Xenakis = pure Energie

Konzert Xenakis #4

Xenakis = pure Energie

Der Komponist Iannis Xenakis (c) Gilbert Rancy


Das letzte von drei Konzerten am 2. Oktober im Rahmen des Festival Musica in Straßburg war, wie schon die beiden davor, ganz Iannis Xenakis gewidmet. „Les Percussions de Strasbourg“, die Brüsseler Philharmonie – das flämische Orchester, der Chor des flämischen Radios, sowie der Chor des lettischen Radios – diese hochkarätige Besetzung machten den Abend zu einem der Höhepunkte des Festivals.
Gleich zu Beginn zeigten die 6 Straßburger Percussionisten , unter ihnen 2 Frauen, wie meisterlich Iannis Xenakis ihre Instrumente zu einem ganzen Konzert aufsetzen konnte. „Persephassa“ aus dem Jahre 1969 spielt auf Persephone an, die außerordentlich schöne Tochter des Zeus und der Demeter. Sie gilt als Königin der Toten. Xenakis lässt mit diesem Hintergrundwissen die Zuhörerinnen und Zuhörer in ein rhythmisches Klangspektrum eintauchen, das mit Zeit und Raum spielt. Die 6 Ausführenden waren so im Raum verteilt, dass sie das Publikum beinahe umzingelten. Dies ermöglichte ein Dolby-sourround-Hörerlebnis in Echtzeit. Besonders jene Partien, die nacheinander ident alle Percussionseinheiten durchlaufen, erzeugen beim Publikum ein dreidimensionales Hörerlebnis. Unisonoschläge klingen wie scharfe Gewehrsalven und stehen ganz im Kontrast zu Passagen, in welchen leise Glöckchenschläge die Anspannung der Hörerinnen und Hörer noch mehr erhöhen. Eine lange Generalpause nach dieser zarten Beschallung lässt Gedanken über Zeit freien Raum. Bleche, Trommeln und Pauken, Woodblocks, Glockenspiele und Sambakugeln kommen unter anderen zum Einsatz; es gibt nur wenige Rhythmusinstrumente, die Xenakis in dieser Komposition ausspart. Klangdichte und Klangfarbe verändern sich ständig, befinden sich in scharfem Kontrast zueinander oder ergänzen sich harmonisch. Am Ende dieser 35minütigen unvergesslichen Klangerfahrung steht ein Finale, in welchem alles erklingt, was nur erklingen kann. Und das im Nachhall erkennen lässt, dass die Lautstärke knapp unter der Schmerzgrenze angesiedelt war. In den Ohren dröhnte es nach, bis der Applaus ein ganz anderes Klangspektrum erzeugte.
Xenakis = pure Energie

Der Pianist Geoffrey Madge (c) Muller


Mit unverminderter Energie präsentierte sich das zweite Konzert dieses Abends, „Synaphai“, Konzert für Klavier und Orchester. Geoffrey Madge am Klavier spielte unter der Leitung von Michel Tabachnik förmlich um sein Leben. Der äußerst schwierige Klavierpart verlangt vom Interpreten nicht nur hohe Könnerschaft, sondern vor allem auch Kraft und Ausdauer. Die Schüttel- und Rüttelkadenzen in ihren gegenläufigen und parallelen Bewegungen über Minuten mit hohen Tondichten einzuhalten, kommt einem mittleren Training in einer Kraftkammer gleich. Der aus Australien stammende Pianist arbeitete lange Zeit mit Xenakis persönlich zusammen, was eine dementsprechende Authentizität in der Wiedergabe gewährleistet. In langen Partien fügt sich das Klavier wie ganz natürlich in die Klangphänomene der Orchesters ein, ja geht in ihnen teilweise unter, dann wieder erhält es einen herausragenden, virtuosen Part. Xenakis = pure Energie

Der Chor des flämischen Radios (c) Bjorn Tagamose

Michel Tabachnik am Pult, der von Xenakis als einer seiner Lieblingsinterpreten angesehen wurde, war in allen Konzerten dieses Abends ein herausragender Dirigent. Seine genauen Einsätze, gepaart mit einer schier überflutenden Energie entsprach 1:1 den Werken. Klangwolken, ein Brausen und Wogen, nachvollziehbare und unerklärliche Kompositionselemente ließen Synaphai zu einem Erlebnis werden.

Mit Metastaseis und Cendrées, den beiden Werken, die nach der Pause folgten, war der Abend gespickt mit jenen Stücken, die das Programmheft als emblematisch für Xenakis ankündigten. Metastaseis ist ein überbordendes Werk, in welchem keiner der Musiker den gleichen Part wie ein anderer spielt. Eine hypertrophe, undurchdringbare und undurchschaubare Klangwelt mit Ballungen und Wolken, die nur durch ein Streichquartett akzentuiert werden, welches schließlich wieder von allen anderen Instrumenten aufgenommen und selbst interpretiert wird. Das Stück gilt als Xenakis` erstes Orchesterwerk und ist für seine sonstigen Verhältnisse mit 7 Minuten eher kurz.

Cendrées hingegen, ein Werk für Orchester und Chor, welches den Abschluss dieses Abends und Xenakistages bildete, hat mit 25 Minuten Aufführungslänge wieder jene Dimension, die der klanglichen in nichts nachsteht. Nach den für Xenakis so typischen aufsteigenden Glissandi in den Geigen und dem Abfall in den Celli setzen vereinzelt zuerst die Stimmen des Chores ein. Schon nach kurzer Zeit ist klar: nicht die menschliche Stimme an sich ist es, die Xenakis hier bemüht. Vielmehr fasst er sie als etwas Anderes, ja fast Entpersonifiziertes auf,das einen gleichwertigen Gegenpart zum Orchester bildet. Es gibt keinerlei melodische Anhaltspunkte, was für die Sängerinnen und Sänger eine immense Schwierigkeit darstellt. Alle sind mit Stimmgabeln ausgestattet um, individuell nach Bedarf, sich während der Aufführung den korrekten Einsatz der Tonhöhe selbst geben zu können. Klangwogen unbestimmten Ausmaßes, auch sie für den Komponisten so typisch, sorgen für den Eindruck einer „abstrakten“ Musik. Auf das Solo einer Querflöte folgt unerwartet ein Duett, dem sich die anderen Bläser hinzugesellen, aber kaum glaubt man die Struktur erkannt zu haben, bricht der Chor erneut mit brachialer Klanggewalt herein. Wem es bis jetzt noch nicht klar war, dem musste es zumindest zu diesem Zeitpunkt wie Schuppen von den Augen fallen. Die musikalische Gleichung für Iannis Xenakis bedeutet pure Energie. Ins Piano gleitende Stellen werden nur dazu genutzt, um wieder Luft zu holen und um erneut und noch intensiver als zuvor Fahrt aufnehmen zu können. Eine Fahrt in einem Klanguniversum, das einzig ,im Musikgeschehen des 20. Jahrhunderts dasteht. Und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen es gehört werden kann, immer wieder aufs Neue fasziniert.

Datum der Veröffentlichung: 04 Oktober 2010
Verfasser: Michaela Preiner
In folgenden Kategorien veröffentlicht: Festival Musica 2010, Konzert

Schlagwörter: Brüsseler Philharmonie, Chor des flämischen Radios, Chor des lettischen Radios, das flämische Orchester, Festival Musica, Geoffrey Madge, Iannis Xenakis, Konzert, Les percussions de Strasbourg, Michel Tabachnik, zeitgenössische Musik

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