Zwischenstand in Auroville, Südindien

Liebe Freunde und Bekannte, liebe LeserInnen dieses Blogs

Nun bin ich seit gut fünf Wochen in Südindien, eine Woche davon auf Reise nach Kerala, der Rest in Auroville. Erst jetzt komme ich so richtig an und beginne mich wohl zu fühlen. Der Einstieg in diese andere und doch altbekannte Welt war dieses Mal nicht einfach: Zu Beginn gab es überraschend viel Regen, und es war in der Folge unangenehm feucht, ein Waschküchenklima, das im deftigen Gegensatz stand zum Schweizer Winter, aus dem ich eben kam. Zudem begleitete mich seit dem Abflug in Frankfurt eine hartnäckige Schlaflosigkeit, die ich erst mit – für meine Verhältnisse – starken Medikamenten vertreiben konnte. Der Arzt, den ich deswegen konsultierte, stellte hohen, sehr hohen Blutdruck fest. Bis heute ringe ich darum, den Blutdruck zu bändigen und zu einem natürlichen, nicht durch Medikamente herbeigeführten Schlaf zu kommen.

Wie im Altersheim

Das Guesrhouse Arka, in dem ich zwar komfortabel und sehr günstig untergebracht bin, hat den Charme eines Altersheims, in dem ab 20 Uhr Bettruhe herrscht. Nachts in Auroville unterwegs zu sein, ist für mich gar nicht so einfach, da nur ein paar wichtige Strassen beleuchtet sind. Ansonsten ist es rundum stockdunkel. Auroville ist grob gesagt ein grosses Waldgebiet. Und in der Finsternis gleichen sich alle Strässchen und Wege aufs Haar. Das heisst, dass ich ab 18 Uhr so etwas wie Hausarrest habe.

Doch genug der Klage! «Discover India! Discover yourself!» Diesen Wurf von einem touristischen Werbespruch mache ich mir zu eigen und entdecke jeden Tag – nun ja, jeden zweiten Tag – Südindien neu und damit auch mich selbst. Denn jeden Tag kommt es zu Begegnungen, die es in sich haben.

Der russische Arzt

Zum Beispiel mein Arzt, ein Russe mit kantigem Gesicht und der Statur eines Athleten. Vor wenigen Tagen noch ist er auf einem für sein Erscheinungsbild lächerlich kleinen Drehstuhl mir gegenüber gesessen und hat um Lösungen für meine gesundheitlichen Probleme gerungen. Und nun, als ich eines Morgens zufälligerweise bei der Klinik vorbeikomme, wo er seine Praxis hat, steht er mit Hacke und Grabstange vor dem Haus und pflanzt Kakteen und junge Palmen. Die rote Erde ist so stark verkrustet, dass er sie mit aller Kraft für die Bepflanzung vorbereiten muss. Lendenschurz, freier Oberkörper und ein grobes Tuch zum Schutz vor der Sonne um den Kopf gewunden, so präsentiert sich mein russischer Arzt im Vorgarten der Klinik. «Alles muss man selber machen», sage ich lachend zu ihm. Auch er lacht und fordert mich augenzwingernd auf mitzuhelfen. «Please help. You will sleep better.“

Begeisterung für Geschichte

Oder jene französische Nachbarin im Altersheim – pardon: im Guesthouse –, die oft über ein Buch gebeugt ist, wenn ich sie im Garten antreffe. Daneben liegt jeweils die abgespeckte und damit reisetaugliche Variante eines Wörterbuchs. Als ich, der ich ja oft selbst über ein Buch gebeugt bin, sie anspreche, erklärt sie, seit jungen Jahren könne sie nicht anders, als die Geschichte jenes Landes zu studieren, das sie bereise. Den Fokus lege sie dabei nicht auf die offizielle Geschichtsschreibung. Vielmehr interessiere sie die Sicht des kleinen Mannes auf die Geschichte des Landes, das sie gerade bereise. Sie spricht gebrochen Englisch und wechselt ganz gerne auf Französisch. «Hier habe ich ein hervorragendes Buch über die Geschichte Indiens gefunden. Der Verfasser ist ein Tamile, der das Buch in Englisch geschrieben hat. So lerne ich zugleich Englisch.» Das Buch ist bis zum Blattrand vollgekritzelt, sogar die leeren Seiten sind gefüllt mit Anmerkungen und Übersichtstabellen. Ob sie Historikerin sei, frage ich. Nein, sie sei Hausfrau und habe daneben bis zur Pensionierung in einer Kantine gearbeitet, um etwas dazu zu verdienen.

Aufgerüttelt hat mich die Begegnung mit einem jungen Tamilen, etwas über dreissig, der in Chennai lebt und ein IT-Crack werden möchte. Der Weg dorthin ist steinig, ja gnadenlos Doch darüber berichte ich in einem nächsten Eintrag.


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