Ressort Erzählungen

„Ich will Dich!“

Erstellt am 14. Juni 2012 von Wernerbremen

„Ich will Dich!“
Ihr Lieben,

heute Abend möchte ich Euch eine Geschichte von Heribert Arens erzählen:
„Ich will Dich!“

„Eine Frau kam in das Arbeitszimmer ihres Mannes, eines gelehrten Psychologieprofessors. Er hatte gerade ein Buch über das Wesen der Liebe geschrieben. Tag und Nacht hatte er daran gearbeitet.

„Ich will Dich!“

Quelle: Karin Heringshausen

„Du kommst mir gerade recht“, sagte er zu seiner Frau, „ich möchte Dir gerne einige Abschnitte meines neuen Buches vorlesen.“ Sie nickte. „Lies nur“, sagte sie. Er las – sie schwieg.
Er las wunderbare Zeilen über das Wesen der Liebe, über Hingabe und Füreinander-Dasein, über Schenken und Beschenktwerden, über die Hinwendung zum Du.
Als er das Buch schloss, sah er sie erwartungsvoll und unsicher an.

„Meisterhaft“, sagte sie, „wirklich meisterhaft! Aber ob Du wirklich verstanden hast, was Du geschrieben hast? Weißt Du, während Du lasest, da wurde ich immer bedrückter. 

Du schreibst: „Wenn Menschen sich lieben, dann werden Worte immer unwesentlicher, Liebe will gelebt werden; der Mensch sehnt sich nicht nach vielen Worten, er sehnt sich nach dem anderen Menschen.“
Das ist es, das!“, sagte sie. Sie erhob sich und ging langsam zur Tür.
„Was willst Du von mir?“, rief er ihr aufgeregt nach.
Dich will ich“, flüsterte sie, „Dich!“ Die Tür schloss sich leise.“


Ihr Lieben,

wie sehr freuen wir uns, wenn ein Mensch zu uns sagt:
„Ich habe Dich lieb!“ oder „Ich liebe Dich!“

Unser Herz, das sich nach Liebe und Zuwendung sehnt, saugt solche Worte wie ein trockener Schwamm auf. Deshalb freuen wir uns auch so sehr, wenn uns ein anderer Mensch dazu ermutigt, dass wir an uns selbst glauben, dass wir uns etwas zutrauen, wenn er uns glaubhaft versichert, dass wir wertvoll sind und dass wir besondere Begabungen haben. 

Worte sind wundervoll, sie können motivieren, sie können Menschen trösten, aufrichten, ihnen Hoffnung und Zuversicht schenken, sie können Freude auslösen.
Aber – und das wird leider häufig vergessen:
Worte dürfen nicht alleine bleiben, sie sind nichts wert,
wenn ihnen keine Taten folgen.
Worte ohne Taten sind nackt, sind einsam, sind zum Sterben verurteilt.

In unserer heutigen kleinen Geschichte gibt es einen ganz wichtigen Satz,
den ich hier wiederholen möchte: „Er las – sie schwieg.

Der Professor las aus seinem Buch vor und seine Frau hörte zu und schwieg.
Liebe braucht bisweilen Worte, um dem anderen Menschen zu sagen, dass wir ihn lieben.
Aber Liebe ist keine Einbahnstraße: Liebe ist ein Gespräch zwischen zwei Menschen.
Für die Liebe gilt eben nicht: Einer redet und der andere schweigt.
Liebe bedeutet. Beide reden miteinander.

Neben den Worten aber gründet die Liebe auf Taten.
Ich liebe Dich“ zu einem Menschen zu sagen, das ist wundervoll und wird das Herz dieses Menschen vor Freude schneller schlagen lassen.

Aber wenn sich die Liebe in Worten erschöpft und keine Taten folgen,

dass stirbt die Liebe.
Ich liebe Dich“ ist nur dann etwas wert,
wenn wir dem anderen Menschen auch zeigen, dass wir ihn lieben,
indem wir zu ihm stehen, wenn er in Schwierigkeiten ist,
indem wir ihn trösten, wenn er Leid erfährt,
indem wir ihn unterstützen, wenn er in Not gerät,
indem wir ihn zum Essen oder Kaffeetrinken einladen, wenn er einsam ist,
indem wir mit ihm reden, wenn er das Gespräch sucht,
indem wir mit ihm gemeinsam nachdenken, wenn er unseren Rat braucht,
indem wir uns Zeit für ihn nehmen, wenn er uns braucht,
indem wir ihn umarmen, wenn er unseren Trost braucht.

Ich brauch Dich!“ – Das bedeutet, ich brauche nicht nur Deine Worte, sondern ich brauche auch Deine Nähe, Dein Bei-Mir-Sein, Deine Hilfe, Deine Freundschaft, Deine Umarmung, Deinen Händedruck, Dich als Person – Dich selbst!

Viele Menschen sind heute durch Facebook miteinander verbunden und weltweit sind inzwischen fast 900 Millionen Menschen bei Facebook Mitglied, allein in Deutschland waren es zu Anfang diesen Jahres 22,1 Millionen Menschen.

Bei diesen Erfolgszahlen wird leider immer die Kehrseite verschwiegen:
Monatlich löschen in Deutschland rund 50.000 (!) Menschen ihr Konto bei Facebook.

Den Grund dafür finden wir in unserer heutigen Geschichte:
Facebook krankt daran, dass es sich vor allem auf Worte gründet.

Ich bitte andere Menschen um ihre Freundschaft,

andere Menschen bitten mich, ihr Freund zu sein.
Wir tauschen wohlmeinende Nachrichten aus. Wir schreiben wertvolle Artikel und geben ebenso wertvoll Kommentare ab. Das alles ist sehr positiv und auch ich habe auf Facebook bereits außergewöhnlich wertvolle Menschen kennengelernt.
Aber auch Facebook wird eines Tages wieder sterben, denn Facebook kann über die Worte hinaus dem Menschen nicht das geben, wonach er sich sehnt: menschliche Nähe, echte Freundschaft, tiefe menschliche Gemeinschaft.
Das ist der Grund, warum so viele Menschen sich wieder von Facebook trennen.
Ich finde Facebook sehr, sehr wertvoll, um neue Kontakte zu knüpfen, um den eigenen Horizont zu erweitern, aber wir dürfen dabei niemals die Menschen in unserer Umgebung vernachlässigen, wir müssen auch daran denken, an dem Ort, an dem wir leben, Gemeinschaft mit anderen Menschen zu pflegen und Liebe in der Praxis zu tätigen.

Ich wünsche Euch einen liebevollen Abend und grüße Euch herzlich aus Bremen.

Euer fröhlicher Werner 

„Ich will Dich!“

Quelle: Karin Heringshausen


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