Neun: Baumhaus

Neun: Baumhaus

Ich öffne die Augen, bin zurück im Hier und Jetzt, drei Straßen weiter als zuvor, ich muss unwillkürlich gelaufen sein, blinzele, ich bin in Oststadt, kein Herr Hagenmeier, keine Frau Hagenmeier, kein Sohn auf einem Baum, erst recht keine Bäume, ich kann mich gar nicht erinnern, Bäume, gab es die denn je, oder waren sie Bilder in Büchern, auf Werbetafeln, in Filmen, ich schüttele mich, blinzele wieder, kein Bert, kein Geschrei, denn der Bert und sein Geschrei sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden, ich kann nicht sagen, was mit ihm geschehen ist, aber er hat verdient, was er bekommen hat, ich schüttele mich, blinzele mit den Augen, denke an das Mädchen aus dem Osterladen, Seraphine, sie geht mir nicht aus dem Kopf, kein gutes Zeichen, denke ich, lass sie, denke ich, die hat Flügel und du nicht, ich schüttele mich und blinzele mit den Augen, finde mich in den Schatten der gebeugten Häuser von Oststadt wieder, Häuser die grauenvoll grau sind, die den Schmutz ihrer Bewohner ausatmen und in die Oststadt speien, die Oststadt, dieser Bezirk voller Abschaum und Nutten, Spieler und Killer, Hilfsarbeiter und Tunichtgute, Oststadt, reich an Seelenschmerz, an Pein, ich schüttele mich, blinzele, da entdecke ich auf der anderen Seite ein geöffnetes Tor, da wird gehobelt, da fallen Späne, also mache ich mich über die Straße, renne vor ein Fuhrwerk, der auf dem Bock, ein hundsgemeiner grobschlächtiger Schlachter mit blutiger Schürze schimpft alle Teufel und Dämonen herbei, du Hurensohn, schreit er, ich nicke nur kurz, beuge den Kopf, ich schüttele mich, blinzele mit den Augen, aber er bleibt, ach, wenn es doch nur so einfach wäre, wenn man sie mit einem Blinzeln aus der Welt bekäme, der Hagenmeier, der schneidet sie aus der Welt, der operiert sie aus der Welt, der sammelt ihre Schreie, während seine Frau im Takt des Todes tanzt, ich mache zwei große Schritte, beachte den auf dem Bock einfach nicht mehr, warum sollte ich auch, die gibt es hier wie Sand am Meer, Meer, Meer, Meer, habe es nie gesehen, das wird es gar nicht geben, das Meer, kein Meer und auch keine Bäume, ich schüttele mich und blinzele, schon bin ich auf der anderen Seite, lausche auf das Hämmern und Schlagen, auf das Hobeln, auf das Fallen der Späne, das kann man nicht hören, ich gehe hinein, drauf zu, ich schüttele mich und blinzele, schon stehe ich in der Werkstatt, da hämmern sie und schlagen, überall Holz, überall Holz, da muss es doch Bäume geben, denke ich, schon steht ein kleiner Mann mit Brille vor mir, kann ich Ihnen helfen, was machen Sie hier, frage ich ihn, zeige in die Werkstatt, auf einen jungen Burschen mit Lederschürze, der jetzt ein Brett zurecht sägt, was tun Sie hier, wir bauen Baumhäuser, erklärt der Alte mit der Brille mir, ich bin erstaunt, er sieht es mir an, ich schüttele mich und blinzele, Baumhäuser, frage ich, ja, gibt es denn überhaupt noch Bäume, er bewegt traurig seinen kleinen Kopf hin und her, keine Bäume, sagt er, das ist ein Material, das nur wie Holz aussieht, wir bauen Baumhäuser, die Leute sind ganz verrückt danach, sie stellen sie in ihren Wohnungen auf, eben weil es keine Bäume mehr gibt, sie sind ganz verrückt danach, setzt er noch einmal nach, ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr raus, Dinge gibt’s, die gibt es gar nicht, Baumhäuser für ihre Wohnungen, sie träumen von den alten Zeiten, sagt der alte Mann, kommen Sie, ich führe Sie umher, er packt mich am Ärmel, nicht, lassen Sie das, sage ich, ich schüttele mich und blinzele, was haben Sie denn, fragt der Alte mich, nichts, nichts, ich fühl mich nur wie in einem Traum, der Alte legt den Kopf zur Seite, lächelt sanft, das kenne ich, so geht es mir auch oft, wir gehen durch die Werkstatt, das hier ist ein Baumhaus im Stil der Indianer, erklärt er, gut zur Büffelbeobachtung, und das dort ist ein Baumhaus im Stil der Fleischer, es wird mit roter Farbe angemalt, denn die Fleischer, die mögen es blutig, das Model, das können Sie sich vielleicht denken, das Model läuft am Besten, es ist unser Verkaufsschlager, wir kommen gar nicht mit dem Produzieren nach, da können wir hämmern und schlagen und hobeln, wir kommen einfach nicht nach, Sie suchen nicht etwa Arbeit, fragt er mich plötzlich, ich zucke, dann schüttele ich mich, blinzele, doch, sage ich, Arbeit suche ich, der Alte strahlt, na, da haben wir aber Glück, wann könnten Sie denn anfangen, fragt er mich, na, sofort, sage ich, halte ihm meine Hand hin, er schlägt ein und das Geschäft ist besiegelt, ich werde also fortan ein Baumhauserbauer sein, einer der die Träume der Menschen erfüllt und sie ihnen auch noch verkauft, der Alte sagt, mein Name ist Göteborg, das dort ist mein Lehrling Gutenburg, ich sehe ihn überrascht an, er fängt an zu lachen, ja, ja, sagt er, Göteborg und Gutenburg, das kann man sich gut merken, nicht wahr, ich nicke nur, schüttele mich und blinzele, da schiebt er mich bereits raus vor die Tür, flüstert, kommen Sie morgen wieder, dann können Sie den Arbeitsvertrag unterzeichnen, und die Bezahlung, frage ich ihn, er hebt die Schultern, reich wird man nicht, aber es wird reichen, Sie werden sich nicht beschweren können, keine Angst, Sie werden satt werden, er schiebt mich weiter auf die Straße, er schüttelt sich und blinzelt, dreht sich um und verschwindet in seiner Werkstatt, ich bin noch ganz verwirrt, so schnell kann man zu Arbeit kommen, und dann noch eine solch exklusive Arbeit, eine Arbeit, wie man sie sich nur erträumen kann, ich kann es noch gar nicht glauben, ich bin ein Baumhauserbauer, ein Baumhauserbauer, ich kann es nicht glauben, ich schüttele mich und blinzele.



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