Kreatin gegen Krebs? Neue Forschung zeigt überraschende Effekte auf das Immunsystem

Kreatin gehört zu den bekanntesten Nahrungsergänzungsmitteln im Sport. Es unterstützt die schnelle Energiebereitstellung, kann die körperliche Leistungsfähigkeit steigern und hilft dabei, Muskelmasse und Kraft zu erhalten.

Neue Forschungsergebnisse zeigen nun eine weitere mögliche Wirkung: Kreatin könnte bestimmte Immunzellen dabei unterstützen, Krebszellen besser zu erkennen und zu bekämpfen.

Eine 2026 im Fachjournal iScience veröffentlichte Studie untersuchte, wie Kreatin sogenannte dendritische Zellen beeinflusst. Diese Immunzellen spielen eine zentrale Rolle bei der Abwehr von Tumoren. In Versuchen mit Mäusen verlangsamte Kreatin das Wachstum von Melanomen. Auch menschliche Immunzellen reagierten im Labor stärker auf Krebsantigene.

Bedeutet das, dass Kreatin gegen Krebs hilft?

Die ehrliche Antwort lautet: möglicherweise unterstützend – aber bisher nur unter experimentellen Bedingungen.

Kreatin ist mehr als ein Muskel-Supplement

Kreatin ist eine körpereigene Substanz. Der Körper stellt es vor allem in Leber und Nieren her. Zusätzlich nehmen wir Kreatin über Lebensmittel wie Fleisch und Fisch auf.

Ein großer Teil des Kreatins befindet sich in der Muskulatur. Dort hilft es, verbrauchtes Adenosintriphosphat, kurz ATP, schnell wiederherzustellen. ATP ist der wichtigste direkt verfügbare Energieträger unserer Zellen.

Das Kreatin-Phosphokreatin-System funktioniert vereinfacht wie ein kurzfristiger Energiespeicher. Muss eine Zelle innerhalb kurzer Zeit viel leisten, kann sie auf diesen Speicher zurückgreifen.

Das gilt nicht nur für Muskelzellen. Auch Gehirn- und Immunzellen benötigen große Mengen Energie, wenn sie aktiviert werden. Genau hier setzt die neue Krebsforschung an.

Dendritische Zellen: Die Alarmzentrale des Immunsystems

Dendritische Zellen gehören zu den antigenpräsentierenden Zellen. Sie suchen den Körper nach auffälligen Strukturen ab, nehmen Bestandteile von Krankheitserregern oder veränderten Zellen auf und präsentieren diese den T-Zellen.

Bei einer Krebserkrankung können dendritische Zellen Bestandteile eines Tumors erkennen. Anschließend zeigen sie den T-Zellen, gegen welche Merkmale sie vorgehen sollen.

Damit übernehmen sie eine wichtige Vermittlerrolle:

Sie erkennen verdächtige Zellbestandteile, aktivieren die passenden T-Zellen und helfen dem Immunsystem, eine gezielte Abwehrreaktion gegen den Tumor aufzubauen.

Das Problem: Das Umfeld eines Tumors ist für Immunzellen häufig ungünstig. Tumorzellen verbrauchen viele Nährstoffe und verändern ihre Umgebung so, dass Immunzellen schlechter arbeiten können. Gleichzeitig benötigt die Aktivierung dendritischer Zellen viel Energie.

Die Forscher wollten deshalb wissen, ob Kreatin diesen Zellen als zusätzlicher Energiepuffer dienen kann.

Was die neue Studie herausgefunden hat

Das Forschungsteam stellte fest, dass dendritische Zellen innerhalb von Tumoren verstärkt den Kreatintransporter SLC6A8 bildeten. Dieser Transporter ermöglicht es den Zellen, Kreatin aus ihrer Umgebung aufzunehmen.

Fehlte der Transporter, konnten die dendritischen Zellen schlechter aktiviert werden. Außerdem waren sie weniger gut dazu in der Lage, eine tumorspezifische Reaktion der T-Zellen auszulösen.

Erhielten die Zellen zusätzlich Kreatin, zeigte sich der gegenteilige Effekt. Die dendritischen Zellen wurden aktiver und konnten T-Zellen stärker stimulieren.

In einem Mausmodell mit Melanomen führte die Kreatinbehandlung zu einem langsameren Tumorwachstum. Innerhalb des Tumorgewebes fanden die Forscher zudem günstigere und aktivere Formen dendritischer Zellen.

Besonders interessant: Kreatin beeinflusste auch menschliche dendritische Zellen. Diese wurden im Labor aus menschlichen Monozyten hergestellt und anschließend mit Kreatin behandelt.

Die Zellen zeigten danach eine stärkere Aktivierung und verbesserten ihre Fähigkeit, menschliche T-Zellen gegen krebsassoziierte Antigene zu stimulieren.

Das ist ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche Übertragbarkeit. Es ist aber noch kein Beleg für eine Wirkung bei Krebspatienten. Die menschlichen Zellen wurden außerhalb des Körpers im Labor untersucht.

Wie Kreatin die Immunabwehr unterstützen könnte

Der entscheidende Mechanismus scheint in der Energiebereitstellung zu liegen.

Dendritische Zellen benötigen ATP, um Tumorantigene zu verarbeiten, Entzündungssignale auszusenden und T-Zellen zu aktivieren. Gerade im nährstoffarmen Tumorgewebe kann die Energieversorgung jedoch eingeschränkt sein.

Kreatin könnte hier wie ein Energiespeicher wirken. Über das Kreatin-Phosphokreatin-System lassen sich die ATP-Spiegel innerhalb der Immunzellen besser stabilisieren.

Die dendritischen Zellen bleiben dadurch möglicherweise länger funktionsfähig. Sie können stärkere Aktivierungssignale senden und die Immunantwort gegen den Tumor besser koordinieren.

Das bedeutet nicht, dass Kreatin Krebszellen direkt zerstört. Kreatin scheint in diesem Modell vielmehr die Zellen zu unterstützen, die eine gezielte Immunabwehr organisieren.

Auch T-Zellen könnten von Kreatin profitieren

Die neue Studie baut auf früheren Forschungsergebnissen auf.

Bereits 2019 zeigte eine Untersuchung im Journal of Experimental Medicine, dass auch CD8-T-Zellen Kreatin aufnehmen. Diese sogenannten zytotoxischen T-Zellen können infizierte und entartete Zellen direkt angreifen.

Fehlte den T-Zellen der Kreatintransporter SLC6A8, war ihre Reaktion gegen Tumoren deutlich geschwächt. Eine Kreatingabe verlangsamte dagegen in mehreren Mausmodellen das Tumorwachstum.

Besonders auffällig war die Kombination mit einer PD-1/PD-L1-Checkpoint-Blockade. Dabei ergänzten sich Kreatin und die Immuntherapie im Tiermodell. Die Forscher bezeichneten Kreatin deshalb als eine Art „molekulare Batterie“, die Energie für die Arbeit der T-Zellen bereitstellt.

Damit ergibt sich ein interessantes Gesamtbild: Kreatin könnte sowohl die Aktivierung der Immunantwort durch dendritische Zellen als auch die spätere Arbeit der krebsbekämpfenden T-Zellen unterstützen.

Kreatin und Darmkrebs: Ein weiterer möglicher Mechanismus

Eine 2025 veröffentlichte Studie untersuchte Kreatin bei Darmkrebs.

Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass die Aufnahme von Kreatin über den Transporter SLC6A8 einen Signalweg in Darmkrebszellen beeinflussen kann. Dabei wurde der ERK2-FSP1-Signalweg gehemmt.

Dieser Signalweg schützt Krebszellen normalerweise teilweise vor der sogenannten Ferroptose. Ferroptose ist eine Form des regulierten Zelltods, bei der eisenabhängige oxidative Schäden an Zellmembranen entstehen.

Durch Kreatin wurden die Krebszellen in den experimentellen Modellen anfälliger für diesen Prozess. In Mäusen verlangsamte die Kreatingabe das Wachstum von Darmtumoren und verbesserte die Wirkung einer Anti-PD-1-Behandlung.

Auch diese Ergebnisse stammen hauptsächlich aus Zell- und Tiermodellen. Sie zeigen jedoch, dass Kreatin nicht nur über Immunzellen wirken könnte. Bei bestimmten Krebsarten könnte es möglicherweise auch den Stoffwechsel der Tumorzellen beeinflussen.

Ist Kreatin damit eine neue Krebstherapie?

Nein.

Die bisherigen Ergebnisse sind präklinisch. Sie stammen überwiegend aus Zellkulturen und Mausmodellen. Es gibt bislang keinen ausreichenden Nachweis, dass eine normale Kreatineinnahme bei Menschen Tumoren verkleinert, die Überlebenszeit verlängert oder die Wirkung einer Immuntherapie verbessert.

Auch die optimale Dosierung ist vollkommen offen. Aus den experimentellen Mengen und Verabreichungsformen in Tierstudien lässt sich keine Einnahmeempfehlung für Menschen ableiten.

Die aktuellen klinischen Studien mit Kreatin bei Krebspatienten untersuchen vor allem andere Ziele. Dabei geht es beispielsweise um den Erhalt von Muskelmasse, Kraft und körperlicher Funktion während oder nach einer Krebsbehandlung. Eine direkte krebshemmende Wirkung beim Menschen ist damit bisher nicht belegt.

Sollte man bei Krebs Kreatin einnehmen?

Bei gesunden Menschen wird Kreatinmonohydrat häufig in Mengen von drei bis fünf Gramm pro Tag verwendet. Diese verbreitete Sportdosierung darf jedoch nicht automatisch auf eine bestehende Krebserkrankung übertragen werden.

Krebs ist keine einzelne Erkrankung. Tumorarten unterscheiden sich stark in ihrem Stoffwechsel, ihrer genetischen Ausstattung und ihrer Reaktion auf Therapien. Eine Substanz kann Immunzellen unterstützen und gleichzeitig je nach Tumorart andere Stoffwechselwege beeinflussen.

Hinzu kommen mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten sowie individuelle Faktoren wie Nierenfunktion, Flüssigkeitshaushalt, Gewichtsverlust oder Begleiterkrankungen.

Wer aktuell wegen Krebs behandelt wird, sollte Kreatin deshalb nicht auf Grundlage einer Tierstudie selbstständig einnehmen oder höher dosieren. Die Entscheidung gehört in die Hände des behandelnden Onkologen. Das gilt besonders während einer Chemo-, Strahlen-, Immun- oder zielgerichteten Therapie.

Kreatin ersetzt keine medizinische Krebsbehandlung.

Was die Forschung trotzdem so spannend macht

Die neue Studie erweitert unser Verständnis von Kreatin deutlich.

Kreatin ist offenbar nicht nur für Muskelleistung und Krafttraining relevant. Es könnte auch ein wichtiger Bestandteil des Energiestoffwechsels bestimmter Immunzellen sein.

Das eröffnet zwei mögliche Forschungsrichtungen.

Zum einen könnte Kreatin künftig als ergänzende Maßnahme bei bestimmten Immuntherapien untersucht werden. Zum anderen könnte es bei der Herstellung dendritischer Zellimpfstoffe eingesetzt werden, um die Zellen vor der Verabreichung leistungsfähiger zu machen.

Genau diese Fragen sollen künftig in klinischen Studien geprüft werden. Erst solche Untersuchungen können zeigen, ob die beobachteten Effekte tatsächlich zu besseren Behandlungsergebnissen bei Menschen führen.

Fazit: Vielversprechend, aber noch kein Grund für Heilversprechen

Die aktuelle Forschung zeigt, dass Kreatin möglicherweise mehrere Teile der körpereigenen Tumorabwehr unterstützen kann.

Es stabilisierte in experimentellen Modellen die Energieversorgung dendritischer Zellen, verstärkte deren Aktivierung und verbesserte die Anregung tumorspezifischer T-Zellen. Frühere Studien fanden zudem positive Effekte auf CD8-T-Zellen und Hinweise auf eine verstärkte Ferroptose bei Darmkrebs.

Das ist wissenschaftlich hochinteressant. Es bedeutet aber nicht, dass Kreatin bereits als Mittel gegen Krebs eingesetzt werden kann.

Derzeit lautet die korrekte Einordnung:

Kreatin ist kein Krebsmedikament. Es könnte sich jedoch zu einem einfachen und kostengünstigen Begleiter ausgewählter Immuntherapien entwickeln – sofern zukünftige klinische Studien die bisherigen Ergebnisse bestätigen.

Bis dahin sollte Kreatin bei einer bestehenden Krebserkrankung nur nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt werden.

Zusammenfassung

  • Kreatin könnte nicht nur Muskeln, sondern auch bestimmte Immunzellen bei der Energieversorgung unterstützen.
  • Neue Studien zeigen, dass Kreatin dendritische Zellen aktiver machen und dadurch die T-Zell-Antwort gegen Tumoren stärken kann.
  • In Tiermodellen verlangsamte Kreatin das Wachstum von Melanomen und verbesserte teilweise die Wirkung von Immuntherapien.
  • Bei Darmkrebs gibt es Hinweise, dass Kreatin zusätzlich den Zelltod von Tumorzellen fördern könnte.
  • Die bisherigen Ergebnisse stammen vor allem aus Zell- und Tierstudien. Ein Nutzen bei Krebspatienten ist noch nicht bewiesen.
  • Kreatin ist keine Krebstherapie und sollte bei einer bestehenden Krebserkrankung nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Onkologen eingesetzt werden.

Wissenschaftliche Quellen

Gesundheitlicher Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Besprich gesundheitliche Beschwerden, Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer anderen qualifizierten Fachperson.


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