Agenda 2010

Seit es in Europa fast allen schlech­ter geht als den Deutschen, gilt Gerhard Schröders Sozialreform als Motor unse­res öko­no­mi­schen Erfolgs. Eines wird dabei gern ver­ges­sen: Mit der Agenda wollte Schröders Regierung den Bürgern mit­tei­len, dass sie sich end­lich rich­tig rein­hän­gen müs­sen, wenn sie den Anschluss an die Globalisierung nicht ver­lie­ren wol­len. Gemeint waren damit alle Deutschen. Gesagt wurde es aber nur den Ärms­ten.[...]

Die Unterschicht wurde ange­schrien, damit alle ande­ren es hör­ten.

 
Plötzlich fragte sich die Nation: Wer zum Teufel sind diese nichts­nut­zi­gen Typen? Diese vier Millionen Arbeitslosen, die ein­fach nicht ver­schwin­den wol­len aus der Statistik, im Land von Siemens und Mercedes, dem Land der Dichter und Denker, der Disziplin und Pünktlichkeit? Die Antwort war schnell gefun­den: Schnorrer, die dem Sozialstaat auf der Tasche lie­gen, den gan­zen Tag auf der Couch abhän­gen, den Fernseher anstar­ren, Fertiggerichte essen und die Bude nur ver­las­sen, wenn sie Bier und Zigaretten brau­chen. Die bei RTL2 Einblick in ihre Wohnungen und Leben gewäh­ren, die sie nicht im Griff haben. Die geschmack­lose Klamotten tra­gen, viel Sex mit vie­len Menschen haben und davon erzäh­len. Die mehr Geld für ihre Hunde, Katzen oder Schlangen aus­ge­ben als für ihre Kinder.

Diese Faulen hat­ten kein Recht, die Fleißigen mit nach unten zu zie­hen.

Es gibt eine tref­fende Wendung im Englischen für das, was der Unterschicht seit Jahren wider­fährt: bla­ming the vic­tim, dem Opfer die Schuld zuschie­ben. Die Unterschicht selbst sei es doch, die die Faulen her­vor­bringe, das System gefährde, Verrat an der Gesellschaft begehe!
zeit.de: Arm, aber stark