Unten am Freitag. Und ganz weit Oben. Leider. (Teil 2 von 2)

(Teil 1 hier *KLICK*)

Yo, wir geh`n dann mal weiter, näch?

Dummdiedumm, diedeldei, ei, was ist der Tag heut schön, ABGRUND! *PanischdieAugenaufreiß*

Ja, da bleib ich doch erstmal stockesteif stehen, ich Flachländerin ich!
Also, man stelle sich das so vor:
Rechts: Felswand. Steil. Hoch. Vom Berg.
Links: ABGRUND!!!!!! Tief, tödlich, ohne Gelände davor. Oder Zaun. Oder Mauer. Oder Warnschildern. Oder Absperrband. Oder IRGENDWAS!
Mitte: Feldweg, kinderwagentauglich. Schmal. Scheint mit jedem Blick in den Abgrund schmaler zu werden. Seltsam.

Ja. Herr L. beugt sich vor und schnallt Mittleres im Buggy an. Zu schnell ist der kleine Schlingel nämlich da raus, wenn er denn will!
Ich dagegen schiebe Größtes schnell auf die Bergseite. Umklammere sein Händchen noch fester. Das ist nicht einfach, denn meine Hand ist schwitzig-rutschig.
Ich ermahne das Größte: Kein Hüpfen, kein Springen, kein garnichts!

Wir gehen weiter.

Mir graust es.

Versteht mich nicht falsch: Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen würde ich nie machen, nix da, aber Höhen waren dennoch nie ein Problem für mich! Auf so einem hohen Berg war ich zwar noch nie, aber schon ab und zu weiter “Oben”. Inklusive einer Urlaubsfahrt über den Brenner, das hat mich sowas von nicht gejuckt!
Aber jetzt …

Jetzt setze ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als würde ich auf einem 30 cm breiten Stieg balancieren und nicht auf einem breiten Wanderweg.
Immer wieder ermahne ich das Größte, nicht zu zappeln, ja nicht meine Hand loszulassen!
Immer fällt mein Blick Richtung Abgrund.

Menschen kommen uns entgegen, gut gelaunte Wanderer, Menschen mit großen (!) Hunden an der Leine, alle Altersklassen, dem Aussehen nach Einheimische und Touristen gleichermaßen.
Lachend, entspannt, fröhlich.
Machen uns bereitwillig Platz, gehen an den Rand der Abgrundseite.
Oh ja, liebe Leute: Ich sehe, wie mitleidig und amüsiert Ihr mich anlächelt!
… Ihr habt ja Recht. Mir steht der Schweiß auf der Stirn, und das nicht nur wegen der Hitze.

EIne Sekunde.
Eine Sekunde nur muss ich nicht aufpassen, einen winzigen Moment bloß.
Da könnte sich das Größte losreißen, Quatsch machen, zum Abgrund laufen, weil es gucken will, auf die falsche und nur vermeindlich feste Stelle treten und … tot.
Einfach so tot.
Von einer Sekunde auf die andere könnte das passieren und ich könnte nichts dagegen machen.
Tot.
Zack.

Und Mittleres?
Könnte sich auch irgendwie befreien (die eine Schnalle schließt nicht mehr richtig), ebenfalls losrennen … Wenn wir “Stop!” schreien, hört es sonst ja auch kaum!
Mir wird schlecht.

Herr L. und ich bleiben stehen. Er vergewissert mir, gut auf unseren kleinen Schatz aufzupassen. Ich ihm das selbe.
Ein bisschen blass ist er auch, aber ansonsten ganz lässig.
Ich nicht.

Wir gehen weiter. Erreichen die “Felsformationen”. Die entpuppen sich, nun, als “da hat ein Irrer einfach mal den Berg zerbombt und Durchgänge reingehauen”.
Aha.
Gut, man geht also durch mehrere kurze Höhlen, hab ich kein Problem mit, “unter Tage” juckt mich nicht, auch nicht mit Kindern.

Aber alter Schwede: Das zieht ja wie Hechtsuppe!
Kein Witz: Trotz tropischen Außentemperaturen ziehe ich den Kindern Jacken über. gut, dass ich auch mir eine Strickjacke mitgenommen habe!
Dunkel ist es und von oben tropft es eisig. Und manchmal sieht man den Ausgang erst nicht, tappt durch völlige Finsternis. Aber immer nur kurz, ein paar Wimpernschläge lang, also alles feini, alles im grünen Bereich.
Und massive Wände zwischen dem Abgrund und meinen Kindern …

Zwischendurch Löcher in der Wand zum rausgucken. Wir sehen tatsächlich unser Auto!
Wie gern wäre ich jetzt dort …

Ach ja: Und nix mit Felsnischen! Das waren die Durchgänge, die wir von unten gesehen hatten, durch die wir jetzt gehen! Mitten durch den Berg!!!!! *Freudighibbel*
(Jaaa, leicht übertrieben, schon klar. Trotzdem. :-P )

Und immer wieder müssen wir ins Freie treten wir ins Freie.

An einer Stelle vor`m Abgrund ist ein kleiner Vorsprung, darauf steht ein kleiner Bagger. Warum auch nicht? Sind ja sicher satte 5cm, die ihn vom todbringenden Abgrund trennen, Platz satt also, *schulterzuck*, unter den Bedingungen kann ich auch rückwärts einparken!

AHHHHHHHHHHHHRG!

Was soll ich sagen?
Schließlich haben wir es geschafft, endlich wieder normaler Weg unter unseren Füßen und zwischen uns und dem Abgrund zumindest zaghaftes Gestrüpp und ein paar handfeste Bäume! Herr L. und ich sind fertig wie Brötchen – obschon wir nichts anderes zu tun hatten, als den Buggy zu schieben / ein Kind an der Hand zu halten – und die Kinder, quietschvergnügt und leicht erschöpft, aber gut drauf.

Es sind Jahre vergangen.

Da ist ein Schild. Wir sehen ein Gatter, alles wird gut!

Da steht “Alm: 15 Minuten”

JA WOLLEN DIE UNS DENN VERA*SCHEN, MEINE FR*SSE, ICH DREH GLEICH DURCH DIE KÖNNEN MICH JETZT MAL ALLE AM A*SCH LECKEN, KÖNNEN DIE MICH MAL!

Das Schöne an Herrn L. und mir ist, dass wir uns so oft einig sind.
-> Abgang.

Irgendwie ist der Rückweg noch schlimmer.
Weil ich weiß, was mir blüht?
Keine Ahnung. Gut, der Abgrund ist jetzt rechts, die freundliche (feste!) Felswand links. Das macht es ein ganz klein wenig besser, da ich ja wie die meisten Menschen Rechtshänder bin und als Europäerin sowieso gewohnt bin, erstmal nach links oben zu gucken. Sprich: In meinem Augenwinkel lauert kein Abgrund, wenn ich den Kopf ein Stück nach links gedreht halte.
Dafür aber in meinem Kopf.
Das Größte hüpft und springt an meiner Hand und ich schreie es panisch zusammen.
Erst als ich ihm ein Eis aus dem Supermarkt verspreche, beruhigt es sich wieder.

Ich versuche, meine Panik zu unterdrücken. Will sie nicht auf die Kinder übertragen. Gesunde Vorsicht und Angst im Sinne von Respekt vor Kräften, denen man nicht gewachsen ist und möglichen Gefahrensituationen: Ja!
Blinde Panik oder ausgewachsene Phobien: Nein!

Also reiß Dich zusammen, Molly!

Ich würde so gerne einfach hierbleiben. Was dann wohl geschehen würde? Wenn ich mich hier einfach hinsetzen würde, den Rücken dicht an die Felswand gedrängt? Ob sie mich mit einem Hubschrauber holen würden? Wohl kaum.
Juchu-Zeug spritzen und wegtragen?
Nee, da müssten die mich schon komplett für weghauen für, gegen eine einfache Sedierung würde ich mich zu sehr wehren.
Ich könnte so aber nicht schlafen: Ich drehe mich um und schlafwandle und dann bin ich tot oder was?
Egal. Sollen die doch zusehen, wie sie mich hier wegbekommen!

Die irrwitzigsten Gdanken – Ihr merkt es schon! – schießen mir durch`s Hirn. ich versuche, keinem davon zu folgen. Denn da ist diese kleine, unendlich kostbare Hand in meiner, auf die ich aufpassen, auf die ich mich konzentrieren muss!

Ein Schritt, eine Sekunde, und Größtes ist tot!

Hör auf, so einen Stuß zu denken, echt jetzt mal!

Ein Schritt, eine Sekunde, und Größtes ist tot!

Hallo? Kannst Du Dich mal beruhigen? Was soll der Scheiß, was ist bloß los mit Dir, Du bist dich sonst nicht so?

Ein Schritt, eine Sekunde, und Größtes ist tot!

Sag Herrn L. wie schlecht es Dir geht! Na los! Du schaffst das sicher, auch ohne die Kinder was mitkriegen zu lassen!

Und dann? Was soll Herr L. schon tun? Garnichts kann er tun! Wir MÜSSEN ja zurück! Und ein Schritt, eine Sekunde, und Größtes ist tot!

Du bist krank! Krank und paraniod und … keine Ahnung, phobisch? So ganz allgemein? Weib, krieg Dich mal wieder ein jetzt!

Ich kann nicht. Ein Schritt, eine Sekunde, und Größtes ist tot!

Wir erreichen den Wald.

Übrigens und BTW: Ich weiß jetzt, warum die Menschen früher (und heute?) Wanderlieder gesungen haben: Einfach, um sich abzulenken! Um etwas zu haben, an dem sie sich festhalten können, so schaut es aus!

Also: Wenn Euch bei Eurem Hin- oder Rückweg zu einer hochgelegenen Alm in ca. 14XX Metern Höhe eine Irre Frau entgegengekommen ist, die “Mein Freund“, “Fading like a flower” oder auch “Liebe ist alles” gesungen hat: Das war ich! *Strahl*

-> Schön (An dieser Stelle Grüßli an Judi! :-) ), wenn man sich da so in Tuchfühlung mit der freundlich-sicheren Felswand langtastet und einem dann völlig ungerührt ein Auto plus Anhänger über den winzeschmalen Fußweg entgegengebretttert kommt …

Im Wald angekommen würde ich am liebsten losheulen. Mich zusammensacken lassen, zittern und weinen und mich von Herrn L. in seine starken Arme nehmen lassen.
Aber das geht ja nicht.
Also halte ich durch bis zurück zur Ferienwohnung (von oben bis zum Parkplatz brauchen wir übrigens 43 Minuten!).
Dann Sippschaft anrufen und fragen, ob mit dem Kleinsten alle gut ist. Ist es.

Ich bin so naß- und durchgeschwitzt, dass ich erst mal duschen gehe. Das letzte innere Zittern spüle ich mit drei Gläsern einem Glas Wein herunter.
Ärgere mich über mich selber: Wann bin ich so ein Weichei geworden?
Jämmerlich, erbärmlich!
Ich sage kein Wort, aber Herr L. versteht mich trotzdem, nimmt mich in die Arme, drückt mich, schaut mich an.
Mit diesem einen, ganz speziellen Herrn L.-Blick, der mehr sagt als alles andere.

Ich würde jetzt echt gern eine rauchen.

Dann nimmt Herr L. mich an der Hand, führt mich zum Bett und in seinem Arm schlafe ich ein. Aber in mir drin … ist irgendwie was noch nicht richtig. Ist irgendwas verkehrt. Als hätte ich jetzt ein Stück dieses Abgrunds in mir.
Irgendwas ist falsch …


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