von Trottelburg galore – Ninja-Anna (Teil 4)

Wir fassen die missliche Situation einmal kurz zusammen: ich lag bewegungsunfähig auf dem Boden der Einleitung, nachdem Elard mir eine hübsche Dosis Succinylcholin verabreicht hatte. Um mich herum waren dem Geräuschpegel nach mindestens fünf Personen: zwei Chirurgen, Lisa, eine OP-Schwester und die Person, die mich lieblos beatmete, und die von mir zweifelsfrei als Dr. Ungut identifiziert worden war. Also, schlimmer kann es eigentlich gar nicht kommen. Dachte ich. Nach einigen Manipulationen hatte es sogar der Ungut geschafft, mir die Maske vernünftig aufzusetzen, und ich bekam wieder etwas Luft und damit leider auch meinen Verstand wieder zurück, der mir das Ausmaß meiner unglücklichen Situation vollends vor Augen führte. Gedanklich, versteht sich, öffnen konnte ich sie ja nicht. Schließlich spürte ich, wie mit meinem Arm hantiert wurde. Dem Brennen nach zu urteilen spritzte man mir gerade Propofol. Dankbar schlief ich ein…

Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Auwachraum. Meine OP-Klamotten hatte man aufgeschnitten und mir dafür ein hübsches Flügelhemd angezogen. Meine Unterwäsche hatte man mir freundlicherweise angelassen, und erleichtert stellte ich fest, dass ich eine farblich stimmige Kombination trug. Ich wollte gar nicht wissen, wer alles meinen yogagestählten Luxuskörper zu sehen bekommen hatte. In meiner Nase steckte eine Sauerstoffsonde, welche ich sofort hektisch entfernte. Zudem musste ich feststellen, dass man mich komplett angekabelt hatte. Ich tastete an meinen Hals, um sicherzugehen, dass der Ungut nicht gleich auch noch einen ZVK gelegt hat. Hatte er nicht, muss wohl Lisa interveniert haben. Zielsicher griff ich hinter mich, wo tatsächlich ein Narkoseprotokoll lag. Ungläubig stellte ich fest, dass seit  dem unglücklichen Ereignis bereits zwei Stunden vergangen waren. Als ich das Protokoll genauer ansah konnte ich auch sehen, warum. Man hatte mir 200 mg Propofol und sportliche 0,4 mg Fentanyl gespritzt. Man war wohl in Sorge, ich könnte aspirieren, jedenfalls hatte man mich hiernach gleich intubiert. Mit einem 7,5er Tubus. Ich hatte gleich mal Halsschmerzen. Aber die Kopfschmerzen waren weg, stellte ich erleichtert fest. Entsprechend lange habe ich auch gepennt, die Extubation gelang erst 45 Minuten später. Hat sich der Ungut mal wieder in der Dosierung vergriffen, wäre ja nicht das erste Mal. Die Narkose wurde über eine TIVA mit Propofol aufrecht erhalten. Mit wurde ganz anders bei dem Gedanken, dass der Ungut mich intubiert hat. Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken. Neben mir saß – was von mir bis dato gar nicht bemerkt worden war – eine Gestalt. Die Gestalt sagte: “Hallo.” Die Gestalt hatte wüste Dreadlocks und trug einen weißen Kittel. Ich schrie auf. Es war Shanti.
“Ich werde dir helfen.” sagte Shanti.
“Bitte nicht.” sagte ich.
“Du bist traumatisiert.” sagte er feierlich.
“Jetzt schon.” bemerkte ich. “Was tust du hier?”
Er sah mich überrascht an. “Ich bin Psychologe. Wusstest du das nicht? Ich arbeite hier in der Psychiatrie.”
Ich starrte ihn entgeistert an: “Natürlich wusste ich das nicht. Du hast ja nie ein Wort davon gesagt. Außerdem betreibst du doch diese Erleuchtungs-Scheiße.”
Er sah etwas gekränkt aus. “Ich habe eine 25%-Stelle. Ich arbeite zwei Vormittage pro Woche. Sozialversicherungstechnisch und so, weißt du. Der Laden wirft ja nicht ganz so viel ab.”
An dieser Stelle eine kleine Info für den interessierten Leser: Ein Psychologe ist nicht dasselbe wie ein Psychiater. Ein Psychiater ist Arzt. Er hat Medizin studiert. Ein Psychologe hat Psychologie studiert. Er  verschreibt keine Medikamente. Er kann in verschiedenen Bereichen arbeiten. Die Psychiatrie ist nur ein Teil davon. Hier arbeitet er neben dem Psychiater am Patienten. Es gibt dabei auch Überschneidungspunkte, aber generell ist der Ansatz und der Aufgabenbereich ein völlig anderer.
“Ich denke, du bist erleuchtet.” fügte ich sarkastisch hinzu.
“Erleuchtung bezahlt aber nicht meine Miete.”
“Und was willst du jetzt von mir?”
“Nun, man hat mich geschickt, damit ich mit dir rede.”
“Reden?” fragte ich konsterniert. “Der Typ hat mich fast umgebracht, und du willst REDEN? Worüber denn?” Dabei fiel ein Blick auf sein Namensschild. Darauf stand tatsächlich “Shanti – Psychologe”.
“Du, deine Reaktion ist völlig normal. Du bist traumatisiert. Da müssen wir drüber reden.”
“Hör mir mit diesem Sozio-Gequatsche auf.” Die Wertschätzung meines Arbeitgebers mir gegenüber schien nicht sonderlich hoch zu sein, wenn man mir ernsthaft Shanti ans Bett schickte.
“Du solltest dich entspannen, wir werden ein paar Mantren singen. Sing mir einfach nach: Loka Samasta Sukhino Bhavantu…”
“Hilfe, HILFE” rief  ich.
“Was ist denn?” Sven trat an mein Bett. Er war der zuständige Pfleger für den Aufwachraum.
“Er singt.” Ich zeigte auf Shanti. Sven zuckte mit den Schultern. “Wo sind meine Sachen? Sven zeigte auf eine Plastiktüte unter dem Kopfkissen. Sie hatten meine OP-Kappe, meinen Schlüssel und mein Handy wie forensisches Beweismaterial in eine durchsichtige Plastiktüte gestopft! Während Shanti mit einem verzückten Ausdruck auf dem Gesicht weiter Mantren rezitierte, kabelte ich mich hektisch ab.
“Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?” fragte Sven. Ich war währenddessen aus dem Bett gesprungen und  stand jetzt einem Racheengel gleich vor ihm. Im Flügelhemd. Passte ja irgendwie. “Der Ungut erzählt übrigens im ganzen OP rum, wie er dich gerettet hat.” Ich seufzte. Dann reckte ich Sven meine Faust ins Gesicht.
“Egal, ich habe da noch was zu klären.” erklärte ich, wobei ich hektisch mit meiner Faust vor Svens Gesicht hin und her wedelte. Er zuckte erneut mit den Schultern und wandte sich ab. Sven gehört jetzt eher zu der entspannten Sorte. Begleitet von Shantis Gesang marschierte ich noch etwas unsicheren Schrittes geradewegs aus dem Aufwachraum und zurück in die Umkleide. Barfuss und im modischen Flügelhemd. In der Umkleide setzte ich meine Kappe wieder auf, die aufgrund ihres Designs von meinen Kollegen gerne als “der Ninja-Hut” bezeichnet wurde. Ich sah damit eher aus wie ein japanischer Sushi-Koch, als ein Ninja, aber ich fand mich todschick und dem Anlass angemessen. Ich warf das Flügelhemd in den Müll und zog wieder grüne OP-Kleidung an. Ich kochte. Ich würde mir Elard vorknöpfen. So oder so. Im OP-Trakt wäre ich fast mit Felix vom Reinigungspersonal zusammengestoßen, der einen Putzwagen über den Gang schob. ”Aus dem Weg!” rief ich.
“Ah, Anna. Wieder fit?” fragte er, blöd grinsend.
“Was geht dich das an?” giftete ich zurück. Er hob abwehrend die Hände. ”He, ich frag ja nur. War ja eine sehr missliche Lage, in die du da geraten bist. Aber wenigstens hattest zu eine passende Unterwäschenkombi an. Ich sag zu meiner Frau auch immer: Man sollte immer schöne Unterwäsche tragen, man weiß ja nie, in welche Situationen man so untertags noch kommen kann…” er fand sich unglaublich komisch und lachte dreckig vor sich hin. Meine Faust spürte den Drang, die Stärke seines Unterkiefers zu prüfen, aber dann kam mir eine bessere Idee.

“Ich brauch das mal.” sagte ich und griff seinen Wischmop aus der Verankerung. Diese Waffe war besser als gar keine. Unter Felix’ lautem Protest rannte ich mit Wischmop in der Hand weiter in Richtung meines Saals.
“Wo ist er?” brüllte ich, Wischmop schwingend, in die Einleitung. Lisa und der Gashahn, die gerade zusammen einleiteten, sahen mich mit große Augen an. “Beim Chef.” sagte Lisa schließlich, wofür sie einen Stoß in die Rippen vom Gashahn erntete. Wortlos stürmte ich aus der Einleitung und rannte so wie ich war aus dem OP-Trakt in Richtung Chefs Büro. Die Sekretärin machte nur einen sehr halbherzigen Versuch, mich und den Wischmop aufzuhalten, und so riss ich kurze Zeit später ohne Anzuklopfen die Tür zu Chefs Zimmer auf.
“Du….!” schrie ich, als ich Elard dort vor Cheffes Schreibtisch sitzen sah und richtete drohend den Wischmop auf ihn. Der Chef hob ob meines etwas befremdlichen Auftritts dezent die Augenbrauen. Neben Elard saßen noch zwei Personen im Golfoutfit. Den einen identifizierte ich als den Klinikdirektor, der andere musste somit Elards Vater sein.
“Anna.” sagte der Chef mit lauter Stimme. “Wie schön, dass es Ihnen augenscheinlich wieder gut geht. Nehmen sie sofort den Wischmop runter und diese lächerliche Kappe ab.” Ich blitzte ihn böse an und machte keine Anstalten, mich zu bewegen. “Oder ich werde einmal kritisch nachfragen, warum meine Mitarbeiter sich während der Arbeitszeit 20er Viggos legen lassen.” setzt er nach und zeigte auf mein Handgelenk, in dem noch immer die rosa Nadel steckte. “Vielleicht ist mir da was entgangen, aber zu meiner Zeit hat man sich mit Migräne krank schreiben lassen und sich nicht den halben Bestand unseres Medikamentenschranks injiziert!” Er blickte mich scharf an. Der saß. Ich stellte den Wischmop in die Ecke und setzte mich leise auf den letzten verbliebenen Stuhl. Die Kappe ließ ich in einem letzten Ausbruch zivilen Ungehorsams auf.

Die Verhandlungen zogen sich über mehrere Stunden hin, aber schließlich wurde man sich einig. Elard sollte sich “freiwillig” zu einem mehrwöchigen Aufenthalt in die Psychiatrie im Haus begeben. Fand ich irgendwie gut. Ich regte an, man solle ihm Shanti als Therapeuten zuweisen. Mehr Strafe geht eigentlich nicht. Elards Vater sicherte mir zu, dass Elard niemals seine Approbation erlangen würde, und dass man eine Stelle in Herrn von Teutelsburgs Firma für ihn finden würde, auf der er keinen Schaden anrichten könne. Im Gegenzug sah ich von einer Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung ab. Ich erwähnte noch die Worte “Facharztrepititorium”, “Seychellen” und “5-Sterne-Hotel”. Fand der Klinikdirektor auch gut und unbedingt notwendig, der Chef sowieso und Herr von Teutelsberg sagte noch:  ”Flug 1. Klasse.” Das wiederum fand ich sehr gut. Cheffe erwähnte beiläufig, dass man die ganzen Narkosegeräte im Op gerne gegen die neuste Generation austauschen würde… fand der Klinikdirektor auf einmal auch enorm wichtig und sicherte schnell die finanziellen Mittel zu.

Ich rief umgehend in der Psychiatrie an, sie sollten uns Shanti schicken, damit der Elard auf die geschlossene Station geleitete, was dieser auch umgehend tat. Ich hörte ihn schon auf dem Gang mit Elard Mantren rezitieren. Elard nahm das Ganze mit stoischer Gelassenheit hin, sein Vater deutete an, es sei nicht sein erster Besuch in einem solchen Etablissement. Ich nahm freudig den Wischmop, um ihn zu retournieren, als mich der Chef am Schlafittchen packte, um mir die Leviten zu lesen. Das fiel allerdings eher halbherzig aus, schließlich war er für meinen körperlichen Einsatz ja reichlich entlohnt worden.

Ich ließ mir also noch schnell die Viggo entfernen und ging dann pfeifend nach Hause. Schließlich hatte ich ja Migräne.

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch, ein schönes Silvester (haltet Euch von Ketanest und Succinylcholin fern, ich sag’s ja nur) und danke Euch an dieser Stelle für all die witzigen Kommentare und Anregungen zu meinen Blogbeiträgen, die ich sehr zu schätzen weiß, auch wenn ich leider eher selten auf einzelne Kommentare reagiere. Das heißt aber nicht, dass ich nicht jeden Kommentar genauestens lese und mich darüber freue. Ich hoffe, Ihr haltet mir auch im nächsten Jahr die Treue!

Alles Liebe,

Eure Anna.


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