Über den Faible für Idioten und digitale Literatur.

"You are like a magnet for them! You attract very strange men!," sagte mir eine Freundin, nachdem ich ihr innerhalb einer Woche von Begegnungen mit zwei völligen Spinnern erzählt hatte, bei denen ich weniger aktiv als passiv zum Aufeinandertreffen geholfen hatte. Recht hat sie. Was auf der Straße, im Club und im Hostel gilt, macht auch beim geschriebenen Wort keine Ausnahme. So fiel eine Horde von Sexisten, Verharmlosern und groben Unfug denkenden über meinen letzten Blogeintrag her, als ich ihn in der Sonntagskolumne eines Literaturforums, bei dem ich aktiv bin, veröffentlichte. Warum ich ihn da veröffentlichte: Weil ich den Versuch mal wagen wollte, ein feministisches Thema in eine unfeministische Umgebung zu bringen, in der ich als Autorin mal mehr, mal weniger anerkannt, aber bekannt bin. Weil ich sehen wollte, was die virtuelle Entsprechung von "Egal, um was es geht, Hauptsache nackt!" und "Los, tanzt!" auf dem slutwalk ist. Die Beleidigungen, Verharmlosungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse, zweifelhafte Ehrerbietungen und persönlichen Angriffe traue ich mich jetzt nicht mal auf hatr.org zu veröffentlichen, weil ich das Gefühl habe, mir würde angelastet, selbst schuld zu sein, in diesem Kontext zu veröffentlichen. Vielleicht werfe ich mir das auch selbst vor. Warum ich in diesem Literaturforum überhaupt noch aktiv bin, liegt daran, dass ich durch Erfahrung geprägt und noch halbnaiv irgendwie an die subversive Kraft von digitaler Literatur glaube und dies durch einige Talente immer wieder bestätigt wird. Aus Nostalgie, weil es Rauhfaser.keinejugend.de sonst gar nicht geben würde. Weil ich ohne das Mehrteilersystem, bei dem man auf dieser Seite Lyriksammlungen strukturieren kann, niemals auf die Idee gekommen wäre, einen "lyrischen Kalender für postpubertierende Jugendliche mit angeborenem Nervenzusammenbruch" namens "Nebenzeit" zu schreiben, und selbigen eine dort kennen gelernte Freundin auch nicht illustrieren könnte, ebenso wie die Idee zu einem Liebesgedichtezyklus, der zum Großteil auf schlechten Übersetzungen englischer Redewendungen beruht, mir nicht mal im Traum eingefallen wäre. Auch, weil ich das Gefühl habe, man kann meinen Faible für Idioten auch positiv ausloten. Als kostensparende Sozialstudie. Im Grunde als Beweismaterial. Wie im echten Leben, wo ich dann Kurzgeschichten über alte Männer im Hostel schreibe, oder fiese Romane, mit denen ich meinen Mitbewohnern Angst einjage, sowie depressive Lieder. Steht hinter jeder kreativen Frau mindestens ein Idiot, der ihr das Leben zur Hölle macht? Es ist doch zum Heulen. Oder auch nicht, solange man im Bikini U-Bahn fährt und sich dabei nicht umbringt. "Sometimes I wake up in the middle of the night, and all I see is Delusion of Decay// Sometimes I fall asleep in broad daylight.// In fact it seems to happen every day." (Mikrofisch: Delusions of Decay)