Wie einengend ist christlicher Glaube?

(Weiter in der Besprechung von The Reason for God (Timothy Keller; Link zur dt. Übersetzung); sämtliche Artikel hier)

„Der christliche Glaube ist einengend,“ wird uns vorgeworfen. Mag sein, sagt Keller, aber jede Gemeinschaft basiert auf Regeln (meist ungeschriebenen) und Annahmen. Hilfreicher ist deshalb die Frage, was die Regeln einer bestimmten Gemeinschaft bei ihren Mitgliedern bewirken, insbesondere für den Umgang mit Leuten, die nicht zu dieser Gruppe gehören. Fördern sie Liebe und Respekt? (Offensichtlich ist das bei Christen nicht immer der Fall; das hat jedoch nicht zwingend mit dem System zu tun; zu kritisieren ist vielmehr die Art, wie solche Christen ihren Glauben umsetzen).

Insbesondere ist der christliche Glaube auch kulturell nicht einengend, sondern zeichnet sich durch hohe kulturelle Anpassungsfähigkeit aus. Der christliche Glaube kann in ganz verschiedene kulturelle Gewänder gekleidet werden (ganz im Gegensatz zu anderen Weltreligionen!). – Hier zitiert Keller den afrikanischen Theologen Lamin Sanneh, der bezeugt „that secularism with its anti-supernaturalism and individualism is much more destructive of local cultures and ‘African-ness’ than Christianity“ (S. 42).

Ferner ist sog. Entfaltungsfreiheit keine unbeschränkte Freiheit, wenn sie denn zu einem gehaltvollen Leben führen soll. Eine solche Freiheit ist nur insoweit förderlich, als sie innerhalb bestimmter Grenzen ausgelebt wird. Diese Grenzen werden durch unsere menschliche Natur im allgemeinen und unsere Persönlichkeit im besonderen gesetzt. „In many areas of life, freedom is not so much the absence of restrictions as finding the right ones, the liberating restrictions“ (S. 47). – Ein guter Pianospieler kann seine Virtuosität nur dann entfalten, wenn er sich vorher freiwillig (?!) mit viel Üben die nötigen Fertigkeiten angeeignet hat; dies wiederum erforderte viel Verzicht.

Selbst Liebe engt ein, indem sie nicht die völlige Freiheit von Regeln und Grenzen fordert. Grosse Lieber erweist sich darin, dass sie auf vieles verzichtet. (Dies gilt übrigens auch in der Beziehung zwischen Gott und Mensch).

 

[RFG]



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