Gespräche mit meiner Mutter

 

Gespräche mit meiner Mutter

CONVERSATIONS AVEC MA MERE - TNS (c) Brigitee Enguérand

Mit dem Stück „Conversations avec ma mère“ zu Deutsch: „Gespräche mit meiner Mutter“ nach einem Film des Argentiniers Santiago Carlos Ovés erfüllte das TNS, das Nationaltheater von Straßburg, voll und ganz einen seiner Aufträge, der da lautet: Theaterunterhaltung auf hohem Niveau anzubieten.

Dabei ist das Stück von seiner Inszenierung her nicht wirklich als aufwendig zu bezeichnen. Als Bühnenbild reicht über weite Strecken ein Tisch und ein Stuhl. Die Anzahl der Schauspieler beschränkt sich auf zwei und Szenenwechsel gibt es insgesamt nur vier, wobei nur bei einem einzigen ein erweitertes Bühnenbild zum Einsatz kommt. Und dennoch ist dieses Kammerspiel, das als Tragikkomödie angelegt ist,  reich. Es ist reich und voll von Esprit, Witz aber auch Tiefgang.

Ort der Handlung: Irgendwo in einer Stadt in Argentinien im Jahr 2001. Wirtschaftlich gesehen steckt das Land in einer tiefen Krise, die seine Bewohner dazu veranlasst, den Gürtel enger zu schnallen und zu sparen, was das Zeug hält. Jaime, der 55jährige Hauptdarsteller, besitzt neben dem Haus, in dem er mit seiner Familie wohnt, auch eine Wohnung. In dieser lebt seine 82jährige Mutter. Zwar telefoniert er mit ihr fast täglich, spricht dabei jedoch nur über Belanglosigkeiten. Erst, als er ihr mitteilen muss, dass er gezwungen sein wird, die Wohnung zu verkaufen, besucht er sie einmal persönlich. Die Dialoge, die sich während dieses Treffens eröffnen, machen den Inhalt des Stückes aus. Mehrfach nimmt der Text darin völlig unvorhergesehene Wendungen und eröffnet Perspektiven, an die man nie gedacht hätte. Und dies zum Großteil aufgrund der pfiffigen Gewitztheit Jaimes Mutter, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt.

Bei der Besetzung dieser Rolle wurde ganze Arbeit geleistet. Isabelle Sadoyan, die in Frankreich vor allem durch eine große Anzahl von Filmen bekannt geworden ist, spielt eine starke alte Dame, die, abgeklärt vom Leben, dieses doch bis in die letzten Züge auskostet und sich keinen Deut um Konventionen schert. Schon gar nicht um die ihres Sohnes. Scharfsinnig erkennt sie sein Liebesdilemma und drängt ihn solange rhetorisch ins Eck, bis er ihr widerwilligst gestehen muss, mit seiner Frau keinen sexuellen Kontakt mehr zu haben. Didier Bezace als Jaime dreht und windet sich in dieser Situation, wie er nur kann, um nur nicht mit seiner betagten Mutter über dieses Thema sprechen zu müssen. Dabei lässt er im Publikum jene diffusen Gefühle hochkommen, welche die meisten beschleichen, wenn sie auch nur ansatzweise daran denken, dass sie mit alten Menschen über Sex sprechen müssten. Maman hingegen zeigt ihm auf ganz pragmatische Art und Weise wie das geht. Offen und ohne Scheu fragt sie ihren Sohn nach seinem Sexualleben und meint, wenn er etwas über das ihre wissen möchte, dann müsse er nur fragen. Ausweichend antwortet sie erst, als er wissen möchte, ob sie jenen Mann liebe, den sie vor knapp zwei Jahren kennen lernte. Was für ihren Sohn Körperlichkeit ist, deren er sich schämt, ist für sie selbst die Verletzbarkeit ihrer Seele.

Sadoyan brilliert vor allem in jenen Szenen, in welchen sie sich immer und immer wieder auf eine vermeintliche Vergesslichkeit zurückzieht, wenn es darum geht, Näheres über die Umstände zu berichten, wie sie diesen, von ihr bezeichneten „schönen jungen Mann, der 68 Jahre alt ist“ kennen lernte und welchen Beruf er hat. Es benötigt mehrere Anläufe und extremes Insistieren ihre Sohnes, bis er endlich erfährt, dass der Liebhaber seiner Mutter nichts anderes ist als ein Penner. Obwohl er über diesen Umstand alles andere als erfreut ist, wird er sich doch bewusst, dass er im Grunde nicht unschuldig an dieser kuriosen Verbindung ist. Schließlich hat seine Mutter über Jahre täglich zwei Portionen zum Essen zubereitet, immer in der Hoffnung, ihr Sohn könnte eines Mittags zu ihr kommen, was aber nie geschah. Der Entschluss, die übrige Portion in einem Essensgeschirr im Park unter einen Baum zu stellen, „damit wenigstens die Katzen sich daran erfreuen können“ führte schließlich zu jener Verbindung, die nun für sie nicht mehr wegzudenken ist.

Trotz aller vermeintlich peinlichen Affekte  sind es aber gerade jene intimen, gegenseitigen Geständnisse zwischen Mutter und Sohn, welche die beiden ganz nah aneinander rücken lassen. Aber auch die Erinnerungen an ihr eigenes Familienleben, als Jaime noch ein Kind war, bewirken dieses erneute Verständnis füreinander, das in dieser Art nur zwischen Eltern und ihren Kindern besteht. Erst bei diesem Gespräch eröffnet die Mutter Jaime, dass sein Vater sie betrogen hat und nicht der liebevolle Ehemann war, für den dieser ihn gehalten hat. Erst bei diesem Gespräch wird ihm klar, dass seine Mutter über Jahrzehnte hinweg eine einsame Frau war, die ihre wahren Gefühle und Sehnsüchte nicht zeigte, vor allem, um niemandem damit zur Last zu fallen. Doch so starrsinnig die alte Dame erschien, in der festen Weigerung ihre Wohnung zu verlassen, im doppelten Boden des Spieles wird klar, dass sie längst erkannt hat, dass sie ihrem Sohn mit der Übergabe des Appartements helfen kann. Wenn auch in einer gänzlich anderen Art und Weise als dieser es sich ausgedacht hat. Das Publikum scheint in der nächsten Szene Hochzeitsvorbereitungen zu erleben, bis auf einmal klar wird, dass Jaimes Mutter Vorkehrungen für ihr eigenes Ableben trifft.

Dem Motto, niemandem zur Last zu fallen, bleibt sie schließlich treu und entscheidet sich in letzter Konsequenz, völlig unpathetisch, aus dem Leben zu scheiden und ihrem Sohn Platz zu machen, der die Wohnung nun dringender benötigt als sie selbst. „Sind meine roten Ohrringe nicht doch zu jugendlich?“ frägt sie Jaime, in ihren letzen Überlegungen nun doch die Meinung der Gesellschaft reflektierend. Bittersüßer und tragikkomischer wurde in den letzten Jahren selten der Generationenkonflikt so zugespitzt auf den Punkt gebracht. Als die Emotionen ihren Sohn völlig überschwemmen, schickt sie ihn hinaus auf die Straße.

Im selben Moment öffnet sich die Bühnenrückwand und gibt den Blick auf einen kleinen Jungen im Regen frei, der mit Gummistiefeln und Regenmantel fröhlich in den Lachen plantscht. Diese Metapher knüpft an eine kleine Erzählung an, in der die Mutter ihrem Sohn im Laufe des Gespräches an eine Begebenheit aus seiner Kindheit erinnerte. Damals hatte er große Angst bei Regen ins Freie zu gehen und nass zu werden. Erst als sie ihn komplett mit Regenbekleidung ausgestattet hatte und liebevoll vor die Türe schubste, entdeckte er, wie schön es war, im Nassen zu hüpfen und zu springen und sich frei zu fühlen, wie sich ein spielendes Kind nur frei fühlen kann. Mit dem Tod seiner Mutter und dem Einzug in ihre Wohnung gelang es ihm im übertragenen Sinne, die Freiheit seiner Kindheit wieder zu erlangen. Die Konventionen, die ihm die Gesellschaft vorschreibt zu sprengen, und aus seiner unglücklichen Ehe auszubrechen. Wenngleich er – im allerletzten Aufzug nicht alleine am Küchentisch sitzt, an dem seine Mutter zuvor gesessen war.

Mit einem Schraubenzieher ausgestattet, kümmert sich Mutters 68jähriger Liebhaber um einen schadhaften Lichtschalter.   Und in diesem Augenblick vermeint man die Stimme der alten Dame zu hören, die ihrem Sohn sagte: „Wenn Du einmal in dieser Wohnung lebst, brauchst du einen Mann! Was glaubst du, was hier immer alles zu reparieren ist!“

Ovés erinnert mit seiner sprachlichen Virtuosität an die großen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, wie zum Beispiel Guy de Maupassant, dem es auch permanent gelang, das dramatische Geschehen in völlig unerwartete Bahnen zu lenken. Gerade dieser Umstand, aber vor allem auch das ständige Wechselbad der Gefühle zwischen leichter, spaßiger Unterhaltung  und  tiefsinnigem Ernst ist es, was dieses Stück so überaus sehenswert und nicht zuletzt liebenswert macht. Nächstenliebe, direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben, ist das große übergreifende Thema in den „Gesprächen mit meiner Mutter“. Egal ob es sich um familiäre Beziehungen handelt oder ob Nächstenliebe, die wie selbstverständlich auf jeden Menschen ausgedehnt werden muss, der sie benötigt. Dass die vermeintliche Plakativität der Geschichte im Laufe deren  Voranschreitens viel tieferen Bedeutungsebenen Platz macht, zeigt ganz klar die Größe von Stückes. Die für das Theater adaptierte Fassung von Jordi Galceran macht große Lust, mehr von Santiago Carlos Ovés zu sehen.

 


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