Visuelle Bildgewalt in Christopher Nolans DUNKIRK

Eine Gruppe von Soldaten marschiert durch die Straßen der kleinen französischen Küstenstadt Dünkirchen, weg von der Kamera. Sie sind umgeben von durch die Luft flatternden Flugblättern, die aus deutschen Flugzeugen geworfen als Warnung fungieren sollen, sich entweder zu ergeben oder zu sterben. Nur einen kurzen Moment später lebt nur noch einer der Soldaten, Tommy (Fionn Whitehead), der sich zum Strand durchschlägt. Schon diese erste Szene in Christopher Nolans Dunkirk zeigt, wie überaus visuell-stark er sein Survival-Drama – nicht unbedingt Kriegsfilm – inszeniert hat.

Dunkirk erzählt von der Evakuierung britischer Soldaten, die im Spät-Mai und frühen Juni 1940, also mitten im Zweiten Weltkrieg, am Strand von Dünkirchen in Frankreich festgesetzt wurden, während die deutschen Streitmächte sich für einen letzten Vernichtungsschlag näherten.

In Lone Scherfigs 2017er Film Ihre beste Stunde wird parallel von einer weiblichen Filmemacherin erzählt, die für das britische Informationsministerium einen die Moral der Bevölkerung hebenden Propagandafilm über die Dünkirchen-Evakuierung inszenieren soll, während Die dunkelste Stunde von Joe Wright in 2018 von dem politischen Treiben um den damaligen britischen Premierminister Winston Churchill während den Ereignissen von Dünkirchen handelt. Binnen einer kurzen Zeitspanne ist eine Dunkirk-Trilogie entstanden, die ein wunderbares Triple-Feature abgibt, zugleich aber auch sehr unterschiedliche Filmstile präsentiert. Nolans Dunkirk ist dabei sicherlich der technisch ausgereifteste und beeindruckendste Beitrag – wenn man einmal von Gary Oldmans Fat-Suit-Performance als Churchill absieht.

Visuelle Bildgewalt in Christopher Nolans DUNKIRK

Dunkirk

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Kenneth Branagh in DUNKIRK.

In Dunkirk ist es Kenneth Branaghs Commander Bolton, dem die wichtigste Rolle zufällt. Er ist dafür verantwortlich, dem Film seine wenigen emotionalen Momente zu geben. Allein in Branaghs Gesicht spiegelt sich die menschliche Angst und der Horror wieder, wenn er seinen Männern beim sterben zusehen muss oder genau weiß, dass sie sich kurz vor dem Tod befinden, wenn die schrillen Schreie der dröhnenden deutschen Flugzeuge näher kommen. Es ist aber auch sein Lächeln, dass Hoffnung spendet, wenn er durch ein Fernglas schaut und die herankommenden zivilen Boote erblickt, mit denen die Soldaten von dem Strand gerettet werden sollen.

Bei Branagh laufen die drei Handlungsstränge von Dunkirk zusammen, die zuvor in unterschiedlichen Zeit-Perspektiven erzählt werden. In “The Mole” erleben wir eine Woche am Hafendamm, wo sich unter Navy Commander Bolton (Branagh) die Soldaten sammeln, die an den Strand getrieben wurden. In “The Sea” begleiten wir den Bootskapitän Mr. Dawson (Mark Rylance) einen Tag lang auf seinem kleinen Schiff, das er mit seinem Sohn (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund (Barry Keoghan) sowie einem aus dem Wasser gefischten Soldaten (Cillian Murphy) in Richtung Dünkirchen-Strand steuert. Und in “The Air” ist es eine Stunde lang an dem Royal Air Force Piloten Farrier (Tom Hardy) die feindlichen Flieger abzuschießen und so seine Verbündeten am Strand und auf dem Meer vor Angriffen zu beschützen.

Aber eigentlich zeigt sich Christopher Nolan relativ uninteressiert an seinen Figuren, er hat aus Dunkirk keine Charakterstudien zu Kriegszeiten gemacht, sondern ein kollektives Gefühl der Verzweiflung eingefangen. Es geht nicht um das Gefühlsleben eines in die Enge getriebenen Commanders, eines Mannes allein in den Lüften oder den patriotischen Willen eines Bootskapitäns. Es geht mehr um die dramatische Situation, in der sie alle gleichermaßen stecken und sie alle ihren eigenen Teil dazu beitragen wollen, sich den deutschen Nazi-Mächten entgegen zu stellen – oder vielmehr: ihnen zu entfliehen.

Damit entfernt sich Christopher Nolan von einem Filmemacher wie Steven Spielberg, der in seinen Kriegsfilmen – die oftmals auch recht unkriegerisch daherkommen – auf eine emotionale Personalisierung aus ist. In Der Soldat James Ryan oder Schindlers Liste wird der Krieg emotional dramatisiert. Man nehme nur den roten Mantel des kleinen Mädchens in Schindlers Liste, der unser Herz schmerzen lässt.

Visuelle Bildgewalt in Christopher Nolans DUNKIRK

Dunkirk

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Tom Hardy in DUNKIRK.

Nolan aber setzt nur einmal ganz kurz auf eine solche Emotionalisierung – wenn die Privatboote einer ganzen Schar von Männern am Strand von Dünkirchen einlaufen. Ansonsten aber bietet er uns eher einen Bild- und Ton-Orgasmus von einem technisch beeindruckenden Film. Kameramann Hoyte van Hoytema – mit dem Nolan bereits in Interstellar zusammen arbeitete – kreiert unfassbar schöne Einstellungen, vor allem wenn wir bei Tom Hardy in den Lüften sind. Wir bekommen Flieger-Manöver vor einem sich drehenden Horizont zu sehen, wie sie kaum schöner und klarer eingefangen werden könnten.

Am Strand erzeugt Hoytema derweil eine bedrohliche Angst-Atmosphäre. Im klaren Fokus liegt der gerade aus der Stadt geflüchtete Tommy am Strand, hält die Arme über den Kopf, während im Hintergrund unscharf die Fliegerbomben niederprasseln und so manchen Soldaten das Leben nehmen. Untermalt werden solche sich wiederholenden Angriffe von einem Sound-Design, das uns die Kehle zuschnürt. Das Geräusch der feindlichen Flieger, die explodierenden Bomben oder am allerschlimmsten: die Ruhe vor dem Sturm. Auch wenn der Score von Hans Zimmer etwas überpräsent wirkt, treten dadurch die stillen Momente umso mehr hervor.

In Dunkirk bekommen wir somit eine ganze Palette an technisch innovativen Praktiken zu sehen, durch die der Film seinen Schauwert erhält, während es zugleich Christopher Nolans bisher geradlinigste Erzählung ist, in der er ohne großes Spektakel auskommt und mit Ruhe und Imposanz inszeniert.


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