Von Startup-Krautern lernen

Crowdfunfing ist in. Ich habe auch schon mehrfach gesponsort, gefundet, gespendet. Es ist einfach schön, motivierten Menschen unkompliziert ein bisschen helfen zu können - wenn mich die Idee begeistert.

So war es auch bei den Krautreportern. Ihre Vision hat mir in Zeiten des hypebasierten Einheitsjournalismus und der undurchsichtigen Verbindungen zwischen Medienmachern und Institutionen angesprochen:

Krautreporter ist ein tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten. Werbefrei, gemacht für das Internet, gegründet von seinen Lesern.

Jeden Tag mit vier ausführlichen, möglichst multimedialen Beiträgen von tollen Autoren. Emotional, relevant, journalistisch. In enger Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern. Auf einer modernen, leicht zu bedienenden Seite.

Das war kurz vor Kampagnenschluss im Juni 2014.

Also habe ich gesponsort - und das Kampagnenziel wurde erreicht. Naja, nicht allein durch meinen Sponsorenbeitrag ;-), aber ein kleinwenig habe auch ich dazu beigetragen. Das war ein schönes Gefühl. Und ich habe mich gefreut, bald engagierten, ehrlichen Journalismus zu genießen.

Doch seitdem... nichts. Oder fast nichts. Knapp eine Woche nach Fundingschluss schreiben die Krautreporter in ihrem Blog nämlich etwas. Nur was?

image

Man kann es nicht lesen. Es ist mit einem Passwort geschützt. WTF!

Außerdem erreicht die Email mit dem Passwort nicht alle Unterstützer. WTF!

Wenn man dann jedoch irgendwann den Zugang zu diesem "Geheimpapier" hat, dann liest man da von einem Plan. Der enthält wiederum einen Plan, nämlich für eine Software. Und noch einen Plan, einen Redaktionsplan. Und man liest von Verträgen die abzuschließen sind, einer Genossenschaft, die zu gründen ist, Büros die zu suchen sind usw. Lesernutzenstifend ist das alles nicht. WTF!

Wahrlich top secret Informationen. Gut, dass man das passwortgeschützt ins Web stellt und das Passwort eher nur auf Nachfrage mitteilt.

Dann im Juli aber ein nächstes Lebenszeichen. Dieses Mal ein öffentliches. Auch schön.

image

Aha, mit Hochdruck wird gearbeitet. Weiterhin natürlich im Verborgenen. Kenne ich irgendwoher solche Aussage. Ein Muster der Softwareentwicklung abgeschaut, scheint es ;-) Dazu noch ein Versprechen: Eine exklusive Beta-Phase für Mitglieder (dazu zähle ich auch mich als Sponsor) ab September 2014.

Nun ist es jedoch schon fast Oktober. Von einer Beta-Phase habe ich bisher nichts gehört. Auch berichtet das Blog seit Juli nichts mehr über den Fortgang der Hochdruckarbeit. WTF!

So nicht!

Leute, das macht keinen Spaß. So funktioniert doch keine Gründung im Jahr 2014. Haben die Krautreporter in den letzten Jahren soviel schreiben müssen, dass sie keine Zeit zum Lesen hatten? Zum Beispiel Bücher wie Lean Startup oder Kopf schlägt Kapital oder ReWork?

Eine Idee mit Crowdfunding statt über Banken zu finanzieren, ist ein erster Schritt in die digitale Welt. Schön, dass Journalisten sich das trauen.

Aber es gehört schon etwas mehr dazu, um auch in der digitalen Welt dann anzukommen. Wer es geschafft hat, Vertrauen aufzubauen und auch noch Geld einzusammeln, der darf sich nicht zurücklehnen und meinen, damit sei dem 21. Jahrhundert Genüge getan.

Wie gewonnen, so zerronnen - das gilt ganz besonders für Vertrauen. Umso mehr, als dass die versprochene Dienstleistung selbst mit Vertrauen zu tun hat.

Mein Vertrauen jedenfalls ist im Grunde verschwunden. Wie denn auch nicht? Was habe ich bekommen für mein Geld? Nichts. Unregelmäßige Blogbeiträge ohne Relevanz, dazu nicht eingehaltene Versprechen. WTF!

Das ist das Gegenteil von dem Journalismus, den die Krautreporter versprochen haben.

Aber so!

Ich will nicht zuviel spekulieren, doch es drängt sich mir der Verdacht auf: Selbst die motiviertesten Journalisten "alter Schule" stecken so tief im traditionellen journalistischen System, dass sie es schwer haben, sich modern zu bewegen.

Ihre Sorgfalt im Journalismus, ihre Liebe zur Recherche, zum Detail... das passt womöglich nicht zu dem, was der Markt draußen eben auch erwartet: Transparenz und Geschwindigkeit.

Transparenz

Guter Journalismus enthüllt. Nur sollten die Krautreporter das auch auf sich selbst beziehen. Was soll eine geheime Blogbotschaft? Was ich als Sponsor oder auch nur Interessierter möchte, das ist Offenheit, Ehrlichkeit. Kontinuierlich. Proaktiv. Über das, was bei den Krautreportern passiert.

Dafür gibt es Blogs, dafür gibt es Twitter, Facebook, Newsletter. Insbesondere in Phasen, wenn womöglich tatsächlich noch nicht der primäre Nutzen (hier: Artikel) geliefert wird.

Sobald die Produktion begonnen hat, urteile ich anhand der Produkte. Vorher möchte ich heutzutage und insbesondere, wenn da jemand die Crowd bemüht, auf dem Laufenden darüber gehalten werden, wie sich der Fortschritt auf dem Weg zur Produktion gestaltet.

Wo ist die Enthüllung der Krautreporter? Warum gibt es keinen Hintergrundbericht über das Geschäftsmodell, das Eigentumsmodell, die Arbeitsweise? Wo ist die Home Story - oder besser: Office Story - über die Redaktion? Wann gibt es eine Reportage über die Entwicklung einer zeitgemäßen Redaktion? Natürlich in zeitmäßer Form: live! Mit Foto, Video, Tonaufnahme, Text in Kombination.

Das ist doch kein technisches Hexenwerk. Dazu reicht ein Blog. Das gibt es schon. Oder auch noch ein Newsletter gelegentlich. Den gibt es auch schon. (Sagt man, denn erhalten habe ich noch keinen.)

Aber nein. Die Journalisten geben sich intransparent und technisch unwillig bis inkompetent. WTF!

Transparenz schafft und erhält Vertrauen. Wer Geld eingesammelt hat (oder noch etwas dazuverdienen möchte), tut gut daran, den Vertrauensaufbau nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Krautreporter sind dafür leider kein gutes Beispiel.

Ein viel besseres ist Circuit Scribe. Die Idee dort: Elektronische Schaltkreise mit einem Stift auf Papier malen.

image

So ein Produkt marktreif zu entwickeln, dauert natürlich. Es war also nicht zu erwarten, dass nach Kampagnenende bald der Stift schon im Postkasten landet.

Aber Circuit Scribe hat angesichts dessen zeitgemäß gehandelt: Rund alle 14 Tage gibt es ein Update zum Fortschritt. Bisher sind es 28 in knapp 11 Monaten. Das ist Transparenz. Das ist Kommunikation, die Vertrauen aufbaut und erhält. Da behalte ich den Spaß an meinem Sponsorenbeitrag.

Geschwindigkeit

Transparenz ist gut. Doch über alle Transparenz sollte man nicht die Lieferung vergessen. Auch und gerade, wenn man noch nicht 100% sicher sein kann, was eigentlich geliefert werden soll. Das ist bei Software der Fall, das ist aber auch bei den Krautreportern der Fall.

Klar, man startet mit einer Idee. Die hat auch genügend Sponsoren motiviert. Wunderbar. Nur ist die bisher schwammig. Es gibt keinen Prototypen. Es gibt... nichts außer Versprechen.

Weder dient das dem Vertrauenserhalt, noch ist das nützlich für den Leser, und Feedback wird so auch nicht generiert.

Wenn es eine Lehre aus der Agilitätsbewegung oder dem Lean Startup gibt, dann ist es: Liefere in Iterationen. Generiere Feedback. Lerne schnell.

Dieser zentralen Lehre für Unternehmen in Märkten, wo unklar ist, was eigentlich wirklich, wirklich gesucht, gebraucht wird, widersprechen die Krautreporter.

Nicht nur sind sie intransparent, sie haben auch noch keine Kostprobe ihres Könnens geliefert.

Das verstehe ich nicht. Es handelt sich um kein materielles Gut. Wenn Ciruit Scribe Anlaufzeit braucht, wenn Bonnaverde nicht sofort liefern kann, wenn Solar Roadways nicht im Wochenrhythmus Nützliches an jeden Sponsor versendet, dann ist das alles mehr als verständlich.

Aber Krautreporter wie Softwareentwickler können und sollten so schnell wie möglich und so häufig wie möglich liefern. Kleine, feine Inkremente, zu denen die Nutzer Feedback geben können.

Die Krautreporter wollen ja einen digitalen Dienst aufbauen. Dann sollten sie auch die Vorteile der Digitalität nutzen.

Als Sponsor interessiert mich gerade bei dieser Art Produkt nicht, ob es ein Büro gibt, ob schon die perfekte Redaktionssoftware oder der perfekte Website gebaut ist, ob man genossenschaftlich organisiert ist und dergleichen mehr.

Das ist alles nice to have - wenn das Produkt stimmt. Nichts davon ist nämlich eine Bedingung für die Möglichkeit, den versprochenen Qualitätsjournalismus zu liefern.

Wenn am Ende jeden Tag geliefert werden soll, dann erwarte ich natürlich nicht, dass das in Form und Frequenz schon kurz nach Kampagnenende der Fall ist. Aber warum nicht jede Woche ein Artikel? Das müssen keine zehnseitigen Reportagen sein. Sogar work-in-progress würde ich womöglich nehmen. Ganz modern: Nicht immer alles nur in ultimativer Form perfekt am Ende dermaleinst ausliefern wollen, sondern dem Cult of Done folgen. Accept that everything is a draft! Laugh at perfection!

Warum stehen im Blog nicht schon Artikel? Achso, weil man ja nicht für alle Welt transparent sein will. Warum dann aber nicht einen eigenen Newsletter einrichten, mit dem ab und an schon erste Werke verschickt werden? Die können in HTML gesetzt sein. Oder man bietet einen Link zum Download eines perfekt gesetzten PDF an. Oder man macht es gleich digital lesefreundlich und veröffentlicht ePub/mobi Dateien. Achso, da fehlt dann ja noch die essenzielle Kommentarfunktion für die Leser? WTF!

Ist doch egal, wenn es nicht perfekt ist. So ist das bei Experimenten und in der Übergangsphase. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Annäherung. Progress over completion sagt dazu das Elastische Manifest. Und reactivity over commitment.

Oder, achso, liegt es vielleicht daran, dass man erst überhaupt mit der Arbeit beginnen wollte, wenn das Fundingziel erreicht wurde? Hm... das wäre schade. Wer keine Vorleistung bringen will, wer nicht geben, aber nehmen will... der macht den Vertrauensaufbau schwer. Geschenke erhalten nicht nur, sondern stiften auch Freundschaft.

Doch auch wenn die Arbeit an Qualitätsartikeln erst nach erfolgreichem Funding begonnen hätte, sollte doch schon das eine andere Ergebnis bis heute zu sehen sein. Nicht jeder Qualitätsartikel braucht doch 3 Monate Arbeit. Das glaube und erwarte ich nicht.

Nun gut: Was die Krautreporter irgendwann mal wirklich als ihr ultimatives Produkt liefern... Wer weiß das schon? Das muss keiner dort wissen. Nein, ich möchte sogar, dass keiner dort meint, dass man das schon wisse. Denn da hätte ich meine Zweifel, dass man der Kraut wirklich zuhörte. Konstant.

Das Produkt der Krautreporter muss sich entwickeln. Vor und in den Augen der Nutzer. So ist das in digitalen Zeiten. Dazu passt aber weder Intransparenz noch Langsamkeit.

Fazit

Aus Fehlern kann man lernen. Schade, dass es gerade ein Projekt ist, das ich gesponsort habe, das nun Fehler macht. Aber so ist das halt mit Investitionen. Nicht alle tragen die Früchte, die man sich erwünscht. Deshalb Investitionen streuen.

In puncto Journalismus setze ich daher nicht nur auf die Krautreporter. Ich "sponsore" auch impulse, agora42, Hohe Luft, die Zeit und brand eins.

Das sind Publikationen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Ich lese sie, solage sie mir Nutzen bieten. Die Bezahlmodelle sind flexibel genug, dass ich mich frei fühle, ultimatives Feedback durch Kündigung zu geben. Bisher stimmen die Inhalte aber. Also bin ich auch bereit, zu zahlen. Gute Arbeit darf etwas kosten. Die von anderen wie meine.

Dafür möchte ich aber auch, dass man liefert. impulse & Co tun das schon. Die Krautreporter zieren sich noch. Zu lange für meinen Geschmack.

Dass die Menschen dahinter motiviert sind, glaube ich gern. Ich ärgere mich auch nicht über mein Sponsoring. Doch das Ergebnis bleibt mager. Vielleicht können wir ja aber etwas daraus lernen und es besser machen, wenn die Reihe an uns ist, etwas Neues in die Welt zu bringen. Es braucht Transparenz und Geschwindigkeit, um Vertrauen nicht zu verspielen. Hier am eigenen Leib zu erfahren als Kunde des Journalismus. Im Projekt als Lieferant von Software zu beherzigen gegenüber dem Kunden.