Warum ist der Islamische Staat auf Karten grau?

Islamischer Staat (grau) bei Wikipedia

Der Islamische Staat (grau) bei Wikipedia

Hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier gibt es Karten mit dem aktuellen Ausbreitungsgebiet des Islamischen Staats. Die Karten sind von der Machart sehr unterschiedlich, aber sie haben eines gemeinsam: Das Gebiet des Islamischen Staats ist grau eingefärbt.

Eigentlich ist Grau ja keine traditionelle Kartenfarbe. Politische Karten sind meist quietschbunt gefärbt: grün, rosa, gelb, blau. Das Britische Weltreich war traditionell orange/rosa. Der Islamische Staat scheint nun eine neue Tradition in Grau aufzubauen.

Warum ausgerechnet grau?

Als Multiplikator diente sicherlich die Karte bei der Wikipedia. Einige der obenverlinkten Karten orientieren sich klar an der Wikipedia-Karte und übernehmen auch deren restliche Farben: hellrot für Assads Herrschaft, dunkelrot für die irakische Zentralregierung, gelb für die Kurdengebiete, grün für die syrischen Rebellen. Andere Karten scheinen unabhängig davon auf Grau gekommen zu sein.

In jedem Fall ist Grau als einzige farblose Schattierung in einer sonst bunten Karte ungewöhnlich. Warum nicht orange oder blau oder lila?

Die Kartenzeichner hatten das sicher nicht im Kopf, aber ich muss bei dem grauen Gebiet unwillkürlich an Michael Ende denken – an das „Nichts“, das das Traumreich Phantásien zerfrisst.

»Dort, wo der See war, ist jetzt gar nichts mehr – einfach gar nichts, versteht ihr?«

»Ein Loch?«, grunzte der Felsenbeißer.

»Nein, auch kein Loch«, – das Irrlicht wirkte zusehends hilfloser –, »ein Loch ist ja irgendetwas. Aber dort ist nichts.«

Die drei anderen Boten wechselten Blicke miteinander.

»Wie sieht denn das aus – huhu – dieses Nichts?«, fragte der Nachtalb.

»Das ist es ja gerade, was so schwer zu beschreiben ist«, versicherte das Irrlicht unglücklich. »Es sieht eigentlich gar nicht aus. Es ist – es ist wie – ach, es gibt kein Wort dafür!«

»Es ist«, fiel der Winzling ein, »als ob man blind wäre, wenn man auf die Stelle schaut, nicht wahr?«

Das Irrlicht starrte ihn mit offenem Mund an.

»Das ist der richtige Ausdruck!«, rief es.

Mit der grauen Fläche inmitten des quietschbunten Orients ist es genauso. Es ist, als ob man blind würde. Es gibt kein Wort dafür. Ein unheimliches Regime, das man nicht kennt und nicht versteht, das sich an keine der uns bekannten zivilisatorischen Regeln hält, das Tempel sprengt und Minderheiten ermordet, frisst sich immer tiefer ins Land hinein.

»Die Stelle wurde nach und nach immer größer. Irgendwie fehlte immer mehr von der Gegend. Die Ur-Unke Umpf, die mit ihrem Volk im Brodelbrüh-See lebte, war dann auch plötzlich einfach weg. Andere Einwohner begannen zu fliehen. Aber nach und nach fing es auch an anderen Stellen im Moder-Moor an. Manchmal war es anfangs nur ganz klein, ein Nichts, so groß wie ein Sumpfhuhn-Ei. Aber diese Stellen machten sich breit. Wenn jemand aus Versehen mit dem Fuß hineintrat, dann war auch der Fuß weg – oder die Hand – oder was eben sonst hineingeraten war. Es tut übrigens nicht weh – nur dass dem Betreffenden dann eben plötzlich ein Stück fehlt. Manche haben sich sogar absichtlich hineinfallen lassen, wenn sie dem Nichts zu nahe gekommen sind. Es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die umso stärker wird, je größer die Stelle ist. Niemand von uns konnte sich erklären, was diese schreckliche Sache sein konnte, woher sie kam und was man dagegen tun sollte.«

Den letzten Satz könnte man fast wörtlich über den Islamischen Staat sagen.

Die Kartenzeichner mögen es nicht geahnt haben: Aber mit der Wahl der Nicht-Farbe Grau für das unfassbare, unsägliche Terrorregime ist ihnen ein wirklicher Coup gelungen.


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