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Pastior-Philologie nach der Entlarvung als IM.Vom Wert der Metapoesie und Hermetik als Flucht, Rettung und verschlüsselte Selbstbeschuldigung?

Von Schlesak
28.11.10: Christine Dalhoff von 3sat möchte mich interiewen… Esv wühlt alles wieder auf.
Aus der Schlaflosigkeit kommt alles wieder hoch. Der „Zustand“ . Druck auf der Brust, atemlos. Lässt keine Sekunde los. Die Angst- und Beziehungshölle in Bukarest vor fast 50 Jahren. Ich kann es nicht beschreiben. Ich kann ihn zitieren: „Jede Untersuchung verfälscht das Ergebnis. Es war, es ist „höllisch“. Was sind schon Worte. „Diese Unmöglichkeit bleibt als Stachel, vielleicht als Motor“.
Doch wie sollen wir es Heutigen, gar Westmenschen klar machen, die davon keine Ahnung haben. In dürren Worten, in „Interviews“, „Berichten“- mein Gott, dies Wort ist Tabu.
Ich tröste mich, dass ich einer der letzten Augenzeugen bin. Dass „es“, die rote Hölle nicht vergessen, verdrängt werden darf?
Nachts die Bilder vor mir: Die Calea Victoriei, ein gemütliches großes Café, oben auf der Galerie. Da saß ich mit Oskar und erzählte ihm von meinen „Widerstandsideen“, dem „Versteckspiel in der Metapher“. Oder meine Gedichte: „NEBEN JEDEM EIN BLAUER DRACHE UND WINTERZUNGEN.
Hier hab ich das Schweigen gelernt,/ das täglich mich vereiste./ Mein Mund will sich durchgraben./ Die Lippen brennen von bunter Leere.// Ein Tier aus Rauch, ein Schatten,/ geht die Angst barfuß über die Straßen.“
Ja, ich war verrückt mutig damals, auch naiv? Schrieb solch gefährliche Dinge, animierte andere Kollegen, zu denen ja damals in den Sechzigern auch Pastior gehörte, ebenfalls so zu schreiben, auch als Redakteur der neuen Literatur, und brachte solche Verse nach 65/66 durch die Zensur, 68 sogar den Gedichtband „Grenzstreifen“.
Obwohl ich wie Oskar 1961 sogar verhaftet worden war, der Securitate-Hauptmann Pestritu als Schatten mich bedrohte, mich wöchentlich anrief, mich bestellte, ich vor Angst zitterte, wenn das Telefon läutete, er mich anwerben wollte, leistete ich weiter heftigen Widerstand. Ich habe jene grauenhafte Zeit in meinem Verteidigungsartikel für Pastior (in der ZEIT) beschrieben.
Doch der neue Schrecken und der alte Stress- und Druckzustand mit Schlaflosigkeiten, kommt erst jetzt nach 50 Jahren, nachdem ich meine Akte in Bukarest gesehen habe:
Das verändert meine Erinnerung total, meine Jugend in Bukarest, die Stadt, die rumänische Sprache, 2500 Seiten gefährliche Anklagen in dieser Sprache gegen mich, umstellt von „Freunden“, die auf mich angesetzte Spitzel waren, ihre „Berichte.“ Ich sehe nicht nur „Otto Stein“, sondern auch einen „Leopold“, mein guter Freund Alfred Kittner Und ich sehe vor allem, dass mich (durch di Berichte) und die Paranoia der Securitate zum ANFÜHRER EINER Widerstandsgruppe von jungen Poeten gemacht hatte, die den Staat umstürzen wollte. Unsere „feindliche“ westliche Ideologie die „moderne Poesie“ als Basis. Und dass Pastior das als Spitzel der Secu bestätigte, das beschrieb, was die hören wollten, ausgerechnet er: dass ich „feindliche“ Ideen habe, die „Moderne“ in meinen Reden und Gedichten vertrete, als Redakteur propagiere. Dass ein Prozess gegen mich vorbereitet wurde. Dass ich wegen Westkontakte als Spion angeklagt war, worauf die Todesstrafe stand, usw. Ich, ein Reiter über den Bodensee. Wenn ich das alles damals gewusst hätte, ich weiss nicht, wie ich meinen Alltag hätte leben können! Bukarest, die Straßen in meiner Erinnerung, die Cafés, die geliebten Orte, die Freunde, alles hat sich verändert, ist finster geworden, der Depressions-Druck in mir wächst.
Und jetzt dazu: Oskars Berichte in Maschinenschrift vor mir, das Schreckenswort „Stein Otto“, fremd, hart, tödlich. Er von der Securitate auf mich „angesetzt“. Der Freund. Heute Tote. Ich sah nachts dies grüne Gärtchen, sein Grab in Berlin vor mir.
Dass Iris Radisch von der Zeit in einem misslichen Interview mit mir in der ZEIT, das alles anzweifelt und abschwächt, mich, das Opfer, weil ich das decouvriert habe, mich nun anklagt, den Täter aber in Schutz nimmt, das nennt Richard Wagner e“eine krasse Manipulation“ und meine Freunde sind entsetzt darüber und über die „Gleichstellung“, die der skrupelloseste rumäniendeutsche IM-Stephani, mit den meisten Spitzel-„Berichten“, in einem verlogenen FAZ-Atikel mit Herta Müller und mir vornimmt. Müller hat vehement protestiert!
Wie sollen wir „das Beste“ aus dieser rumäniendeutschen Beziehungshölle machen? Dass wir die Hölle der Geschichte erleben durften, mehr „wissen“? Dass ich mit meinen Kollegen unter Lebensgefahr den Grundstein für moderne Poesie (damals als Widerstand) für die rumäniendeutsche Poesie gelegt habe über die „Neue Literatur“ und unsere Gedichtbände?
Dass sogar Oskar, der doch zu uns gehört hat, schon damals bewundert, und vielleicht in seiner Gewissensnot, später allerdings, seinen großartigen Stil dabei fand?
Eine Brücke zwischen den zwei Pastiors?
Dass wir der Securitate nach 50 Jahren keinen späten Sieg einräumen! Sie als Teufelswerk sehn, die Menschen so schwach werden ließen aus Lebens- ja, Todesangst, Schuld auf sich zu laden, lebenslang Gewissensnot mit sich schleppen mussten. Dass durch unsere Gegenwehr und Abwehr aber auch unser Lebenswerk entstanden ist!
Und im Falls Oskars Metapoesie und Hermetik ist nun eine vertieftere Pastior-Philologie von nöten, die das Werk nicht weniger wertvoll, sondern wertvoller macht als bisher bekannt! Felix Ingold schrieb kürzlich in der NZZ: „Naturgemäß stellt sich nun im Rückblick die Frage, ob nicht überhaupt Pastiors dichterische Arbeit, die man so gern als «hermetisch», «formalistisch» oder wenigstens als «ludistisch» bezeichnet hat, darauf angelegt war, in kunstvoller Weise «nichtssagend» zu sein, und ob sein konsequentes Bemühen, seine Texte von aller Bedeutung und vorab von jeder Eindeutigkeit freizuhalten, nicht auch andere denn poetologische Gründe hatte. … dass die Pastior-Philologie noch einmal über die Bücher gehen und nach allfälligen Spuren verdrängter «Bedeutung» suchen muss. Womöglich steht bei diesem «dunklen» Dichter doch weit mehr zwischen den Zeilen…“
Die Spitzelberichte sind auch Sprache. Allerdings Fremdsprache: Rumänisch. Wie empfand Pastior sie in seinem Gedicht? Ist diese Sprache der Schlüssel? Die Drohung, Bedrohung, seine Unmoral? Spielte er nicht nur mit ihr, sondern sagte er aus… In „Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch“ gibt es Hinweise: „Auch ist die Freundschaft mit der Sprache eine lange, lange Geschichte, oft auch eine gruslige Geschichte“, so Pastior. Die Geschichte mit seinem Jäger-Vater, der Hasen „das Fell über die Ohren zog“ als Beispiel, er als Kind von seinen Vater einmal hörte, wie der sagte „man zieht es ihm ab“, wohl Geld vom Gehalt, Pastior aber ans Fllabziehen dachte, dass auch der Vater nun auch ihn bluttriefend an die Tür genagelt sei wie der Hase; dass aber vielleicht dies „Fellabziehen“ auch assoziativ auf sich und die Securitate gemeint sein könnte, da er, so in einem „Autobiographischen Text“ „nicht genau aufgepasst habe, wie Schuld und Sühne sich zu Krieg und Frieden verhalten…“ Und dass er „immer eine komische, das heißt freiberufliche Gänse- und Vagantenhaut,“ bekäme. „wenn ich so sag: „Ich bin Poet“ oder gar „Ergo sum“. Suspekt, suspekt“. Das alles in der Schwebe freilich, kann, aber muss nicht sein. Aber gerade das Doppelspiel mit Poetik und einem mitgedachten gefährlicheren, verschwiegenen Lebens- „Untergrund“ bleibt reizvoll. Er sieht sich als zwielichtig an, schiebt aber dem Anschein nach alles auf das Poetsein, der Unreales und Unwahres verbreitet. So etwa auch in seinem Prosastück „Vom geknickten Umgang mit Texten wie Personen“: „Einmal aus der Werkstatt plaudern von diesem Umgang, den man auch Übersetzen nennt; Umgang im Sinne von Umgehung des Unmöglichen; und Übersetzen demnach wie „neben die Schule gehen“ – aus der zu plaudern sich einer anschickt“. Nur Sprachspiele? Nur Poetik? Und: „Dass mir bei dieser Unterscheidung nicht ganz wohl ist, verdanke ich leichtfertigerweise eben dieser Schule, neben die zu gehen ja auch kein Zuckerschlecken ist, und so weiter.“ Man findet auf Schritt und Tritt bei ihm solche produktive „Zwiespältigkeiten“, die alles andere als nur „theoretisch“ und langweilig sind, heute neu in ein Inter-esse kommen, neu gelesen werden müssen.
Oder dass die „Staatssprache Rumänisch zwar eine Fremdsprache … doch so eigentümlich vertraut, dass sie als Deutsch bezeichnet werden kann“ denkt man an die Intimität der rumänischen Spitzelberichte, usw.
Oder wenn man Gedichte nimmt:
Michael Markel untersucht „Transilvanismen in den Texten von Oskar Pastior“,(in AKZENTE H5 1987) wobei die meisten Beispiele rumänisch sind. Warum?
Der bekannteste „referenzielle Text“ ist der „sonetburger“ „birne mischelene“ (im Band „sonetburger“ S.78.) Das Gedicht wurde sogar weitergereicht und war gefährlich. Pastior freilich war zur sonetburger-zeit 1983 längst im Westen. Ein Schmähgedicht auf die Ceauṣescus in „birne mischelene“ schrieb. „Helene“! So etwa die Wortkonstruktion „akadring“ bedeutet akad.dr.ing. Elena Ceausescu. (Helene), die (Fastanalphabetin), die sich diesen Titel zulegte. In „mischelene“ steckt das Wort „mischel“ miṣel, niederträchtig, gemein. Und in „cism“ cismar: Schuster, was Ceauṣescu von Beruf war. Aus „rotokol“ ergibt sich „Protokoll. Jedenfalls läßt sich der „Prototyp des gemeinen Emporkömmlings unter protokollarisch befohlener Liebedienerei“ (Markel) herauslesen. Und schreibt er im Gedicht „grosvenor“ („Jalousien“, S.14) gar über den Spitzel oder die Securitate (Horch und Guck) als „ohrwurm grosvenor“, der kam, sah und „kixste? Gickste (Laut gab)? „a da chix“ im Rumänischen, Scheitern, Reinfall erleben.
Für Pastior ist Sprache auch Schuld, ein Weh-Ort= W-Ort (Über das Zeichnen von Auberginen, in „Ein Tangopoem“ S. 65).
Und der Sprachverfolger, der Secuhauptmann könnte mit dem „Kapitanu“ in „Barbes menon im Herbst“ (Der krimgotische Fächer, S. 54-55) Barfuss wenigstens im Herbst, gemeint sein. .
Zu „birne mischelene“ und den Ceauṣescus also, gibt es vielleicht eine wichtige, schuldhafte (?) Verbindung in „Anrufung des Realismuspoblems“ (Wechselbalg S. 62). Sozialistischer Realismus? Allerdings nur assoziativ und in verflixter Pastior-Kombinatorik. Und nur für jemanden, der Rumänisch und Siebenbg. Sächsisch versteht! Da kommt ein „Trumm,“ sächs. grober Klotz vor, der Unbehagen erweckt. Ein „Kathederapostel“- also ein Arsch. Ein „Portokalen-Kolportator“, (portocală, rum. Apfelsine) rum. „colportator“, der ZWISCHENTRÄGER. Zuträger:Spitzel? Und als Zuträger zu birne mischelene: Ceauṣescus Spitzel also durch den Hinweis in einem gemeinsamen rumänischen Abzählreim in beiden Gedichten im lautlichen Permutationsspiel „Portocal-Kolporta“, der Abzählreim „Ala bala portocala“ im „Realismus-Gedicht“ und Hinweis zu birne mischelene als „ana bala portali“! In der dritten Strophe dann das sächs. „rosendig“: tollwütig. Und „Castrabetz“ von rum. Castravete: Gurke. Der Spitzel also eine „Gurke“ ein Niemand, ein Nichts, aber auch ein elender Kastrat, der Zuträger im Dienst der Mischelene? (Sonetburger 78). Doch die Verfluchung oder Selbstverfluchung geht weiter: „Tulai Muttule“, ein rumänischer Ausruf der Missbilligung. Wobei Tulai, wehe! aus de Ungarischen „tolvaj“ Räuber kommt. Und „Muttule“ Dumkopf heisst. Dann kommt ein „Ausrutscher“ aus dem „Kotez“, aus dem Schweinekoben oder auch aus dem Kittchen, das ihm drohte, würde er nicht verraten und Liebedienern: Markel: ein „Gauner, ein Schlitzohr, der als Pharisäer mit gespaltener Zunge den Schein für das Wesen ausgibt und ausgekochte Verdächtigungen hinsudelt.“ „Injurie auf die Handlanger“ nicht nur der Zensur, sondern der Securitate? Gar Selbstcharakterisierung des Selbstverrates in den Spitzelberichten, wo er einen Kollegen dessen anschwärzt, was er in hohem Maße selbst schreibt: moderne Poesie, und „feindliche“ Poetik vertritt!

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