Kitzbühel – oder wenn alle das Hirn ausschalten

Credit: flickr/K_Gradinger

Die Meldung vom schweren Sturz Hans Gruggers beim Abfahrtstrainig in Kitzbühel löst wieder heftige Diskussionen aller Sportinteressierten aus. Nicht nur Laien geben ihre Meinungen in diversen Foren der Online-Medien kund, auch sogenannte Experten wissen scheinbar genau warum es dazu kommt, dass man wieder um das Leben eines Skifahrers bangen muss. Vorweg sei mal eines gesagt: Wir von SPORTBLOG.CC wünschen uns nichts sehnlicher, als dass es dem Hans bald wieder halbwegs gut geht.

Von “selber Schuld” über “es wird ja niemand gezwungen da runterzufahren” bis zu Schuldzuweisungen an die Streckenverantwortlichen reichen die Meinungen in den diversen Foren. Fast jeder hat irgendeinen Schuldigen für Dramen dieser Art parat. Doch ist es wirklich so, dass es “den Schuldigen” gibt, sei es nun der Fahrer selbst oder ein anderer Verantwortlicher?

Hier der Versuch einer kurzen Analyse, die belegen soll, dass in solchen Situationen nicht der Einzelne, sondern eigentlich ein großes Kollektiv die Verantwortung für derartige Ereignisse trägt:

Alles beginnt meist mit Marketing, so auch in Kitzbühel. Sprüche wie “die Streif hat wieder einmal einen abgeworfen” oder “Kitzbühel, die gefährlichste Rennstrecke der Welt” lassen die Herzen der Marketingleute  in Kitz seit vielen Jahren höher schlagen und die Kassen klingeln. Dieser Nimbus der “Gefährlichkeit” wird natürlich gepflegt, schliesslich muss man sich gegen Wengen oder andere Traditionsveranstaltungen behaupten. Dass es quasi zum Beweis dieser Behauptungen immer wieder Opfer unter den Fahrern gibt, wird gerne billigend in Kauf genommen. Außerdem trifft es ja meistens irgendwelche Exoten, die die Gefahren unterschätzen oder technische Fehler machen. Vor 2 Jahren hat es einen Schweizer (Daniel Albrecht) erwischt. Das war zwar kein Exote, aber zumindest ein Schweizer … den die Streif eben auch abgeworfen hat. Aber heute hat es einen von uns (das sind ja die besten?) erwischt, mal sehen wie man damit umgeht. Wird man jetzt auf neue Slogans setzen?

Marketing/PR-Strategen füttern die Presse mit Infos, Zahlen, Daten und Fakten, aber vor allem mit Stories, egal wie wichtig oder wahr sie sind. Liebend gerne werden von der Presse Formulierungen wie die oben stehenden übernommen – das bringt Aufmerksamkeit und diese wieder Leser und Zuseher. Was würde dem Journalisten einer Tageszeitung wohl dessen Cherfredakteur mitteilen, wenn dieser nicht von Kitzbühl berichten wollte, weil das Spektakel zu gefährlich sei? Nun, er könnte sich vermutlich einen neuen Job suchen.

Vorort gibt es einen Streckenverantwortlichen, der mit seiner Crew die Strecke so präpariert, dass die Sportler uns ein spannendes Rennen liefern können. Interessant ist, dass vor einer Passage mit 80% Gefälle und mehr als 100 kmh noch eine künstliche Kante errichtet wird, die die Läufer wie ein Katapult entprechend weit in den Steilhang befördern soll. Irgend jemand muss so etwas beauftragen und ein anderer muss den Auftrag erfüllen – es sei die Frage gestattet: Denkt da jemand drüber nach, was er da macht? Hat da niemand die leisesten Skrupel?

In weiterer Folge gibt es dann einige Dutzend Rennläufer, die sich in Kitzbühel in die Tiefe stürzen, Hirn ausgeschaltet (was hier ohne Zweifel von Vorteil ist) und runter - natürlich vordergründig freiwillig. Aber muss ein Rennläufer auch zwischen den Läufen sein Hirn ausschalten? Kann man eine Strecke nicht einmal tatsächlich als zu gefährlich befinden? Gott sei Dank streichen viele Exoten den Termin aus ihrem Rennkalender bzw. legen auf der Strecke den ein oder anderen Bremsschwung ein. Aber gerade in Kitzbühl ist von den Routiniers unter den Abfahrern kein “Nein” zur Strecke zu erwarten, denn sie wissen, gerade auf der Streif kann ihre Stunde schlagen. Routiniers sind hier meistens erfogreich, Newcomer haben kaum Chancen. Hier wird man also auch keinen Befürworter für eine Entschärfung des Spekatkels finden.

Zuletzt gibt es noch uns Zuseher. Ob nun vor Ort unter mehr oder weniger Alkoholeinfluss oder gemütlich zu Hause vor dem Fernseher. Was wollen wir? Ich glaube jeder der Fendrichs “Es lebe der Sport” kennt, weiß auch, was wir im Prinzip wollen: Action um jeden Preis. Das ist leider eine Tatsache. Wir haben auch jederzeit viele Argumente bereit, um uns ebenfalls aus der Verantwortung zu stehlen: Wir sind keine Marketingstrategen, die dem Event ein zweifelhaftes Image verpassen, wir berichten nicht über das Spektakel, wir bauen auch keine Hügel auf der Strecke und schon gar nicht zwingen wir einen Läufer sich dort in die Tiefe zu stürzen. Aber wenns schon wer tut, dann sehen wir uns das ja “nur” an. Wann wird jemand sagen: ich verweigere dieses “sportverachtende” Spektakel mit der Konsequenz, dass sich die Merketiers ihre Strategien an den Hut stecken können, die Medien nicht über etwas berichten werden was niemanden interessiert, die Streckenbauer vielleicht einmal über die Sinnhaftigkeit ihres Tuns nachdenken werden und zuletzt kein Sportler dazu animiert wird für Ruhm und Reichtum sein Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Zuletzt stelle ich die Eingangsfrage nochmals: Wer hat Schuld an Gruggers Unfall? Meine Antwort lautet: Jeder einzelne von uns, der sein Hirn ausschaltet und sich seinerseits auf einen hirnlosen anderen im System verlässt. Der Journalist berichtet ja nur über etwas, das er nicht gebaut hat (Strecke), der Fahrer fährt wo runter, wo die anderen ja auch runterfahren sind und der Zuseher sieht sich ja nur etwas an, was im TV ja ohnehin gezeigt wird. Also Hirn einschalten und TV ausschalten, dann wird man in Kitzbühl vielleicht auch wieder zur Vernunft kommen, was dem Hans Grugger allerdings wenig nützen wird.

Wir sind realistisch, unser aktueller Beitrag wird voraussichtlich ebenfalls zu keinem kollektiven Umdenken führen, da ein ähnlicher Artikel von vor etwa 2 Jahren ebenfalls nichts genützt hat. Aber versucht haben wir es zumindest wieder einmal …


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