Unten und Deutschland am Samstag. Der krönende Abschluß. (Teil 1 von 2)

(Erster Teil hier: *KLICK*. vorheriger Teil hier: *KLICK*)

Aufgewacht. Zu Viert, *seufz*. Da klingelt nicht der Wecker, sondern schlägt ein Ärmchen, tritt ein Füßchen oder man wird sonstwie wachmassakriert.

Kopfweh.

Aufstehen. Schnelles Frühstück, Sachen packen. Letzter Durchgang, dann Verabschiedung und auschecken. Losfahren. Nochmal winken.

Im Auto stelle ich den Sitz nach Hinten und versuche mich zu entspannen. Mit Kopfschmerzen aufzuwachen ist für mich keine Seltenheit. Meist liegt das daran, dass ich der Kinder wegen irgendwie völlig verrenkt geschlafen habe. Bei Herrn L. trifft es dann den Rücken, bei mir eher die Nackenpartie. Ergo Kopfweh, das sich mit etwas Glück schnell legt.
Mit etwas Pech hält es drei Tage und hindert mich abends am einschlafen, *seufz*

Wir fahren weiter und der Kopfschmerz wird immer schlimmer. Nichtmal die zusammengerollte Jacke im Genick verschafft mir wie sonst immer Linderung. Ahrg.
Da wir allerdings auf dem Weg zur Sippschaft (ich steh auf dieses Wort! ks to Martha Grimes! :-) ) dann eine Zivilisation durchqueren, finden wir – haltet Euch fest! – tatsächlich eine APOTHEKE! Mit MEDIZIN drin! Die man KAUFEN KANN!
Denn irgendwie habe ich ja nur Zeugs für die Kinder mitgenommen, und da ich wenig Lust auf den Juchu-Saft verspüre, holt mir Herr L. ein freundliches Antikopfschmerzpräparat. Einwerfen, schlucken. Warten uuuuuuuuund weiterfahren! :-)

Zur Sippschaft ist es nicht weit und schon bald umarme ich natürlich als Erstes Kleinstes, dann Onkel, Tante, Lieblingscousin Bernd und seine Frau Karina. Ist das schön, die alle wiederzusehen! *MEGASTRAHL*

Doch die Wiedersehensfreude währt nicht lange. Während Herr L. unsere Sachen ins Gästezimmer bringt und die Verwandtschaft mit den Kindern herumalbert, lasse ich mich auf einen Stuhl sinken. Reibe mir die Schläfen. Kurz hatte ich gedacht, die Kopfschmerzen wären fast ganz weggegangen. Aber Pustekuchen: Als ich aus dem Auto ausstieg, waren sie schlagartig wieder voll da, noch schlimmer jetzt. Außerdem ist mir ein bisschen übel.
Und was ist das? Was ist denn jetzt los, hallo?
Vor meinen Augen tanzen … nein, keine Sterne. Sondern so … Lichtdinger. Wie wenn man durch einen Regentropfen an der Fenstescheibe in eine Straßenlaterne guckte und dann die Ränder visuell abtastet. So irgendwie. Oder so.
Ich blinzele. Hat man schonmal. Dreck im Auge, was auf der Linse, was weiß ich denn.
Geht aber nicht wegzublinzeln oder wegzureiben. OK …?
Moment mal: Sagte ich gerade, mir sei ein bisschen übel?
Stimmt nicht! Stimmt ganz und gar nicht, aber sowas von nicht!

… ich erreiche mit knapper Mühe noch das Bad, bevor ich mich ins Klo übergebe.

Dann lasse ich mich sinken, fühle mich benommen, schwach, aber egal: In meinem Kopf tobt ein Krieg!

Was ist hier los? Und egal, was ist. Warum geht es mir nicht besser, nachdem ich gek*tzt habe? Das ist doch die Regel, das ist der Deal, die Vereinbarung, das ist der Lohn für`s sich nicht dagegen wehren: Dass es einem besser geht, wenn man gespuckt hat!

Lieblingscousin hat mich gehört, kommt rein. Sagt nichts – wofür ich dankbar bin! – und holt Herrn L.
Besorgter Blick: “Schatz, was ist los?”
“Weiß nich”, kommt es kläglich aus mir raus. Ich kann kaum sprechen. “Bett bringen, bitte!”
Herr L. und Bernd bringen mich sofort ins Gästezimmer. Sie reden irgendwas, aber ich höre nur unverständliche Gemurmele.
Ich fühle, dass ich kalkweiß im Gesicht bin.
“Fenster, kein Licht!”, jummele ich und versuche, mich in eine erträgliche Position zu manövrieren.
Geht nicht.
Egal, was ich mache, egal, wie ich mich drehe und wende: Nichts. Nicht die kleinste Veränderung, da wird nichts erträglicher!
Herr L. lässt die Rolläden bis fast nach ganz unten herunter und einen süßen Moment lang ist es herrlich erleichternd. Dann ist es so schlimm wie vorher. Übelkeit steigt erneut in mir hoch. Noch vor einer Sekunde hätte ich geschworen, nicht aufstehen zu können. Jetzt haste ich ins angrenzende Gästeklo und spucke hinein. Übergebe mich immer wieder, bis sich mein Magen zusammenkrampft.
Aus meinen Augen laufen Tränen, meine Hände zittern, als ich mir den Mund ausspüle, und mein Kopf droht mit jedem Atemzug zu explodieren.

Irgendwie schaffe ich es wiederauf`s Bett. Bernd geht raus, irgendwas machen, ist mir egal. Herr L. zieht mir die Schuhe ab, fragt behutsam, ob ich etwas brauche. Die feinen Fältchen in seinem Gesicht sehen in dem dämmerigen Licht tiefer aus. Kummer liegt in seinen Augen.
Ich drücke seine Hand, versuche, ihn zu beruhigen. Aber in dem Moment höre ich die Kinder lachen und keuche auf. Zu viel, zu laut! Ich will weg hier, raus hier, raus aus meinem Kopf!!!!

Die blöden Lichtleuchtdinger vor meinen Augen flackern wild auf und langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun: Was ist nur los mit mir, was ist denn das?

Gemurmel. Dämmeriges dahingleiten im Schmerz. Nicht bewegen, pssst!
Wirre Gedanken … Herr L. und Bernd, die sich unterhalten. Irgendwo weint ein Kind. Aber der Kopf muss still und starr sein, keine Bewegung, keinen Millimeter!

“Schatz, sollen wir den Notarzt rufen?” von irgendwo neben mir.
“Weissichnich”, lalle ich. Dann reiße ich mich zusammen. “Keinen Notarzt”, presse ich hervor, “nich son Drama!”
Gemurmel, Diskussion.
Bernd, der mich behutsam am Arm packt, Herr L. der mir Pantoffeln anzieht:
“Schatz, Bernd bringt Dich jetzt ins Krankenhaus!”

Mitzugehen erscheint einfacher, als sich zu wehren. Bernd führt mich behutsam zur Tür. Onkel, Tante und Karina sind nur besorgte Gesichter, die mich grade irgendwie überhaupt nicht berühren. Aber meine Kinder! Die geben mir einen Stich!

Mich noch um meine Kinder kümmern zu können, ist der Maßstab, den ich immer anlege, sobald es mir nicht gut geht.
Könnte ich mich jetzt gerade um meine Kinder kümmern?
So wie sonst auch, wenn ich vor periodisch bedingten Krämpfen kaum stehen kann oder mir mit einer Bronchitis sonstwas raushuste?
Nein.

Die Antwort schießt klar durch den Schmerz auf mich zu. Ernüchtert mich kurz. Macht mir Angst.
Ich nehme alles zusammen, was ich noch habe und gehe zu meinen Kindern.
“Kinder, Mami geht es nicht gut!”, sage ich und ringe mir ein Lächeln ab. “Bernd bringt mich jetzt ins Krankenhaus und die schlauen Ärzte da geben mir dann Medizin, damit es mir bald wieder besser geht! Papa bleibt bei Euch, wir sehen uns bald, ja?”
Dreimal Küsschen, viermal schniefen. Dann führt mich Bernd, tattrig, zittrig, als wäre ich 100 Jahre alt, zum Auto.

Krankenhaus, Notaufnahme.
Bernd regelt alles. Ich klammere mich an seinen Arm und versuche nicht zu denken, weil immer wenn ich denke, dann sind die Gedanken da und sie sind wie Würmer, sie bewegen sich und dann zappeln sie rum und das geht nicht, weil zappeln Bewegung ist und sich bewegen auch, aber ich darf mich nicht bewegen, nein, nicht den Kopf und auch nicht drin im Kopf und Gedanken tun das! Aber der Kopf sol sich nichtbewegen, darf sich nicht bewegen, schön still und starr muss er sein, hocherhoben und grade und ohne sich zu bewegen, ja, so ist es gut.
Vorsichtig und begutsam, als wäre mein Kopf ein rohes Ei.

Auf dem Weg hierher habe ich im Auto in eine Tüte gespuckt. Oder eher: Gewürgt. Magenverkrampft, schmerzhaft, nur Magensäure, der Rest war schon raus.

Jetzt warten. Sich festklammern. Die Stirn runzeln hilft. Die Stirn runzeln macht alles schlimmer. Woran soll ich mich festhalten? Und wie meinen Kopf unbeweglich halten, wenn ich mich ständig bewegen sol? Warum kommt denn keiner und hilft mir, hält ihn fest für mich, gießt eine Form drumherum, damit das endlich endlcih aufhört???

Bernd redet mit der Anmeldedame, regelt alles. Mit der Schwester, die uns in ein Zimmer führt. Schmales Bett, ich will nicht, da fall ich raus! – Nein, da fällst Du nicht raus!
Aber ich zerknittere die Papierauflage? – Die ist jetzt scheißegal!

Schwitzen. Schmerz, Augenflackern. Mein Arm kribbelt. Nein, nicht der Arm. Nur das Handgelenk und die Hand irgendwie. Kribbelt und sprudelt durch das Handgelenk hoch und wieder runter. Wie Sprudelbläschen halt. Aber nicht eingeschlafen. Komisch irgendwie. Egal, es lenkt mich ab. Ablenken ist gut, Wer abgelenkt ist, denkt nicht. Macht sich keine Zappelwürmer in den Kopf. Keine Gedanken, die sich bewegen, keine …
-> Spucktüte.
Sinnloses und schmerzhaftes Würgen.
Keuchen.
Flackern.
Neben mir eine alte Frau. Alt, uralt, sicher weit über 80 oder so. Die stöhnt und ächzt die ganze Zeit. Ich ertrage das nicht!
Kein Mitleid, keine Emphatie, dafür Finstergedanken: Kann mal wer die Alte hier rauskicken? Die kriegt doch eh nichts mehr mit …!

Eine neue Schwester kommt. Wieder redet Bernd. Wenn er nicht da wäre oder Herr L. oder sonst einer – wie sollte ich erklären, was mit mir los ist?
Ich konzentriere mich, versuche es: Ja, ich kann sprechen!
Gaaaaaanz langsam, nicht zu hastig: “Wann … kommt endlich der Arzt?”, stoße ich hervor.
Ich klinge pampig, das merke ich. Aber ich habe grade … keine Geduld für nichts. Und wenn jetzt eins meiner Kinder weinend auf mich zukäme: Ich würde es wegstoßen. Bin einfach nur … so lächerlich es klingen mag: Fokussiert, irgendwie zu überleben.
Mir kommen die Tränen. Rollen meine Wangen hinunter, unkontrolliert. Ich schluchze.
Ich kann es nicht verhindern.
Aber das macht die Sache nicht besser. Also beginne ich, mit dem Fuß zu schaukeln, Ganz sacht nur. Darauf konzentriere ich mich!
Neben mir Bernd, der zwischendurch mit Herrn L. telefoniert, meine Hand drückt. Beruhigend auf mich einredet. Einmurmelt, denn mehr ertrage ich nicht, aber auch nicht weniger.

Eine Stunde dauert es. Ein Notfall kam rein, danach noch einer und noch einer. Lebensgefahr hat Vorrang, blutende Wunden auch.
Dann kommt endlich der Arzt.
Spricht mit Bernd, fragt mich Sachen.
Legt nebenbei einen Zugang. Tropf dran. Flüssigkeit und was gegen die Übelkeit. Und noch so Zeug. Medizin. Schlagartig geht es mir besser. Placebo-Effekt, hat bei mir immer schon gewirkt.
Irgendwann schlafe ich ein.


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