Hungerstreik der Neun

11.09.2014Politik & Gesellschaft 

Neun im Iran inhaftierte Derwische sind in einen Hungerstreik getreten und haben ein Vermächtnis verfasst.

Hungerstreik der Neun

Die Derwische gehören der Nematollah Gonabadi Gemeinschaft an, einem traditionsreichen Orden, der auf den Musiker, Mystiker und Gelehrten Schah Nematollah Vali (1330-1431) zurückgeht.

Die in den berüchtigten Gefängnissen Evin, Teheran und Nezam, Schiraz inhaftierten Männer haben ihren Hungerstreik begonnen, um gegen die illegalen Handlungen der Gefängnisverantwortlichen zu protestieren.

Generell ist zu beobachten, dass Teile des Regimes im Iran religiöse Minderheiten zunehmend brutal verfolgen und mit diversen Restriktionen belegen. Ziel der Verfolgungen ist die Einbindung des bei der Bevölkerung beliebten Ordens in die Ideologie des Regimes, um potentielle Alternativen einer spirituellen, friedlichen, partnerschaftlichen, kulturell hochstehenden und kreativen Variante des Islams auszuschalten. Diesem Unterfangen versuchen sich die Verantwortlichen des Ordens und seine Mitglieder regelmäßig zu entziehen und nehmen statt dessen die Verfolgungen und Beeinträchtigungen durch die Handlanger des Regimes in Kauf.

Unter der Regierung Ahmadinedschads gab es regelmäßig gewaltsame Exzesse gegen die Derwische. In der Zeit seit Rohani haben keine weiteren Zerstörungen von Versammlungshäusern statt gefunden, doch werden immer noch Einzelpersonen und ihre Familien unter starken Druck gesetzt, schickaniert und als Bürger ohne Rechte behandelt. Desweiteren verhindert der Justizapparat unter Sadegh Larijani und Mohsen Edscheie die Aufhebung der illegalen Anschuldigungen und Verurteilungen gegen Anwälte, Journalisten und Fotografen der Derwische.

Der Hungerstreik der neun Männer begann am 9. September 2014, nachdem die Gefängnisleitung weitere Restriktionen gegen die inhaftierten Derwische angewiesen haben. Nach einem gemeinsamen Protest mit anderen Gewissensgefangenen der Sektion 350 im Teheraner Evin Gefängnis gegen die Haftbedingungen und gegen die Besuchsverbote, wurden die Häftlinge von den Wärtern brutal geschlagen und in Zellen des allgemeinen Trakts mit Mördern und Drogendealern verlegt. Dieser Akt an sich ist zunächst illegal, zugleich auch lebensgefährlich für die Gewissensgefangenen. Im Iran kommt es immer wieder vor, dass Mörder aus der Haft entlassen worden sind, weil das Regime ihnen Freiheit versprach gegen die Beseitigung eines für das Regime unbequemen Mithäftlings.

Die Hungerstreikenden haben ihr Testament geschrieben und begründen ihren Hungerstreik mit folgendem Statement:

"Brüder im Geiste, freie Männer und Frauen! Wir, die inhaftierten Derwische, werden unseren Hungerstreik so lange fortsetzen bis wir Sicherheitsgarantien für die Derwische von offiziellen Stellen erhalten, bis hochrangige Offizielle für ihre Rechtsbrüche an den Derwischen zur Verantwortung gezogen werden und bis die Feindseligkeiten und Hetzereien der Ignoranten in Talaren, die sich mit religiösen Namen schmücken, gegenüber den Praktizierenden des Sufitums aufhören, denn dieses Mal sind wir bereit unser Leben zu lassen und haben unser Testament gemacht."

Weiterhin erklären die Derwische ihre Handlung mit folgenden Hintergründen: "Brüder und Schwestern im Geiste! Wir inhaftierten Derwische sind wenige Mitglieder einer alten und noblen Sufi Familie. Wir haben uns stets für Frieden und Partnerschaft, für körperliche, geistige und seelische Gesundheit der Individuuen und der Gemeinschaft eingesetzt.

Nun sehen wir uns mit einer Reihe ungesetzlicher und zermürbenden Massnahmen gegen unsere Mithäftlinge und uns durch die Gefängnisleitung und den Justizapparat konfrontiert, die wir nicht länger hinnehmen. 

Geschätzte Brüder und Schwestern, ihr habt uns bisher stets darin unterstützt den Rechtsweg einzufordern und den Druck auf die Häftlinge zu reduzieren. Ihr habt euch unserem ersten Hungerstreik angeschlossen, um uns eure Unterstützung zu signalisieren. Ihr habt euch vor dem Gericht und vor den Haftanstalten versammelt und darauf gedrängt, dass die Rechte der Gefangenen wieder hergestellt und eingehalten werden. Ebenso seid ihr nicht müde geworden mit den Verantwortlichen zu sprechen und Briefe zu schreiben und habt dabei erlebt wie sie sich alle aus der Affäre gezogen haben und ihre Hände in Unschuld gewaschen haben und untätig geblieben sind und auch keiner zur Rechenschaft gezogen wurde.

Heute denken wir an Euch, denn was Euch außerhalb der Gefängnismauern angetan wird, ist viel härter und schlimmer als was uns auferlegt wird.

So streben wir mit dem Hungerstreik nicht an, ins Krankenhaus gebracht zu werden, um unsere Krankheiten und Verletzungen zu behandeln oder um im gleichen Trakt zu sein oder wieder in Trakt 350 verlegt zu werden oder die Verpflichtung Gefängniskleidung zu tragen erlassen zu bekommen oder aus Einzelzellen in die allgemeinen Zellen verbracht zu werden oder faire Verfahren und Anhörungen zugestanden zu bekommen oder grundlegende durch das Gesetz geregelte Rechte für Gefangene zu erhalten oder aus der Haft entlassen zu werden - sondern wir verlangen ein Ende der Behauptungen, Verleumdungen und Anklagen Derwische seien ein Gefahr für die nationale Sicherheit und wir fordern die Rehabilitation des guten Leumunds der Derwische! 

Wir fordern die Aufhebung jeglicher Verbote und Einschränkungen, die gegenüber den ehrwürdigen und hochangesehenen Älteren und Ordensleitern eingesetzt wurden. Wir verlangen die Aufhebung der Nachrichtensperre betreffs der Gonabadi Derwische. Wir fordern ein Ende und ein Verbot der Brandstiftungen an Versammlungshäusern der Derwische. Wir verlangen von den Behörden die Berufsverbote aufzuheben und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, die der Bevölkerung Mut ihr Leben zu ergreifen macht und nicht sie im Namen von Religion zu Gefangenen zu machen. Wir wollen eine Gesellschaft, die Frieden und persönliche Verantwortung ermöglicht und nicht von Männern in religiösen Gewändern vereinnahmt wird, die der Bevölkerung die innere Ruhe und den Frieden rauben."

Die neun Unterschreiber dieser Aufrufs beenden ihr offizielles Statement mit diesen Abschiedsworten: "Brüder im Geiste des Nematollah Gonabadi Ordens, freie Männer und Frauen weltweit! Feinde der Religion und des Rechts, die sich hinter einer religiösen Maske und dem Anschein von Recht verstecken, gefährden alles Lebendige und alles Seelenverwandte und massakrieren uns. Wir werden nicht auf Grund des Hungerstreiks sterben, wir werden getötet. Doch wir sind überzeugt, dass wir aus Sicht eines wahrhaftigen und reinen Islams, der unser inneres Seelenleben belebt und uns ewigen Atem einhaucht im Sinne der Geschichte für immer lebendig bleiben werden. Unser Vermächtnis richtet sich an alle freien Männer und Frauen in der Welt, insbesondere an die Gonabadi Derwische: bringt alle Rechtsbrecher und Verantwortlichen für die Grausamkeiten, Folter und Qualen vor Gericht. Lebt wohl!"

Unterschrieben von: Hamid-Reza Moradi Sarvestani, Afshin Karampour, Farshid Yadollahi, Reza Entesari, Amir Eslami, Omid Behroozi, Mostafa Daneshjou, Mostafa Abdi, and Kasra Nouri.

weitere Infos auf Englisch: http://www.insideofiran.org/en/component/content/article/98-religious-freedom/9842-hundreds-of-dervishes-sign-up-for-support-campaign.html


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