Die Trauer der Menschenfresser

Ein großes Mädchen in weißem Kleidchen mit einem Spitzenschleier auf dem Kopf, das wutentbrannt über die Bühne läuft und in einer Endlosschleife die Geschichte des Königs erzählt, der seine Verwandtschaft inklusive Kinder fraß, um nicht vom Thron gestürzt zu werden. Dazu eine Geräuschkulisse von basslastigem Elektrosound – fast so, als würde man im Bauch eines  Riesentankers sitzen. So begrüßt der Regisseur Fabrice Murgia das Publikum, noch während es seine Plätze aufsucht. „Le chagrin des ogres“ zu Deutsch „Die Trauer der Menschenfresser“ ist ein Stück, das Murgia anlässlich des „festival premières“  im Le-Maillon in Straßburg aufführte. Eine brandaktuelle Geschichte rund um die Verzweiflung junger Menschen, die sich in ihrer Welt nicht mehr zurechtfinden. Ausgangspunkt dafür war das Blog von Bastian Bosse, alias Resistant X. Er war jener junge Amokläufer, der 2006 in seiner ehemaligen Schule in Emsdetten ein Blutbad anrichtete und sich anschließend selbst tötete. Murgia verschränkt dieses Drama mit jenem von Letizia, einem adoleszierenden Mädchen, das ebenfalls nur im Tod einen Ausweg sah, ohne jedoch – im Unterschied zu Bastian, anderen Schaden zuzufügen. Ihre Verzweiflung trug sie nur mit sich selbst aus, wie so viele in ihrem Alter – und endete nach ihrem Selbstmordversuch im Koma. Anhand des öffentlichen Massakers und des unspektakulären Selbstmordversuchs, der sich tagtäglich tausendfach auf unserer Welt ereignet, umreißt Murgis das Drama des Erwachsenwerdens. Ein Drama, das sich neben und unter uns abspielt, ein Drama, dem wir doch meist keinerlei Bedeutung beimessen.

Die Trauer der Menschenfresser

Le chagrin des orges (c) Cici Olsson


Das Bühnenbild, das durch eine glatte, graue Wand abgeschlossen wird, in die zwei große Glasfenster eingelassen sind, spiegelt die Kälte der Welt wieder, in der sich die Jugendlichen befinden. Abwechselnd erhellt sich der Raum hinter den Fenstern und sowohl Bastian hinter seinem Computer als auch Letizia in Gestalt ihrer Mutter, geben Einblick in ihre Seelenzustände. Hass, Angst und ein Leben scheinbar ohne Zukunftsperspektiven bestimmen die Gedanken der beiden. Als Vermittlerin zum Publikum hin agiert jenes Mädchen, das gleich zu Beginn auf der Bühne das Endlosgedicht vom menschenfressenden König vortrug. Ihre Stimmungen schmiegen sich eng an Bastian und Letizias an. Sie spricht Passagen aus dem Film „Krieg der Sterne“  unisono mit dem Jungen oder beginnt sich vor Mr. Wolf zu fürchten, von dem Letizia glaubt, dass er sie umbringen möchte. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – wie Jugendliche oft empfinden – schwanken auch ihre Stimmungen. Das tragische Ende ist von der ersten Minute an vorprogrammiert und überrascht nicht mehr. Was überrascht, ist, dass es dem 1983 geborenen Regisseur gelingt, Betroffenheit und Verständnis für die Bluttat Bastians herzustellen. Es gelingt ihm tatsächlich, das meist so Unverständliche verständlich zu machen. Der gekonnte Einsatz von live-Videobildern, welche die Gesichter der beiden Fast-Noch aber auch Nicht-Mehr-Kinder groß auf die graue Wand über die Fensterscheiben projizieren tut ein Übriges, um sich den beiden ganz nah zu fühlen. Sowohl körperlich als auch emotional. Die intelligente Regieleistung, das gelungene Bühnenbild, die aufwühlende Geräusch- und Klangkulisse  und nicht zuletzt die hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Emilie Hermans, David Murgia und Laura Sépul bescherten ein beeindruckendes Theatererlebnis mit Langzeitwirkung.


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