“Fundgrube”

Es ist bei mir vermutlich wie bei jedem, der gerne und relativ regelmäßig schreibt: Man hat eine tolle Idee, bringt diese zu Papier und lässt sie dann irgendwann in der Schublade bzw. den Untiefen seiner Festplatte verschwinden, weil man nicht so richtig weiß, was man damit anfangen soll. Nicht, weil der Text einem nicht gefällt, aber manchmal hat man einfach Texte, die in keinen Kontext passen – sie sind zu kurz und es fällt einem nichts mehr ein, weil sie einfach fertig sind, sie stehen in einem bestimmten Kontext oder wollen zu nichts anderem passen, was man bisher geschrieben hat und und und… Gründe gibt es tausende, manchmal ist es auch einfach nur der subjektive Eindruck.
Ein paar solcher Texte habe ich also auch und ich habe mich entschieden, diese Stück für Stück zu sichten und sie hier zu veröffentlichen. Aus einigen könnte man bestimmt eine Textreihe machen – und warum sollt ihr nicht davon profitieren. Hier finde ich die Texte auf jeden Fall besser aufgehoben, als ungelesen auf meinem Computer…
Zugleich ist es für mich auch sehr spannend, wenn ich meine alten Texte sichte und zum Teil überarbeite, da einige von ihnen 10 Jahre und mehr alt sind und sich neben meinem Schreibstil natürlich auch meine Sicht auf die Dinge sehr verändert hat (und mittlerweile benutze ich auch die neue Rechtschreibung Zwinkerndes Smiley).
Den Text, den ich euch jetzt vorstelle, habe ich letzte Woche Samstag rausgesucht. Und ich hätte nicht gedacht, dass er ein paar Tage später mit den Vorfällen in Boston gleich wieder aktuell sein könnte…

 

Am zwanzigsten Tag im März
(Großstadtkaleidoskop 20.03.2003)

- Steh auf!

Was war das? Habe ich etwa geträumt?

- Steh auf!

Nein, kein Traum.

- Steh auf!

- Warum?

- Frag nicht; komm mit!

- Wohin?

- Du sollst mitkommen. Zu fragen hast du hier nichts, das wüßte ich.

- Wer bist du?

- Das geht dich nichts an. Außerdem: Hast du etwa schon vergessen, was ich eben gesagt habe?

- Nein.

- Gut. Also keine Fragen. Tu‘ was ich dir sage.

- Gut. Ich stehe auf und ziehe mich an.

- Bist du endlich fertig?

- Ja.

- Dann komm.

Wir gehen einen langen Gang entlang, passieren mehrere Türen. Aber wissen, wo ich bin, das tue ich nicht. Nichts kommt mir bekannt vor, aber habe ich nicht eben noch geschlafen?

- Trödel nicht!

Ich beschleunige meinen Schritt. Wie lange gehe ich hier wohl schon? Ich weiß es nicht. Ist ja alles dunkel und sieht gleich aus.

- Wir sind da.

Wir stehen vor einem großen Portal.

- Hier lasse ich dich alleine. Geh jetzt durch die Tür.

- Aber- doch mein Einwand wird unterbrochen.

Die Tür öffnet sich und ich werde hinein gestoßen.

- Der Raum den ich betrete ist hell erleuchtet. Ich muß für einige Sekunden die Augen zusammen kneifen, erst dann kann ich mich umblicken. Es ist kein Raum, sondern ein Saal. Meter über mir wölbt sich die Decke, die so weit entfernt ist, dass es mir beim Hochsehen schwindelt. Laut fällt die Tür, nein, das Tor hinter mir ins Schloß. Der Saal erstreckt sich zu allen Seiten hunderte von Metern weit. Es befindet sich fast nichts in ihm. Die einzige Ausnahme ist ein Pult, das sich genau mir gegenüber befindet und hinter dem eine Person thront.

- Tritt näher!

- Zögern. Dann reagiere ich. Das Fragen habe ich mir schon auf dem Weg hierher abgewöhnt.

- Gut. Ich weiß was du denkst. Ich werde dir schon sagen, wann du zu reden hast.

- Ein stummes Nicken der Zustimmung von mir.

- Du weißt, warum du hier bist.

- Nein…

- Welche Ignoranz! Noch einer der glaubt, nicht nachdenken zu müssen! Meinst du ich mache das hier aus Spaß; ich habe nichts besseres zu tun?

Die Stimme füllt den ganzen Raum aus, hallt bis ins Unendliche.

- Hier. Schau dir das an. Was siehst du?

- Einen Menschen.

- Kennst du ihn?

- Nein.

- Und wieder hast du gelogen! Ich habe Beweise. Vor einiger Zeit bist DU ihm begegnet; auf der Straße.

Zorn erfüllt den Saal. Unwillkürlich ducke ich meinen Kopf.

- Gut. Vielleicht bin ich ihm schon begegnet, räume ich ein.

- Das will ich hören. Also leugnest du nicht mehr, diese Person zu kennen?

- Nein.

- Dann weißt du ja auch, welcher Vorwurf gegen dich erhoben wird?

- Vorwurf? Was für ein Vorwurf?

- Ich will Antworten!, keine Fragen!

- Aber…

- Gut. Ich nehme zur Kenntnis, dass du dir keiner Schuld bewusst bist, obwohl du es hättest verhindern können.

- Was verhindern?

- Schon wieder eine Frage! Das Verbrechen natürlich – das Verbrechen das er begangen hat. Du bist ihm damals begegnet und hast es nicht verhindert.

- Aber ich wußte ja nichts davon….

- Das höre ich andauernd… Ich hatte ja keine Ahnung… Was hätte ich tun sollen… Also plädierst du auch für Freispruch – das überrascht mich nicht, obwohl ich dachte, du wärst anders…

- Freispruch…? Ist das hier ein Gericht?

- So in der Art. Bleibt es für dich beim Freispruch oder willst du deine Schuld doch noch bekennen?

Ich überlege kurz, aber dann raffe ich mich auf.

- Ich bin unschuldig!

- Also Freispruch?

- Ja.

- Abgelehnt!!!

- Aber das ist nicht fair! Warum werde ich nicht unterbrochen, wo es hier doch so üblich scheint?

- Hier geht es nicht um die Frage, ob etwas fair oder gerecht ist. Fakt ist: Du hast dich Schuldig gemacht und musst bestraft werden.

- Ich dachte, Gerichte seinen dazu da, um über die Dinge gerecht zu richten und nicht, um willkürlich zu bestrafen.

- Wie ich bereits sagte: Dies ist nur eine Art Gericht. Wenn ein Beschuldigter nämlich vor mich tritt, dann richte ich. Und Schuld muss bestraft werden; alle die von mir gerichtet werden sind schuldig.


Ich kann nicht glauben, was ich da höre.

- Aber ich bin unschuldig! Ich habe doch gar nichts gemacht und weiß nicht einmal, worum es geht. Wo ist denn die Person, die das Verbrechen begangen hat?

- Ich weiß es nicht.

- Wieso weißt du es nicht? Solltest du nicht über ihn richten anstatt über mich? Sollte er nicht an meiner Stelle bestraft werden?

- Vermutlich. Aber ich kann ihn nur richten, wenn er als Beschuldigter hier vor mir steht, aber das tut er nun mal nicht. Pause. Aber du bist hier… und mit deiner Verurteilung wird die Schuld gesühnt.

- Das kann doch nicht wahr sein, das ist doch verrückt! Was für eine Welt ist das, in der es solche Gerichte gibt?

- Die Welt, in der du lebst und in die du zurückkehren wirst. Das ist mein Urteil und deine Strafe.

- Zurückkehren? Höre ich richtig? Das heißt ja, ich bin doch frei gesprochen! Dank dir, herzlichen Dank!

- Hast du denn immer noch nicht verstanden? Bist du wirklich so blind, nicht zu verstehen, warum du hier bist? Siehst du denn nicht, wie deine Welt funktioniert? War meine Mühe doch umsonst? Denk über das was hier passiert ist nach. Ist dir denn immer noch nicht alles klar?

- Soll das etwa heißen…?

- Ja. Über Schuld und Strafe richtet schon lange nicht mehr die Gerechtigkeit, so wie du es geglaubt hast. Aber ich sehe – du bist endlich aufgewacht. Also, verschließe nicht deine Augen, sondern sieh es ein:

Du wachst auf und es ist Krieg.



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