19. Januar 2011, Briefe aus dem Paradies, 10.35 Uhr

Die Armee lässt sich den Kontakt ihrer Kampftruppen mit dem Zuhause etwas kosten. Man hat Autoren engagiert, die, um sich auf rechte Art inspirieren zu lassen, direkt vor Ort campieren. Zwar nächtigen sie in Zelten, die sich in einem sicheren Bereich befinden sollen, da man hier aber nie weiß, welche Bereiche wirklich sicher sind und welche nicht, leben auch sie mit der zunehmenden Beklemmung, Opfer eines eventuellen Anschlags werden zu können.
Das ist für die Empfindungsgabe der Literaten nicht das Schlechteste.
Tagsüber tippen die Autoren Briefe an die zu Hause verbliebenen Ehefrauen, Freundinnen, Geschwister, Eltern, während in einem Nebenzelt die tatsächlich geschriebene Post der Soldaten mit Kopfschütteln inspiziert und dann vernichtet wird. Man kann den Unsinn, den viele der Soldaten von sich geben, nicht einfach so in die Welt entlassen. Denn was sollte die Welt dann denken?
Die Soldaten haben den Überblick verloren, die plaudern alles aus, auch ihr Heimweh, bei Gott, denkt der Kommandant dieser offiziell nicht existierenden Einheit, was für Weicheier, das kann nicht sein, das wird nicht sein. Also lässt er einen solchen Brief verschwinden und rasch einen neuen schreiben. Die besten Fälscher aus aller Welt pinseln mit der Handschrift des jeweiligen Soldaten, was zuvor von einem Autor ersonnen wurde.
Zu Hause liest man dann über das gute Essen, die tollen Leute, auch mal über eine gefährliche Situation, soll der verfasste Brief doch realistisch wirken. Aber nicht zu sehr, denn zu viel Realismus bringt die politische Literaturkritik auf die Palme. Meistens wird von den tollen Sonnenuntergängen berichtet, dann auch wieder einmal von den Ausfahrten ins Hinterland, die die Soldaten mit den Einheimischen zusammen bringen, die sich vor lauter Dankbarkeit über den Einsatz der Truppe kaum einkriegen können.
Ja, wenn es nach der Literaturabteilung dieser Armee geht, dann dürfte dieser Aufenthalt niemals enden, denn nichts ist so schön, wie als Soldat beständig Küssen und Lachen ausgesetzt zu sein.
Ein Hoch auf die Wahrheit, denkt der Kommandant und salutiert der untergehenden Sonne.



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