Wortdemonstration

Sitze. Starre. Blinzle. So kann man nicht arbeiten. SO NICHT! Da lärmt einer, ein Arbeiter, der sich auf unserem Dachboden an etwas zu schaffen macht. Steine fallen. Es poltert. Es holpert. Da stolpert der Arbeiter, während ich hier schreiben soll. Mich konzentrieren. Auf das Selbst soll man sich richten. Einen Gedanken fassen. Am Schwanz packen, den Gedanken durch den Raum, dann auf das Papier schleudern. Ich schreibe nicht auf Papier. Ich tippe. Direkt ins Gerät hinein. Bin ein Maschinendichter, ein Hau-rein-Texter, der nun, bei dem Lärm über seinem Kopf, nicht arbeiten kann. Keinen klaren Gedanken kann ich fassen. So kann ich nicht arbeiten. Der dort oben arbeitet am Dach, am Himmel, der reißt Steine aus einer Wand, die den Dachboden so uneinsehbar machte. Es geht um eine klare Sicht, die mir fehlt, weil in meinem Kopf eine Mauer thront. Mein Kopf wird von einer Mauer durchzogen. Die Mauer müsste eingerissen werden. Jetzt. Sofort. Ich könnte den Arbeiter bitten, mir beim Abtragen der Kopfmauer behilflich zu sein. Der könnte in meinen Kopf steigen, die Steine aus dem Kopf reißen, sie aus meinem Ohr werfen. Aber der Arbeiter wütet noch immer über mir, lässt keine Gedanken zu, nur Worte, die ich nun tippe, die ich hier in das virtuelle Papier packe; in Watte wird hier nichts gepackt, dies soll nur dem Abtrag meiner Wut hilfreich sein. Meine Wut will ich abtragen, will sie schichten Stein für Stein. Meine ganze Wut auf einen großen Haufen packen. Ein Wuthaufen. Ein Kothaufen. So ein Wuthaufen erinnert an einen Kothaufen. Aber das interessiert den Arbeiter droben auf dem Dachboden nicht, der Stein für Stein die Mauer abträgt, der keine Ahnung hat, nicht von mir und nicht von meinem Wuthaufen, nicht von meinen Wortsteinen, die ich nehme, die ich Ihnen hiermit um die Ohren schlage. Weh tun sollen die. Schmerzen sollen die. Wutsteine, die ich werfe, weil ich mich hier und jetzt auf meiner eigenen Demonstration befinde, die allmählich außer Kontrolle gerät, die ich auflösen muss, damit nichts Schlimmeres geschieht, ich muss Übergriffe verhindern. Ich will nicht übergreifen, nicht nach oben greifen, dem Arbeiter an die Gurgel gehen, auch will ich nicht von meinen Lesern bedroht werden. Der dort oben tut doch nur seine Arbeit, denke ich. Er arbeitet. Ich versuche es auch. Ich demonstriere. Ich demontiere. Die Worte. Die Zeit. Einfach alles. Ich entsende ein paar Streifenwagen. So geht das nicht weiter. Die Mannschaftswagen der Polizei tauchen auf. Mit quietschenden Reifen. Sie lösen mich auf. Sie lösen die Menge in meinem Kopf auf. Sie schicken die Wortmenge in meinem Kopf nach Hause. Wie? Wo? Was? Die Worte sind entrüstet. Sie beschweren sich. Wir sind doch hier zuhause, wir bleiben hier, wir wohnen hier. Ach, was für ein Unsinn, ruft einer der Polizisten, schon verhaftet er das erste Worte. Das Wort wird in Gewahrsam genommen. Das Wort muss ins Gefängnis. Das Wort, so erklärt der Polizist, kann sich hiermit als verhaftet begreifen. Nicht doch. Ich mache die Polizei auf die Arbeiten auf dem Dachboden aufmerksam. Da sei eine andere Polizei zuständig, erklärt man mir. Die Polizei setzt Tränengas ein. Ich muss weinen. Ich muss schließen. Die Worte versiegen. Die Worte rinnen die Straße hinab. Ich kann sie gar nicht mehr sehen. Sie sind fort. Ich werde auf sie warten. Hier. Sie werden kommen. Sie werden mich überfallen. Bestimmt. Die Hoffnung muss sein. Die Hoffnung muss bleiben. Der Lärm auf dem Dachboden endet. Stille.