Tocotronic: Die Unendlichkeit

printzip März 2018Während die deutschsprachige Belletristik-Literatur und der deutsche Film oft noch an der – schon immer sonderbaren – Trennung zwischen „ernsthafter“ und „Unterhaltungs“-Sparte festhalten und entweder trockene, anstrengend-verkünstelte Kost oder leichte, niveaulose Konservenware produzieren, schaffen es deutsche Musiker wie Tocotronic eingängige Musik mit anspruchsvollen Texten zu verbinden. Die inhaltliche Gestaltung des neuen Album Die Unendlichkeit ist eher ungewöhnlich für die Band. Die Songs erzählen Episoden aus dem Leben des Sängers Dirk von Lowtzow, Geschichten aus der Vergangenheit, von der Kindheit über die rebellische Jugend, über Verluste bis zum eigenen Tod und der Nachwirkung. Ein vertontes Tagesbuch bis in die Zukunft. Bisher hat man ähnliches nur in einzelnen Titeln von Tocotronic gehört.

Die Texte vorheriger Alben wurden teilweise kryptisch bezeichnet. In der Tat spielten sie oft mit sloganhaften Elementen und Überleitungen, deren Zusammenhang zu erkennen manchmal selbst dann schwer fiel, wenn man die zahlreichen intertextuellen Bezüge erkannte – von soziologischen Theorien über klassische Literatur bis zur Popkultur. Selten auf Anhieb zu verstehen, konnten sie aber nach Reflexion vielfältige geistige Anregungen bieten. Auf Die Unendlichkeit zeigen Tocotronic nun, dass sie Meister des Textens auf allen Ebenen sind. Hier gelingt es ihnen, anschaulich, quasi nacherlebbar, Erlebtes zu schildern, ohne dabei Kitsch und zu viel Pathos zu erzeugen. Sicher ist das Album auch unpolitischer als vorherige und lässt weniger gesellschaftskritische Deutungen zu. Doch zeigen sie in ihren episodenhaften Schilderungen immer wieder auch gesellschaftliche Phänomene zu verschiedenen Punkten der letzten Jahrzehnte auf äußerst intelligente Weise auf. Ebenso Zitate und Anspielungen fehlen nicht, textlich wie musikalisch.

Die musikalische Gestaltung der Songs ist den jeweiligen zeitlichen Epochen angepasst oder enthält musikalische Referenzen an Bands, die in dieser Zeit für die Band wichtig waren. Insgesamt ist das Album musikalisch sehr abwechslungsreich geraten. Beim rockigen „Hey Du“ klingt die Musik und sogar der Gesang wie aus der stürmischeren Anfangszeit der Band. „Unwiederbringlich“ wird – bei einem traurigen Text, in dem es um den Tod geht – von einem eher munteren Arrangement, unter anderem einem Xylophon, begleitet. Der Song „Die Unendlichkeit“ ist komplex arrangiert, „Ich würds dir sagen“ kommt mit einer Akustik-Gitarren-Begleitung aus.

Das Album bietet auch Fans von Tocotronic – unerwartet – etwas Neues, ohne irgendjemanden zu enttäuschen. Es wurde am 26. Januar 2018 veröffentlicht und stieg direkt auf Platz 1 der deutschen Album-Charts ein.

Wer Tocotronice live in der Region erleben möchte: Sie kommen dieses Jahr zum Open Flair Festival, das vom 8. bis 12. August in
Eschwege stattfindet (Infos: www.open-flair.de).

CD | Vertigo Berlin (Universal Music) | 2018 | Pop-Rock |12 Songs | 45 Min.

erschienen im Monatsmagazin printzip, März 2018

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