Zelten in der Turnhalle

Zelten in der Turnhalle Aufmerksamer Zuhörer Gabi Kuttner

Es war am vergangenen Mittwoch in der Sporthalle Wichertstraße nicht der erste Besuch von Stefan in einer Pankower Notunterkunft, aber es war diesmal besonders erschütternd. Man liest und hört ja so einiges, manches muss man aber auch gesehen haben. Wie zum Beispiel das aus Gardinenstoffen und Decken zusammengeflickte Zelt in der oberen Etage der Halle. Seit Wochen ist es das Zuhause einer zehnköpfigen Familie aus dem Irak. Die Zeltkonstruktion soll so etwas wie Privatsphäre ermöglichen – doch das ist reine Illusion. Der Fußboden besteht aus provisorisch verklebten Spanplatten und die untere Halle ist unterteilt mit einer riesigen Plane, in die ein Loch geschnitten wurde. So sollte kein Mensch in Berlin mehr leben müssen.

Zelten in der Turnhalle Wohnen in Prenzlauer Berg Gabi Kuttner

Zurzeit sind hier 150 Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und dem Iran untergebracht. Ihr Aufenthalt in der Halle soll eigentlich maximal drei Monate dauern, doch daran glauben weder die Betroffenen noch der Betreiber. Im „Aufenthaltsraum“ trifft Stefan auf freundlich lächelnde Frauen und skeptisch dreinblickende Männer. „Sprechen Sie auch Englisch?“ „Yes“. Das ist gut. Und so erfährt Stefan vieles aus ihrer Heimat, ihrer Flucht und ihrem Empfang in Deutschland. Man spürt Enttäuschung und Traurigkeit während sie erzählen.

Zelten in der Turnhalle Ohne Helferinnen und Helfer geht nichts. Gabi Kuttner

Nur dank der Arbeit des Unterstützerkreises funktioniert die Notunterkunft überhaupt. Rechtlich abgesichert ist dieses Format nicht. Bis jetzt gibt es noch nicht einmal einen Betreibervertrag für die miges, einer gemeinnützige GmbH aus Neukölln. Ihrem Geschäftsführer Candan Ögütcü, der Stefan bei seinem Besuch begleitete, hatte das LaGeSo zwar die Finanzierung von 2,5 Stellen zugesagt, doch faktisch übernehmen Vereine und Initiativen unbezahlt die Arbeit des Staates. Bis zu 60 Ehrenamtliche realisieren den Alltag von Essenausgabe über die Kleiderkammer bis zur Kinderbetreuung. Theoretisch stehen dem Betreiber pro Flüchtling und Tag zehn Euro zur Verfügung, doch dieses Geld wird offenbar weder pünktlich noch vollständig vom LaGeSo überwiesen. Das Behördenkürzel gilt längst Synonym für einen überforderten Senat.

Zelten in der Turnhalle Im Gespräch mit Betreiber Candan Ögütcü. Gabi Kuttner

Als Pankower Bundestagsabgeordneter hat Stefan die neuen Nachbarn trotz allem herzlich willkommen geheißen und den Helfern gedankt. Sie sind das gute Gesicht Deutschlands.


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