Ich Ausbeuter

Vor knapp zwei Jahren kam ein freundlicher Junge von ungefähr 16 Jahren in mein Büro und sagte, wir sollten ihm die Schulgebühren für die Berufsschule bezahlen. Ich fragte, wer ihn geschickt habe, und nach seiner Antwort „Br.Plasido von Uwemba” schmiss ich ihn hinaus. Schließlich wusste ich, dass es in Uwemba keinen Br.Plasido gab.
Diese Woche kam er wieder zu mir, diesmal in das Büro, das ich mir in Uwemba mit Br.Plasido teile. Zwei weitere Jahre Ausbildung hat Paul noch vor sich, dann soll er bei uns in der Installations-Werkstatt anfangen. Wir hatten deshalb beschlossen, dass es jetzt Zeit ist, dass er einen förmlichen Vertrag unterschreibt und sich für fünf Jahre verpflichtet. Als ich von „fünf Jahren” rede, zuckt es in seinem Gesicht, und ich überlege, ob das wohl schon Ausbeutung ist. Aber er zögert keine Sekunde mit der Unterschrift. Als er ein paar Tage später wiederkommt, um sich Schulgebühren und Taschengeld in bar abzuholen, macht er einen noch fröhlicheren Eindruck als sonst und zeigt stolz sein Zeugnis vom Ende des zweiten Berufsschuljahres, „Bester in der Installateurs-Klasse (sieben Auszubildende). Bemerkungen: Gut, könnte aber fleißiger sein”. Ich frage nach, wie das mit dem “fleißiger sein” zu verstehen ist. Er: “Das schreiben sie bei allen.” Er erzählt noch ein bisschen von sich: 21 Jahre alt, seit vielen Jahren Vollwaise. Die jüngeren vier Geschwister leben bei einem Onkel, er selbst wohnt im Elternhaus, wo er „von sich selbst abhängt”. Der Suaheli-Ausdruck lässt sich mit „selbständig sein” übersetzen, oder auch mit „sich selbst überlassen sein”. Immerhin wohnt ein anderer Onkel in der Nähe. Ich vermute, dass er sich einfach freut, für fünf Jahre nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, sondern auch einen Platz, an dem er erwünscht ist.
Die Sache mit Br.Plasido hatte sich damals schon am nächsten Tag durch einen Anruf aus Uwemba aufgeklärt; ich hatte nicht gewusst, dass er aus einem kenianischen Kloster recht plötzlich nach Uwemba gekommen war (ja, ja, die leidigen Stammeskonflikte). Seitdem haben wir schon öfter über das damalige Missverständnis gelacht.



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