"Change before you have to."

Das Zitat ist von Jack Welch, dem früheren Vorstandschef von General Electric. Ich komme später noch mal darauf zurück.
Als ich bei RWE den "Aufstieg" vom Werksstudenten zum Trainee antrat, gratulierten mir alle. In unseren Kreisen kannte man Energieversorger nur vom Hörensagen, ich war der erste, den Energie auch technisch interessierte. Sie aber waren der Meinung: Man verdient gut für wenig Arbeit. Und ist quasi unkündbar.
Dieser Irrtum ging mit einem anderen Irrtum einher, der den ersten aber erklärt: Genauso erwarteten meine Lieben, dass ich mit dem Start ins Berufsleben jetzt mit ihrem Hammer meine Pflöcke einzuschlagen hätte. Hochzeit, Wohnungskauf usw. was sie halt so unter erwachsen werden verstanden. Was so aus psychologischer Deutung so viel heißen sollte wie, die Rolle annehmen, die sie von mir erwarteten.
Ich dachte anders. Man entscheidet sich für ein Unternehmen nicht "weil", sondern "um zu". RWE also nicht, "weil" mich da ein Beamtenjob erwartete, sondern "um zu", nämlich die kommende Energiewende mitanzuschieben. Dass diese kommen würde, glaubte oder wusste ich damals nicht nur, ich fühlte Gewissheit. Dachte aber, dass das ein ganzes Berufsleben dauern könnte.
Ich war damals tief ins Energiethema eingegraben, technisch und politisch. Was ich fand sprach dafür, dass RWE sich würde ändern müssen. Ich wollte zu Gorbis Truppen gehören wenn es losging. Die Kommilitonen aus meiner Unilerngruppe entschieden sich anders. Sie gingen zur Energieopposition. Windkraft, Technologiefinanzierung usw.
Dann kam etwas anderes Unerwartetes, das Internet. Und ich sah wie die meisten Kollegen -obwohl Techniker-  darauf reagierten: Desinteressiert war noch das harmloseste. Jedenfalls konnte ich lernen, was für ein Bollwerk RWE doch war und ließ den Entschluss in mir reifen, zu gehen. Die einzige IT, die RWE verwendete war SAP. Es war ein Alptraum. Nach einem Telefonat (mit meinem neuen Siemens S5!) in meinem Twingo, nach einem Termin in Brühl, fiel die Entscheidung für den Wechsel in die Beratung. In meiner Umgebung schlugen alle die Hände über dem Kopf zusammen.
Mein Interesse für Technik ist eng an Begeisterung gekoppelt. Mich interessiert vor allem die Wirkung von Technik und welchen Weg sie in die Realisierung nimmt. Ich kaufte Intershopaktien, während Werner mir erklärte, warum das Wahnsinn war. Ein Jahr später stand ich in den Miesen. Doch ich hielt den Börsenabsturz und die Stornierungen der IT-Aufträge für einen Irrtum, der bald korrigiert würde. Irgendwann träumte ich nachts von einem abstürzenden Mond und las später, das sei ein Symbol für eine einstürzende Welt. Kurze Zeit später bekam ich telefonisch mitgeteilt, dass ich ins Brot-und-Butter-Geschäft der IT-Welt zu wechseln habe: SAP-Beratung. Da war ich wieder am Ausgangspunkt.
War es also ein Fehler, von der Energie- in die IT-Branche zu wechseln? Ja, denn ich hatte prozyklisch gehandelt, nicht in den Aufschwung gewechselt, sondern auf seinen Zenit. Später machte ich es besser. Als die deutsche Automobilbranche den Dieseltrend verschlafen hatte, entschied ich mich für sie. Ich entschied mich für das Unternehmen, das damals in den Negativschlagzeilen stand. Das war antizyklisch und richtig.
Dreizehn Jahre später ist meine alte RWE-Abteilung mit dem Übertragungsnetz in eine Netzgesellschaft abgespalten worden und RWE selbst kündigt eine Dividendenkürzung an. Schuld daran ist die Energiewende. Genauer, das politische Missmanagement der Energiewende. Der Netzgesellschaft geht es relativ gut, RWE nicht mehr. Der große Name bröckelt. 1996 war das für die Öffentlichkeit unvorstellbar, so eine Frage stellte sich schlicht nicht. Die Kraftwerker stehen jetzt vor einer ungewissen Zukunft. Diese Kraftwerke gehören zu den letzten Industriebastionen in NRW, danach bleiben nur noch Chemie und Pharma. Hat NRW das schon verinnerlicht?
Wer als Kraftwerker die Entwicklung der Politik nicht verfolgt hat oder glaubte, die Politik werde ihren Irrtum bald erkennen, fällt bald genauso aus allen Wolken, wie OPELaner oder die IT-Berater 2002.
Danach versuchte ich mich in Unternehmensgründung, allerdings ziemlich gepolstert. Dafür mit Leuten, die ich mir nicht ausgesucht hatte, aber immerhin: sie mich. Als mir klar wurde, dass ich es mit ihnen nie tun würde, bewarb ich mich auf Basis meiner neuen Erfahrungen und Kenntnisse in Patentrecht wieder. Hier lernte ich etwas Neues: Alle Unternehmen, die mir Vertragsangebote machten, gibt es heute nicht mehr! Ich bin heilfroh, dass ich einfach der Neigung zu meinem neuen Hobby nachgab und die Automobilbranche ging.
Lektion: Manchmal ist es besser, auf bessere Angebote zu warten.
So lange wie in der Automobilbranche war ich noch nirgends. Auch hier musste ich meinen Weg erst finden und bahnen. Ich lernte hier anfangs vor allem: Durchhaltevermögen. Wenn es knirschte, versuchte ich zu lösen. Ich wechselte einmal, aber nur eine Tür weiter. Ansonsten lernte ich, dass sich um einen herum genügend ändert, man muss sich nicht immer selbst ändern. Manches Problem löst sich von selbst. Dann bekam ich ein Angebot von Konzernmutter. Wieder ein formal kleiner Schritt, aber bedeutsam.
Meine zusammenfassende Erkenntnis: Jack Welch hat recht. Aber es gibt keinen Grund zu Wechsel aus Selbstzweck, und selbst in der Not sollte man keine Panikentscheidungen (die nächstbeste) treffen. Hat man nur zweimal hintereinander dabei Pech, kann man in einen gefährlichen Modus geraten. Anders rum gilt: Kein Hype dauert ewig, aber auch keine Krise.

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