In Ruhestellung

Zuunterst, obgleich Kerzen glimmen, Tannenbäume schimmern, die ganze Erde juchzt und feiert, zuunterst, brütet selbst zum Liebesfest die Wut. Weihnacht ist und alle Welt tut so, als denke sie an die Gosse, an diejenigen, die im Rinnstein verwesen, die aus dem Raster gefallen sind, die nun in der Jauchegrube bemüht sind, ihren Scheißegeruch zu tilgen. Weihnacht ist und der Gosse wird gedacht, all der armen Kretins wird gedacht, die sich waschen und waschen und immer wieder waschen, nur um diesen penetranten Geruch nach Stuhl und Harn auszuradieren. Waschen waschen, um am Ende nie aus dem gestankspendenden Abfluß der Gesellschaft zu enteilen, um endgültig darin eingezogen und wohnhaft geworden zu sein.

Zwischen Stank und Brodem, tief drunten, zuunterst, ist es Weihnacht. Und einmal im Jahr, nur ein einziges Mal im Jahr, wird nicht dorthin geschissen und geschifft, wo der gesellschaftliche Menschenabfall döst. Wenn Weihnacht ist, wird aus dem Penner, dem Erwerbslosen, dem Ausländer, dem prekären Arbeitsnomaden ein Mensch - ganz kurzfristig und nur kurzzeitig, ein Mensch mit Antlitz. Er mag in Schwaden aus Abgasen und Abfällen leben, eine Bruchbude sein Heim nennen, monatlich, wöchentlich die Gosse vor den Hütern und Vermittlern der Drangsalsanstalten kennenlernen und einatmen - doch zur Weihnacht darf er sich, soll er sich Mensch rufen. Ein Mensch, den man anlächelt, dem man hilft, dem man Fressen in den Napf spuckt, mit dem man in einem wirren, irrationalen Moment der Leutseligkeit womöglich sogar an einem Tisch speisen würde. Ein richtiger, ein wahrer, ein menschlicher Mensch!

Flüchtig des Miefs enthoben, von der Scheiße befreit, als Eiter, als Krebs, als Geschwür der Gesellschaft abgelöst, lichtet sich die Tristesse. Nein, wir sitzen gar nicht in der Gosse!, sinnieren die Stinkenden. Man akzeptiert uns doch! Neinnein, wir haben uns in denen getäuscht, die uns täglich die Köpfe vollscheißen und den breiigen Dung auch noch einmassieren! Es ist Weihnacht und die ganze Welt liebt die Armen, die Hungernden, die Resignierten. Vom schmierigen Gänsebraten blicken sie auf, zwischen Gebirgen von Geschenken linsen sie hindurch, dabei an jene denkend, denen es an jenem Abend schlechter ergeht. Oh, mein Reicher, was wärst du ohne mich? An wen könntest du denn im Anflug von Nächstenliebe denken, wenn ich arme Sau nicht wäre? Und dann ist das jährliche Spiel vorbei, ausgespielt, Weihnacht verfliegt, der Rausch gleich mit. Zurück bleibt der Kater, die Ernüchterung, bittere Erkenntnis und es kehrt heim der Urindampf, der Stuhlgeruch, das ganze unappetitliche Programm menschlicher Säftebildung.

Zuunterst brütet die Wut. Wenn sie romantisch und verträumt vom Fest der Liebe sprechen, ihre Humanität herauskehren, zum Weihnachtsfest Abendessen für die Einsamen spendieren, während die Einsamen dreihundertvierundsechzig Tage des Jahres weiter vereinsamen. Oh, wie brütet die Wut, wenn sie so tun, als wären sie auf ihren Nächsten bedacht, auch auf jenen Nächsten aus der Pissrinne, bloß um letzten Endes die magische Nächstenliebe jenes Abends zu vergessen. Vergessen, damit sie sich ihrer Peinlichkeit, ihrer Sentimentalität nicht schämen müssen. Wie faucht die Wut, wenn oberhalb des Abschaums Liebe psalmodiert wird, um am anderen Tage wieder pflichtgemäßer Ausbeuter, Unterdrücker, Aufwiegler, Schlächter zu sein! Wie sehr waltet doch die Wut, wenn sie Humanisten spielen, Mildtätige darbieten, Selbstlose karikieren. Wie elend erbricht sich die Wut, wenn sie Interesse heucheln, damit sie tags darauf darüber schwatzen können, was für feine Barmherzige sie doch sind, was für elende, einschläferungswürdige Stinker sie hofieren durften. Meterweit kotzt die Wut sich im hohen Bogen aus, wenn dann all diese Liebenden, Mitfühlenden, Verständnisvollen wieder an ihren Posten und Pöstchen strammstehen, die Gosse durch das Jahr hetzen, dem Erwerbslosen Engpässe und Bedrängnis schenken, dem Obdachlosen schiefe und entehrende Blicke, dem Niedriglöhner Spott und gute Ratschläge, wie er es zu etwas hätte bringen können. Meterweit kotzend, sich schier einscheißend vor Wut, wenn sie an die afrikanischen Kindlein denken, Blähbäuchlein mit Almosen tätscheln, von Minen gestiftete Bein- und Armstümpfe mit dem Balsam der Spendenquittung einreiben, nur um nach dem Weihnachtsurlaub die Waffenexporte zu expandieren, Diktatoren über die Köpfe afrikanischer Kindlein zu stellen, Blähbäuche zu verewigen, Kinderarbeit zum Sinnbringer zu erklären!

Im Dreck der Gesellschaft, in der Talsohle, zeichnet sich das Fest der Liebe durch blanke Wut aus. Die Pissrinne liebt keiner, man kann sie sich zur Weihnacht noch so sehr schönsaufen, sie bleibt immer feucht, glitschig, stinkend. Das Fest der Wut! Vor diesem institutionalisierten Schauspiel, jährlich gegen Ende des Dezembers veranstaltet und aufgeführt, kann man nicht aufrechten Standes harren. Man faßt sich an den Bauch, beugt sich vorneüber und es geschieht - speiübel erträgt man den jämmerlichen Rest des Abends, darauf wartend, ab dem morgigen Tage wieder ein Penner zu sein, ein Nichts, ein Niemand, ein Verlierer, der letzte Dreck, Freiwild, auf das die Hetzredner und Fanatiker ungestraft ballern dürfen. Zuunterst, durch die braune Brühe der darüberstehenden Schichten watend, wünscht man sich traditionellerweise ein frohes Fest. Blanker Unsinn, romantisches Brauchtum und Schwärmerei! Denn zuunterst weiß man, frohe Feste feiern andere, in der Gosse atmet man nur einen Abend durch, ist man einen Abend entlastet, geduldet sich flüchtig in Ruhestellung, um den Kampf morgen wieder aufzunehmen.

Dieser Text erschien bereits im Vorjahr zur Weihnachtszeit.



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