Wirklichkeitsverdruss – und das Mittel dagegen

Im Laufe des Lebens ist in mir drinnen ein Kosmos von Bildern entstanden, ein Gefilde von Erinnerungen, Traumbildern und Stimmungen, die sich tief eingegraben haben und oft ohne ersichtlichen Anlass ins Bewusstsein drängen. Wunschträume in allen Schattierungen sind darunter, vom niedersten Trieb bis zur feierlichsten Regung. Ferner Schreckensbilder, die meine Träume heimsuchen, oder Wahrzeichen, die mich aufrichten und beseelen. Je älter ich werde, umso mehr schiebt sich diese innere Welt in den Vordergrund. Sie gewinnt an Farbe und Intensität, während die äussere Welt zusehends verblasst, als wäre ich bloss Zuschauer in einem Theater, in dem Wirklichkeit aufgeführt wird.

Was auf dieser Bühne dargeboten wird, erheitert mich zwar oft und betrübt mich auch zuweilen, doch so richtig ernst nehmen kann ich es nicht. Theater eben! Und es kommt mir vor, als hätte ich das Stück schon öfters gesehen, in anderer Besetzung vielleicht und unter einem anderen Regisseur. Doch im Kern ist es die Wiederholung von Altbekanntem, die Wiederholung von etwas, das mich inzwischen zu langweilen beginnt.

Gaukelspiel Wirklichkeit

Was tun, um nicht dem, was wir gemeinsam Wirklichkeit nennen, abhanden zu kommen? Mich einfach davonstehlen vor lauter Verdruss? Oder das Gaukelspiel, gemeinhin Wirklichkeit genannt, einfach Theater sein lassen und mich der inneren Bühne zuwenden, als wäre einzig sie von Bedeutung? So verlockend es ist, es wäre falsch. Die ganze Welt und mit ihr all die Menschen im Stich lassen, nur des inneren Friedens Willen: Ein Unding!

Was wäre das für ein Frieden, der auf die Welt und ihre Menschen pfeift? Ich bin es ja selbst, der die äussere, vor meinen Augen allmählich verblassende Wirklichkeit mitgestaltet. Ich bin im Theaterstück «Wirklichkeit» ebenso Schauspieler wie Regisseur. Ja, die Welt ist schnöde geworden. Man könnte ob ihr verzweifeln. Doch wer, wenn nicht ich, der dieses Schauspiel mitveranstalten, kann die Wirklichkeit verändern, auch zum Bessern hin. Und wenn sie, die Wirklichkeit, vor meinen Augen verblasst, sollte ich vielleicht zum Optiker gehen …

Es gibt kein Entkommen nach drinnen. Es gibt nur der Gang zum Optiker. Und dann volle Kraft voraus – nicht in den Abgrund, jedenfalls nicht mit mir.


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