«Udo Jürgens ist ein Seelenverwandter»

«Udo Jürgens ist ein Seelenverwandter»

4,19 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 13,7 Prozent) sahen den ersten Teil von Udo Jürgens’ Familiengeschichte Der Mann mit dem Fagott. Damit war der Film die meistgesehene Sendung am gestrigen Abend. Am heutigen Geburtstag des Sängers, er wird 77 Jahre alt, gratuliert die ARD mit dem zweiten Teil. Die Rolle des Großvaters Heinrich Bockelmann spielt Christian Berkel, mit dem sich news.de zum Interview traf.

Udo Jürgens ist seit Jahrzehnten ein Frauenschwarm. Was hat Ihre Mutter gesagt, dass Sie in einem Udo-Jürgens-Film mitspielen?

Christian Berkel (lacht): Meine Mutter ist im Mai 92 geworden. Sie weiß, wer Udo Jürgens ist. Meine Mutter ist 1919 geboren und hat viel von der Zeit, die im Film erzählt wird, miterlebt. Da hat es für sie viele Parallelen gegeben. Für meine Familie war es nicht Russland, sondern Frankreich und Spanien. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie in Deutschland als Jüdin verfolgt und ging nach Frankreich. Während der Franco-Zeit in Spanien hat meine Großmutter fünf Jahre in der Todeszelle gesessen. Die Vorstellung, dass ich in einer ähnlich bewegten Familiengeschichte mitspiele, fand meine Mutter sehr spannend. Und den Gedanken an eine Familiensaga, die anhand persönlicher Schicksale die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt.

Klingt als könne man über Ihre Familiengeschichte auch ein Buch schreiben, so wie Udo Jürgens es getan hat.

Berkel: Ja, man müsste es nur aufschreiben. Das ist die enorme Leistung von Udo Jürgens und Michaela Moritz (die Co-Autorin, Anm. d. Red.). Hinter dem Buch, auf dem der Film basiert, stecken nicht nur die eigenen Erinnerungen, sondern auch viel Recherchearbeit. Vieles musste Udo Jürgens in mühsamer und akribischer Kleinarbeit in Archiven suchen, lesen, aufarbeiten und eine Form finden, wie man es erzählt.

Jetzt ist ein zweiteiliger Film daraus geworden …

Berkel: Leider mussten viele spannende Geschichten aus dem Roman weggelassen werden. Sonst hätte man sechs Mal 90 Minuten machen können. Und das wäre wahrscheinlich auch noch spannend gewesen.

War Udo Jürgens schon vor dem Film ein Thema für Sie?

Berkel: Natürlich, aber durch die Arbeit habe ich seine Musik noch besser kennengelernt. Weil ich viel in Frankreich war und auch dort aufgewachsen bin, mochte ich schon immer den französischen Chanson. Als ich mir Udos Musik näher angehört habe, merkte ich erst, dass ich in einer gewissen Zeit in Deutschland auch was verpasst habe. Er ist ein toller Musiker, ob als Komponist oder als Interpret.

Wie war das erste Kennenlernen zwischen Ihnen beiden?

Berkel: Wir haben uns zum ersten Mal in Berlin im «Borchardt» getroffen, Udo Jürgens, Ulli Noethen, Produzentin Regina Ziegler, Michaela Moritz und ich. Es war gar kein Eis da, das man hätte brechen müssen. Udo Jürgens ist ein herzlicher, offener, interessierter, vitaler Mensch, so dass wir am ersten Abend bis 5 Uhr morgens zusammengesessen haben. Bis 2 Uhr waren wir im «Borchardt». Dann taten uns die Kellner leid und wir sind weitergezogen in die nächste Bar. Er hat nicht aufgehört, uns Geschichten zu erzählen, und er hätte auch noch länger durchgehalten. Auch beim Drehen haben wir viele Abende zusammengesessen, nicht immer bis morgens um 5. Das waren immer herrliche, unvergessliche Abende. Wir waren so ein bisschen wie Soulmates, wie Seelenverwandte.

In Der Mann mit dem Fagott spielen Sie seinen Großvater. Wie frei konnten Sie diese Figur anlegen?

Berkel: Wenn überhaupt musste ich mich an Udos Bild von seinem Großvater messen lassen. Familienmitgliedern, mit denen man zusammenlebt, sieht man nicht jeden Tag mit derselben Schärfe. Da ist so ein Großvater oft eine Figur, die nur sporadisch auftaucht und dafür umso genauer wahrgenommen wird. Wenn es eine gute Beziehung ist, bleibt sie ganz stark im Gedächtnis haften, mischt sich mit den Geschichten, die die die Eltern erzählen und dann entsteht eine ganze eigene Figur. Von Udo habe ich aber eine große Offenheit erlebt. Am ersten Abend haben wir über Maske gesprochen, wie stark müssen wir eine Ähnlichkeit herstellen. Udo sagte, dass sein Großvater zwar Haare hatte, aber die brauchen wir nicht unbedingt. Dem Regisseur waren Haare jedoch wichtig, wegen der Verwandlungsmöglichkeiten. Wenn er eine Glatze hat, kann er in der Verbannung nicht auf einmal lange Haaren haben. Wir könnten die vergangene Zeit nicht anhand der gewachsenen Haare erzählen.

Welchen Einfluss hatte Udo Jürgens am Set auf den Film?

Berkel: Uns war allen daran gelegen, dass Udo gefällt, was wir tun, weil uns auch seine Geschichte gefallen hat. Es wäre fatal gewesen, wenn er gesagt hätte: Vielen Dank, das hat aber nichts mit dem zu tun, was ich mir vorgestellt habe. Er ist kein Schwärmer, keiner, der einfach daherredet, er überlegt sich genau, was er sagt. Wenn ihm etwas nicht gefällt, beschreibt er es, jedoch nicht als vordergründige Kritik. Das ist eine Qualität, die gute Musiker haben. Sie sind nicht im negativen Sinne des Wortes Diskutierer, weil ihr Beruf davon lebt, etwas auszuprobieren. Das ist das Wesen der Improvisation. Durch Diskutieren entsteht nicht so viel.

Sie spielen Heinrich Bockelmann vom 21-Jährigen bis zum alten Mann. Welchen Lebensabschnitt des Großvaters haben Sie am liebsten dargestellt?

Berkel: Ich habe Sie alle gern gespielt, aber weil man das nicht so oft hat, war die Verwandlung in den alten Heinrich Bockelmann besonders interessant. Ich mochte aber auch die Phase in der Verbannung, wo jemand an den Rand seiner physischen und psychischen Kräfte kommt. Die Fallhöhe war das Tolle an der Rolle. Er war anfangs jung, komplett unbeleckt, hatte noch keine Vorstellung, was er will. Auf einmal hat er die Begegnung mit einer Melodie und dem Mann mit dem Fagott, es macht klick und er weiß, was er mit seinem Leben machen möchte und es gelingt ihm auch noch. Er geht nach Moskau und St. Petersburg, gründet zwei große Banken, hat einen kometenhaften Aufstieg, wird sehr sehr reich. Trotz seiner Macht verliert er sich überhaupt nicht als Mensch. Das ist schon eine besondere Lebensleistung an sich. Er übernimmt sogar Verantwortung für andere, hat ein starkes Sozialverhalten. Er hat aber auch ungeheuer viel verloren, das Geld, seine Familie, die Freiheit. Dabei nicht unterzugehen und sich nicht korrumpieren zu lassen, geht nur, wenn man einen ganz starken Kontakt zu seiner Gefühlswelt hat. Wohin er sich in Zeiten der Finsternis zurückziehen kann. Das ist ihm offenbar gelungen.

Hört sich an wie eine Traumrolle.

Berkel: War es auch. Meistens sagt man: Toll, in der Rolle konnte ich das und das spielen. Als Heinrich Bockelmann hatte ich Aufgaben und Material für mindestens vier Rollen.

Wo würden Sie den Film in Ihrem Schaffen einordnen?

Berkel: Mit Rangordnungen tue ich mich immer schwer. Jean Moreau wurde einmal zu Fassbinder gefragt, ob das nun der größte Regisseur war, mit dem sie je gearbeitet hatte. Da hat sie die herrliche Antwort gegeben: «Ich habe meine Liebhaber nie untereinander verglichen.» Ich finde das ein schönes Bild. Bei mir ist immer der Film, an dem ich gerade arbeite, der wichtigste. Aber Der Mann mit dem Fagott hat einen besonderen Stellenwert und ich wäre sehr versucht zu sagen: Ja, es ist der tollste. Aber das wäre anderen Filmen gegenüber sehr ungerecht.

Christian Berkel (53) ist ein gefragter Schauspieler. Durch Rollen in Inglorious Basterds, Operation Walküre oder Der Untergang wurde er auch international bekannt. Aber auch im Fernsehen ist er erfolgreich, unter anderem in der Rolle eines Viktimologen in der ZDF-Reihe Der Kriminalist. Mit Schauspielkollegin Andrea Sawatzki bildet er seit 14 Jahren ein Traumpaar.

Lesen Sie hier unser Interview mit dem Udo-Jürgens-Darsteller David Rott.

Der zweite Teil von Der Mann mit dem Fagott wird am Freitag, 30. September 2011, um 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt. Wer Teil eins verpasst hat, kann den Film noch sieben Tage lang auf der Internetseite www.daserste.de in der Mediathek anschauen.

Quelle:
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Medien Nachrichten
Christian Berkel – «Udo Jürgens ist ein Seelenverwandter»

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