7. Gierstabil

Es geht Katharina Schultens ganz offen­kundig nicht mehr um die Entbindung des romantischen Zauberworts, sondern um die kühle Beobachtung von Strukturen. „Das künstle­rische Material muss kalt gehalten werden“, hat einst Gottfried Benn dekretiert. Katharina Schul­tens hat diese Devise beher­zigt. Wir lesen die Gedichte einer Autorin, die ihrem Gedicht­band demon­strativ den Titel „gierstabil“ gibt – und damit auf einen Ter­minus aus der Kinematik und Fahrzeugtechnik zurückgreift, der bestimmte Steue­rungs­ten­denzen diver­ser Land- und Luft-Fahrzeuge bezeichnet. Und natürlich schwingt in dem rein technischen Begriff „gierstabil“ auch noch die assoziation zu „gier“ und damit die Konnotation eines heftigen emotionellen Geschehens mit. Aber just diese Verbin­dung von multiplen technoiden Strukturen und Körper­elementen, von physikalisch-bio­mechani­schen Modi und traditionellen Natur- und Nähe-Metaphern gehört zu den Eigen­heiten von Katharina Schultens’ Dichtkunst. Ihr Debütband „Auf­brüche“ hatte 2004 noch auf die Mobili­sierung einer expres­sionis­tischen Sprache und die Evokation einer traditionellen Stimmungs­lyrik vertraut. In „gierstabil“ kommt nun ein ganz anderes Ich zu Wort, ein un-senti­menta­les, analytisch beobach­tendes, ganz in die prozess­haften Abläufe und technisch-wis­sen­schaft­lichen Komple­xitäten unserer Gegenwart vertieftes und sachlich regis­trie­rendes Ich. / Michael Braun, Poetenladen

Es gibt viele Momente, in denen genau dieses Dazwischen die eigentliche Vielfalt von »gierstabil« darstellt. Zeilen wie: »ich wispere ach / wissen sie – vielleicht bin ich das innere / des aktenschranks wenn er schließt« sind reflektiert und eingängig, intelligent und ästhetisch wertvoll. Der exzessive Gebrauch von &-Zeichen und Bindestrichen bringt den Fluß der Verse häufig ins Stocken. Das ist bei der elegant durchrhythmisierten Sprache ähnlich überflüssig wie die ironische Distanzierung vom Englischen. Diese wird als Fremdkörper hineinmontiert, tritt manchmal jedoch ein Verwirrspiel der Bedeutungen los. Und noch eine Form von übermotivierter Distanzierung zieht sich durch die Gedichte: Das »ich denkt«, »ist gewesen« und so fort. Natürlich wird ein Autor gerne mit seinen Ichs verwechselt, viel lieber vielleicht noch eine Autorin. Schultens’ Texte jedoch sprechen bereits aus sich heraus mit einer festen und faszinierenden Mehrzahl von Stimmen.

»wieso geht das nicht in unserer sprache. / wo haben die das gelassen? das: pathos?« – wo auch immer »die« das Pathos gelassen haben mögen: Man kann ihm zusehen, wie es sich neu erfindet und in die Gedichte einfügt, ohne peinlich zu sein. Manchmal sogar mit humoristischer Spitze: Im Kapitel »single in pivot«, wird von einem »er« berichtet, der »aus nächtlicher routine direkt in einen schoß« stolpert.

Schultens’ Verse bleiben haften, ohne klebrig zu sein. So oft sie auch überfordern, so oft fordern sie zum Nachdenken heraus. Diese Lyrik ist noch auf dem Weg begriffen, entwickelt sich aber unaufhörlich fort. Wie ein Fahrzeug, das sich ohne weiteres Eingreifen von außen geradeaus bewegt. Das ist ja schließlich auch die Definition des Begriffes Gierstabilität. Einen besseren Titel hätte der Band nicht haben können. / Kristoffer Cornils, junge Welt 1.9.

Katharina Schultens: gierstabil – Gedichte. Luxbooks, Wiesbaden 2011, 72 Seiten, 19,80 Euro



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