Gelesen > Noch einmal: „Blue Ant“

Vor drei Wochen habe ich die „Blue Ant“ Trilogie von William Gibson vorgestellt. Allerdings musste ich mir bis auf eine kurze Inhaltsangabe und ein „Gefällt mir! Kaufen!“ tiefer gehende Kommentare verkneifen. Das hat Gibson nicht verdient. Deswegen schreibe ich heute, warum genau mich die Romane so beeindruckten.

„Five hours’ New York jet lag and Cayce Pollard wakes in Camden Town to the dire and ever-circling wolves of disrupted circadian rhythm.“ So beginnt es.

Als Cayce Pollard in London, in einer fremden Wohnung, seelenlos (die reist ihr über den Atlantik nach), in der „Spiegelwelt“ aufwacht, schickt Gibson sie in eine fremde Welt, in der ihr einziger Halt die vertrauten Muster der virtuellen Welt, dem Internet, sind. Cayce ist eine Fremde, und der Leser folgt ihr durch die fremde Welt, die Spiegelwelt, die eigentlich zuerst nur Europa umfasst, aber zusehends eine Metapher wird für ihre Reise. „Durch den Spiegel“, wie Alice’s zweites Abenteuer.

Und wie Cayce sich an vertrauten Mustern entlang hangelt, so ist man als Leser angehalten, das Unvertraute, das Fremde zu erleben. Das ergibt vollkommen Sinn, wenn man bedenkt, dass die Umrisse von Dingen andere Dinge formen.

Das erste Element der Fremdheit dürfte für die meisten Leserinnen und Leser eine Welt sein, in der Geld buchstäblich keine Rolle mehr spielt. Was die Protagonistinnen von Blue Ant brauchen, ist einen Telefonanruf entfernt. Bei mir hat dieser Reichtum eher Unwillen ausgelöst. Allerdings ist er ein wesentliches Element für die Motivation von Hubertus Bigend. Er macht sich keine Gedanken mehr über die Profite seiner Unternehmungen, er kann es sich leisten, mit seinem Geld zu spielen. Er spielt, indem er faszinierenden Ideen nachgeht und dafür Leute anstellt, die seiner Meinung nach „den Job hinbekommen“. Bigend ist nicht der sinistre Bösewicht, der Menschen manipuliert, um Ruhm, Macht oder andere „klassische“ Belohnungen zu bekommen. Er ist ein großes Kind, das zum Spaß Menschen rund um den Globus schickt, um zu sehen, was dabei heraus kommt. Allerdings hat er, wie Kinder, wenig Skrupel.

Ein anderer Aspekt der „Spiegelwelt“ ist das Unsichtbare. Es ist die Welt des Verborgenen, der Geheimdienste: „Spook Country“. Hinter den Fassaden der globalisierten Warenwelt liefern sich die Überlebenden des Kalten Krieges Spiegelgefechte, deren Sinn man, wenn man Glück hat, nachvollziehen kann. Aber die nächste Generation der Spooks wächst heran und deren geheime Manöver sind schwer mit den klassischen Schemata der Spionage-Thriller zu vereinbaren und reichen eher in den Bereich der Kunst.

Letztendlich hetzen die Protagonisten durch eine entkulturierte, beliebige Umgebung, in der die einzelnen Länder, die sie besuchen wie Bühnenbilder wirken, vor deren austauschbaren Hintergründen gelangweilte, saturierte, reiche Menschen ihre Geschäfte betreiben. Nationen spielen vor allem durch ihre Produkte eine Rolle (die meisten Haushaltsgeräte sind deutsch) oder in den Absätzen, in denen die „alte Welt“ als scharfer Kontrast zur neuen Globalkultur beschworen wird. Meist von den wenig vermögenden Figuren. Die De-Kulturierung nimmt von Band zu Band zu, bis wirklich „Zero History“ erreicht wird, die geschichts- und gesichtlose Welt von morgen. Und diese Zukunft gehört Hubertus Bigend. Es gruselt einen.

Was Gibson als Endpunkt der Zivilisation in der Neuromancer-Trilogie gezeichnet hatte, könnte in unserer Welt und unserer Zeit beginnen, wenn sie so wäre wie in Cayce Pollards Spiegelwelt. Das Ende der Geschichte, diesmal endgültig. Das Ende der nationalen Regierungen zu Gunsten der Herrschaft von Witschaftsunternehmen. Das verschwinden der Mittelschicht und die Aufteilung der Gesellschaft in die armen Massen und eine superreiche Elite mir privilegiertem Zugang zu Technologie.

Aber zum Glück ist das alles nur Erfindung.

Oder?


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