Die Kunst des Unterbewussten

David Lynch – Die Kunst des Unterbewussten (Teil1)

David Lynch, Reaching out for Nothing, 2007, 66 x 89 cm, Lithographie (via http://www.moenchehaus.de/traeger/lynch/lynch.html)

Draußen herrscht tiefe Dunkelheit. Sie fahren durch eine fremde Stadt, die nahezu komplett menschenleer zu sein scheint. Und das an einem Samstagabend.

 Die alten Fachwerkhäuser wirken durch die regenbedingt diffuse Transparenz der Windschutzscheibe leblos wie eine verlassene Filmkulisse nach einem Dreh, der erst vor kurzem beendet wurde. Nirgendwo brennt Licht, das auf irgendwelches Leben hindeutet. „Folgen Sie dem Verlauf der Straße und biegen Sie nach 200 Metern rechts ab“, fordert eine sehr rational klingende Stimme. Sie sind auf der Suche nach dem Hotel, das sie telefonisch gebucht haben. Jetzt, mitten in der Nacht, haben Sie sich verfahren. Das Hotel liegt außerhalb der Stadt, weit außerhalb. Inmitten des Harzer Waldes. Der Hotelier hatte zuvor erklärt, dass er den Zimmerschlüssel unter einer Fußmatte hinterlegen würde. Das hatte Sie stutzig gemacht. War denn sonst niemand dort, der Ihnen hätte aufschließen können? Keine Rezeption, kein Kellner oder zumindest ein Hausmeister? Am Ende eines lang gezogenen Feldwegs erreichen Sie ihr Ziel. Ein verrostetes Schild auf der unbefahrenen Hauptstraße hatte den Weg markiert. Das Hotel ist nur leicht beleuchtet und wirkt unbewohnt. Es ist wirklich niemand da. Das Haus liegt unterhalb eines Hanges, der weitläufig mit großen, dichten Tannen gesäumt ist. Das sonore Rauschen des Windes und der von ihm in alle Richtungen transportierte Regen, der Sie draußen willkommen heißt, erzeugen ein mystisch- unheimliches Gefühl des Ausgeliefertseins, das sie seit ihrer Kindheit eigentlich verloren zu haben glaubten.

Wenn eine Person eine Situation als real definiert, so ist sie auch real in ihren Konsequenzen. Das "Thomas-Theorem" verdeutlicht die Intensität der Situation. Denn das, was man nicht sehen kann, vermeintlich Übernatürliches oder Atmosphären, ist immer das Ergebnis der eigenen Gedankenkonstruktionen, unabhängig von der physikalisch sichtbaren Umwelt. Sie gehen damit unmittelbar in die Realität des Einzelnen über. Es ist egal, ob man sich im dunklen Wald von wem oder was auch immer beobachtet fühlt, die Konsequenzen daraus sind real: Gesteigerte Aufmerksamkeit, beschleunigter Herzschlag und angstgesteuertes Ausweichverhalten. Auch das Wissen um diesen sozialpsychologischen Fakt hilft einem da nicht weiter. Damit wären wir bei David Lynch angelangt, dem Meister des Paradoxen und Unbewussten.

Gerade der Wald als Symbol für unergründbare Natur und die in ihm innewohnende Mystik ist ein Hauptmotiv in der amerikanischen Serie "Twin Peaks" von David Lynch und Mark Frost von 1990. Goslar, ein kleiner Ort, der seine große Bedeutung durch seinen Status als Weltkulturerbe erhält, ist dem fiktiven Ort der Serie nicht unähnlich: Riesige, sagenumwobene Wälder umrahmen die Stadt, die Menschen sind auf den ersten Blick scheinbar bodenständig und auf den zweiten undurchschaubar. Eine mit dickem Pelz behangene Frau mit künstlichen Augenbrauen, deren große Leidenschaft anscheinend darin besteht, das Stadtzentrum von Fremdparkern zu befreien, könnte jedenfalls gut als Protagonistin der Serie durchgehen. Und so scheint es umso passender, dass genau hier, an diesem Ort, eine große Kunstausstellung von David Lynch stattfindet. Denn der Amerikaner ist, neben seiner Tätigkeit als Regisseur bahnbrechender Filme wie "Blue Velvet" oder "Mulholland Drive", vor allem auch Maler und Fotograf. Zur Würdigung seines Lebenswerks erhielt er in diesem Jahr den, in internationalen Kunstkreisen hoch angesehenen, Kaiserring. Ein guter Grund, um seiner Kunst näher zu kommen und die Ausstellung zu besichtigen.

David Lynch – Die Kunst des Unterbewussten (Teil1)

im Mönchhausmuseum / Foto: Phire

Die sonntagmorgendliche Führung durch das Mönchehausmuseum, in der die Bilder, Fotografien und Lithographien ausgestellt sind, verläuft absurd. Die Kunsthistorikerin hastet neurotisch durch die Räume des jahrhundertealten Fachwerkhauses, während eine schwarz-weiße Mischung aus Goslarer High Society- Mitgliedern und Kunstinteressierten versuchen, ihr hinterher zu kommen. Jeder Schritt auf dem alten Holzparkettboden erzeugt ein rhythmisches Konstrukt aus knirschendem Knarren und gibt das Bewusstsein einer Materialität frei, welche die ehrwürdige Architektur des Museums offenbart. Welch' eine angenehme Abwechslung gegenüber hochmodernen Kunst-Tempeln. Die hastige Besichtigung wird den Bildern bei weitem nicht gerecht.

Denn die Werke erweisen sich als mindestens so tief- und abgründig, so transzendental und halluzinatorisch wie die Filme des Amerikaners. „In den Bildern herrscht Krieg“ versucht mir die Führerin klarzumachen. Doch ich kann eher das Gegenteil erkennen: Figuren, die unabhängig von ihrer, oft subtil mit Gewalthandlungen verbundenen Darstellung, eine tiefe Ruhe ausstrahlen. Den vermeintlichen Krieg, den vermutlich nicht wenige darin zu erkennen glauben, scheint da eher eine klassische Projektion des Betrachters zu sein. Und so entsteht  eine enge Beziehung der Bilder zum Rezipienten, in der dieser sich selbst mit Gewalt und dem eigenem Unbewussten auseinandersetzen muss. Das Bild als Quelle für die eigene Psychoanalyse?

David Lynch – Die Kunst des Unterbewussten (Teil1)
Change the fuckin Channel fuckface David Lynch I 2008-9 I 1,82 X 3,04 m mixed media on canvas (via http://www.moenchehaus.de/traeger/lynch/lynch.html)

Das Bild “Change the fuckin Channel fuckface” zum Beispiel. Es zeigt eine scheinbar verzweifelte Frau, die ihren Hass auf das Leben scheinbar auf das Fernsehprogramm projiziert. Ob das ganze das reale Leben oder doch eher die Darstellung eines Traums widerspiegelt, bleibt in typischer Lynch-Manier offen und verweist auf den offenen, polysemischen Charakter, welcher der Kunst die Möglichkeit der kreativen Aneignung einräumt. Mich jedenfalls erinnert das Bild an Szenen aus "Blue Velvet".

Fortsetzung folgt…

Text: Phire


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